TV-FilmWährend der Minister dem Größenwahn entgegentaumelt

Der Freiherr von Donnersberg ist eine Kunstfigur. Doch in der Guttenberg-Satire "Der Minister" ist jeder Name ein Statement, jede Szene ein Spiegel der Berliner Republik. von Kurt Sagatz

Der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg war die große Lichtgestalt, der Hoffnungsträger, der am Times Square eine ebenso imposante Figur machte wie im Heeresflieger auf dem Weg nach Kundus. Verheiratet mit einer Ur-Ur-Enkelin von Bismarck wagte er am Kabinettstisch sogar den Aufstand gegen die übermächtige Kanzlerin – was dazu führte, dass viele in ihm bereits den nächsten Kanzler sahen, wäre da nicht die leidige Geschichte mit den abgeschriebenen Passagen in seiner Doktorarbeit gewesen. Im Nachhinein mag Aufstieg und Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg wie eine Realsatire wirken, der TV-Film Der Minister um Franz Ferdinand von und zu Donnersberg, den der Privatsender Sat 1 an diesem Dienstag ausstrahlt, gehört jedenfalls zu den besten Satiren über den Politik- und Medienbetrieb überhaupt.

Alles Fiktion, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder wahren Begebenheiten ist reiner Zufall, versichert Sat-1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow – so zufällig eben wie die Namensähnlichkeiten von Kanzlerin Murkel, Vizekanzler Wellerweste oder eben Freiherr von und zu Donnersberg. Immerhin war der Privatsender der einzige, der den Mut aufbrachte, diesen Stoff umzusetzen, lobt Teamworx-Produzent Nico Hofmann den Einsatz von Sat 1.

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Kai Schumann, der den fränkischen Baron gibt, zeichnet der gleiche geniale Wahnsinn aus, den Götz George in Schtonk zum Besten gab, wo er als Skandalreporter die Hitler-Tagebücher der Weltpresse präsentierte. Der Minister benötigt für seinen Furor nicht einmal ein Publikum. Als Franz Ferdinand zu Donnersberg endlich den Ministerposten erobert hat, rockt er zusammen mit Freund Max Highway to Hell zur Luftgitarre. Der Cast überzeugt auf ganzer Linie. Johann von Bülow wird als Freund Max zugleich zum ewigen Ghostwriter wie zum Gewissen des Barons. Walter Sittler übernimmt als Rochus zu Donnersberg die adlige Erziehung. Alexandra Neldel geht in der Rolle der Ministergattin Viktoria auf, das reale Vorbild hat es ihr allerdings leicht gemacht. Es ist bemerkenswert, was eine strenge Garderobe und blondes Haar ausmachen. Apropos Äußerlichkeiten: Die Donnersbergs gibt’s gleich im Doppelpack. Der Chefredakteur des Blitz-Kurier und dessen Ehefrau (Thomas Heinze und Susan Sideropoulos) passen wunderbar zum Minister-Ehepaar. Wer war da eigentlich das Original und wer die Kopie? Alle überragt Katharina Thalbach als Bundeskanzlerin Angela Murkel, egal ob im Kabinett oder mit der Suppenkelle. "Es gibt Dinge, von denen die Menschen nicht wissen wollen, wie sie gemacht werden. Dazu gehören Gesetze, Krieg und Wurst", sagt Murkel und schiebt sich die zusammengerollte Wurstscheibe in den Mund – besser kann es kein Politiker sagen.

Kai Schumann ist die Idealbesetzung für den gefallenen Politstar, und dies nicht nur wegen äußerlicher Ähnlichkeiten zu Karl-Theodor zu Guttenberg oder seiner Fähigkeit, den Senkrechtstarter auch noch im Scheitern sympathisch darzustellen. Vielmehr erfüllt Schumann die Hauptforderung von Drehbuchautorin Dorothee Schön an die Figur: So wie Guttenberg "die perfekte Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Wahlvolks" war, hält Schumann dem Publikum den Guttenberg-Spiegel vor.

Jede Szene eine Anspielung

Für ihr Drehbuch zu Frau Böhm sagt Nein hat Dorothee Schön 2010 einen Grimme-Preis erhalten. In ihren genial-bissigen Dialogen für Der Minister steckt immer ein wahrer Kern. "Der Film ist allein darum sehr nah an der Realität, weil er auf einer sehr hohen Zitatebene agiert. Das geht bis zu Seehofers Keller-Modelleisenbahn", sagt Kai Schumann. "In dem Film hätte ich jede Rolle spielen wollen, nur um dabei zu sein."

Regisseur Uwe Janson hat der perfekten Kombination aus Buch und Besetzung die Bühne bereitet. Jeder Name wird zum Statement, jede Szene enthält eine Anspielung auf die Berliner Republik. Vor allem aber hat Janson das richtige Tempogefühl. Wie bei Thomas Manns Hochstapler Felix Krull ist es eine reine Freude, Franz Ferdinand zu Donnersberg anfangs beim politischen Aufstieg zuzusehen. Doch Janson überzieht nicht. Während der Minister dem Größenwahn entgegentaumelt, setzt bei Max beim Wechsel ins Verteidigungsressort das Gegensteuern ein. "Das ist kein Spiel, hier geht es um Menschenleben", sagt der Freund und verhilft der TV-Satire zu einem gewissen Happy End.

Persönlich kann Kai Schumann wenig mit zu Guttenberg anfangen. "Aus meiner Biografie und meinem Charakter heraus hätte ich kein großes Interesse, mich mit ihm zu unterhalten. Ich würde mich lieber mal mit Alexander Kluge treffen. Ströbele und Fischer würden mich interessieren, oder Gysi", sagte er dem Tagesspiegel.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. der Hauptdarsteller diesen speziellen G.-Sound, dieses lässig-distinguierte Einfließen von »fraglos«, »indes«, »freilich«, »demgemäß« usw.
    Ich freu mich drauf.

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  2. Was zeigt dieser Film schon, außer Altbekanntes neu aufzugießen? Viel interessanter wäre es doch, Hintergründe auszuleuchten und die Strippenzieher aus dem Hintergrund hervorzuholen. Staatssekretäre, Factarget="_blank" hreferenten, sonstige Ministerialbeamte. Jene, die die eigentlich Macht machen, weil sie die Gesetze schreiben, weil bei denen die Lobbyisten ein- und ausgehen. Die Figuren im Vordergrund sind lediglich schmückendes Beiwerk. Es sind jene, die den Kram nach außen hin verkaufen müssen und ja - auch die öffentliche Prügel einstecken. Aber sonst weitest gehend uninteressant.

    Doch wäre das dem geneigten Sat1-Zuschauer nach (mutmaßlicher) Meinung der Senderchefs schon wieder zu anstrengend? Nicht seicht genug? Zu sehr die Konzentration fordernd? Zum Feierabend unzumutbar? Nicht lustig?

    2 Leserempfehlungen
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    Wir hatten das Original live und in Farbe !
    Besser als das, kann man die deutsche Politikrealität nicht persivlieren !

    • JOAX
    • 12. März 2013 21:53 Uhr

    aber er trifft die Unfähigkeit die in Berlin regiert voll und ganz.

    Aber eigentlich ist das echt traurig.....

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  3. Ich musste die ganze Zeit schon daran denken, was es noch alles an Fortsetzungen es geben könnte.. Wulff, Schavan.. :)

    Interessant ist auch, dass einige Sätze im Film laut Titanic-Magazin von ihnen kopiert wurden :)

    • jondiv
    • 12. März 2013 22:58 Uhr

    Ich hab grade mal auf der Sat1-Seite durchgeskippt - leider überlicher deutscher TV-Mist. Als "The Thick of It" vor Jahren gesehen, und zwanzig mal realitätsnäher und trotzdem lustiger. Ich will da keinen nationalen Komplex aufkochen, aber ich frag mich von Herzen, was mit der Schauspielerei hierzulande los ist - ganz im Ernst, vielleicht liegt's an der Sprache? Ich glaub eigentlich nicht dass die Leute selbst Mist sind, aber diese völlig unglaubwürdigen Erzählstimmen, die Mistdialoge... ist Englisch cooler? Oder ist der Betrieb hier zu gesellschaftsfern? Ich find's eher schade.

    2 Leserempfehlungen
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    Den Komplex haben ganz offensichtlich Sie!

    Es gibt Menschen, die sind so fest gemauert in diesen Komplexen, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, etwas offen zu beurteilen.

    Man muss den Film nicht großartig finden. Aber um ihn beurteilen zu können, hätte man sich mal die Mühe machen müssen, OFFEN mind. 15 Minuten zu gucken. Haben Sie nicht gemacht, sondern nur kurz mal "durchgeskippt" (so Komplex behaftet simmer schon, dass der Begriff nötig ist?)
    Mit The Thick of It hat der Film nicht viel zu tun und will es auch nicht.

    Gerade in "der Minister" sind die Dialoge nämlich sehr ausgefeilt und überdacht und die meisten Schauspieler haben sich wunderbar in ihre jeweiligen Protagonisten eingearbeitet, in Gestik, Mimik, Sprache. Dafür hätte man den Film aber SEHEN müssen - und nicht nur Sekunden lang mit eben jener Komplex getrübten Brille.

    Sie sind das Pendant zu meinem 80 jährigen Vater. Der findet grundsätzlich alles schlecht, wirklich restlos alles, was aus Amiland kommt. Sonst ein sehr aufgeschlossener Mann, aber da ist sein blinder Fleck. Wir haben das inzwischen akzeptiert, dass wir uns die Mühe sparen können, ihn auf gute Sachen aufmerksam zu machen, die ER verpasst, nicht wir. Ernst nehmen kann man ihn aber an der Stelle halt nicht mehr. Das muss er akzeptieren und weiß das auch. Wissen Sie das auch?

  4. Ich war von dem Film positiv überrascht, vor allem da er auf Sat1 lief und dieser Sender nicht unbedingt für hochqualitatives Fernsehen bekannt ist. Es war daher mal eine erfrischende Abwechslung zu den elenden Liebesfilm-Komödien, die dort sonst laufen.
    "Der Minister" war recht gut besetzt, aber insbesondere die Dialoge waren gut geschrieben. Mir gefielen die vielen Anspielungen auf den realen Berliner Politikbetrieb, was auch darauf zurückzuführen war, dass viele Aussagen und Aktionen Guttenbergs eins zu eins in den Film übertragen würden. Insgesamt sehr amüsant und ich kann nur jedem empfehlen, der nicht zugeschaut hat, dies noch nachzuholen. Der Film steht noch eine Woche in der Mediathek von Sat1.

    7 Leserempfehlungen
  5. Hat mal jemand recherchiert, wie der Herr Guttenberg so schwuppdiwupp zum Senkrechtstarter werden konnte. Gibt es da nicht die Atlantikbrücke, so einen US-Amiverein, der seit Jahrzehnten in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung potentielle Politgrößen in bestimmte Positionen hievt? Herr von Kläden zählt doch aus zu den Ziehsöhnen dieses Clubs. Da wird jemand nicht per Zufall an die Spitze befördert. Warum das wohl so ist, überlasse ich jedem geneigten Nachdenker. Wieso wurde Brandt abgelöst von Schmidt - vielleicht, weil Brandt dervgeplanten Raketenstationierung in Deutschland nicht zugestimmt hätte? Dass Guttenberg die Bundeswehr modernisieren wollte - vielleicht, weil mit der Wehrpflichtabschaffung (weniger Soldaten) mehr Geld für den Kauf von US-Rüstungsgütern frei werden konnte? Alles nur Phantasterei? Dann erkläre mir mal bitte jemand, warum der Herr Guttenberg nach seinem Doktordesaster in die US verschwunden ist, um dann nach kurzer Zeit als irgendein Consultant bzw. Grüßgottaugust in Diensten eines sogenannten Think-Tanks wieder auf der EU-Bildfläche zu erscheinen ... und sich selbst !!!! OHNE MANDAT UND BEZAHLUNG DURCH DIE EU !!!! als irgendein Botschafter in Sachen Internet in der EU rumreist und so sämtliche politischen Türen für Hintermänner öffnen wird. Ob es umdas Internet geht, ist mal egal. Alles nur Verschwörungstheorie? Dann bitte eine stimmige Erklärung für diese Kunst-Figur - aber bitte nicht: Der kann nicht anders. Das wäre zu billig.

    14 Leserempfehlungen
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    >> OHNE MANDAT UND BEZAHLUNG DURCH DIE EU !!!! als irgendein Botschafter in Sachen Internet in der EU rumreist <<

    ... es als Satire. Natürlich steckt hinter dem "echten" Guttenberg mehr als in das Filmchen passte. Trotzdem fand ich es recht passabel gelungen. Das erschreckende und spezielle an Guttenberg sind ja nicht seine Hintermänner, die teilt er mit anderen.

    Gruselig ist, dass die halbe Nation - inkl. diverser Chefredakteure auch sog. Qualitätsmedien - auf diesen Blender hereingefallen ist.

    Und heute will es keiner mehr gewesen sein. Klar, wäre mir auch peinlich, aber man sollte schon dazu stehen. Denn das wäre das einzige gewesen, was man durch Guttenberg hätte lernen können: immer hinter die Fassade schauen.

    Leider ist das unseren Medien zu umständlich, und das trifft nicht nur auf den Fall Guttenberg zu.

    In diesem Sinne würde ich mich über eine Fortsetzung "Die Kanzlerin" freuen, gerne wieder mit Katharina Thalbach, dann aber vermutlich weniger witzig.

  6. Den Komplex haben ganz offensichtlich Sie!

    Es gibt Menschen, die sind so fest gemauert in diesen Komplexen, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, etwas offen zu beurteilen.

    Man muss den Film nicht großartig finden. Aber um ihn beurteilen zu können, hätte man sich mal die Mühe machen müssen, OFFEN mind. 15 Minuten zu gucken. Haben Sie nicht gemacht, sondern nur kurz mal "durchgeskippt" (so Komplex behaftet simmer schon, dass der Begriff nötig ist?)
    Mit The Thick of It hat der Film nicht viel zu tun und will es auch nicht.

    Gerade in "der Minister" sind die Dialoge nämlich sehr ausgefeilt und überdacht und die meisten Schauspieler haben sich wunderbar in ihre jeweiligen Protagonisten eingearbeitet, in Gestik, Mimik, Sprache. Dafür hätte man den Film aber SEHEN müssen - und nicht nur Sekunden lang mit eben jener Komplex getrübten Brille.

    Sie sind das Pendant zu meinem 80 jährigen Vater. Der findet grundsätzlich alles schlecht, wirklich restlos alles, was aus Amiland kommt. Sonst ein sehr aufgeschlossener Mann, aber da ist sein blinder Fleck. Wir haben das inzwischen akzeptiert, dass wir uns die Mühe sparen können, ihn auf gute Sachen aufmerksam zu machen, die ER verpasst, nicht wir. Ernst nehmen kann man ihn aber an der Stelle halt nicht mehr. Das muss er akzeptieren und weiß das auch. Wissen Sie das auch?

    6 Leserempfehlungen

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