Fernsehen : Deutschlands neue Serienhelden

Die neue arte-Serie "Zeit der Helden", die heute startet, zeigt: Sogar die pfälzische Provinz kann spannend sein. Wenn man ein gutes Erzählkonzept hat.

Programmplaner im deutschen Fernsehen haben es offenbar satt, ständig die Qualität von Importserien vorgehalten zu bekommen. Plötzlich gibt es mit Lerchenberg Selbstironie im ZDF, wenn auch nur spätnachts. Plötzlich rühren nicht nur Dokumentationen den Finger in historische Wunden, sondern auch die Spielserie Unsere Väter, unsere Mütter. Und plötzlich wird in Zeit der Helden sogar die pfälzische Provinz spannend – in einem Format, das es im deutschen Fernsehen so noch nicht gab: Echtzeit-Fiktion.

Das klingt nach dem Konzept von 24, aber während die Terrorserie die 24 Stunden eines Tages auf 24 Sendetermine streckt, zeigt Zeit der Helden in neun Folgen immer das, was bei den Protagonisten genau an diesem Abend passiert. Also erzählt die erste Folge am 25. März von 20.15 bis 21 Uhr, was in Weinheim am 25. März von 20.15 bis 21 Uhr geschieht, und so weiter bis zur Abschlussfolge am Karfreitag.

Das ist natürlich Fiktion; gedreht wurde die Serie im Frühsommer 2012. Vegetation und Wetter im Film stimmen nicht so recht mit der Realität 2013 überein. Die Produzenten Thomas Kufus und Volker Heise konnten ja auch nicht mit diesem langen Winter rechnen. Erfahrung mit dem Echtzeitformat haben die beiden schon mit 24h Berlin – Ein Tag im Leben gesammelt: Kamerateams folgten 50 Protagonisten am 5. und 6. September 2008 über 24 Stunden; ein Jahr später wurde die Doku in voller Länge von 1.440 Minuten ausgestrahlt.

Zeit der Helden handelt von "ganz normalen Menschen in einem ganz normalen Reihenhaus". Die Serie läuft bei SWR und Arte in einer Themenwoche mit dem Titel 40 + Jetzt oder nie. Es geht um "Midlife", jenes Alter, zu dem die Krise gehört wie die Faust aufs krähenfüßige Auge.

Handlung im Tragikomiktakt

Die Protagonisten sind Arndt und Mai Brunner, Elektroinstallateur und Hausfrau, verheiratet, zwei Kinder. Und ihre hipperen Nachbarn Gregor und Sandra, Lichtdesigner und Projektmanagerin in der Spielzeugbranche, unverheiratet, kinderlos. Brunners hüten in den Osterferien das Haus der Nachbarn, während die mit ihrem Freund Christoph in den Skiurlaub fahren.

Würden wir "ganz normalen Menschen in einem ganz normalen Reihenhaus" jeden Abend 75 Minuten lang dabei zuschauen, was sie an genau diesem Abend tun, es wäre wenig unterhaltsam. Deshalb entspricht die Erzählzeit zwar der erzählten Zeit – aber im Tragikomiktakt. Jobs werden verloren und gefunden, Partnerschaften zerbrechen, Väter verschwinden, Menschen sterben. Weil es ums Älterwerden geht, benehmen sich Erwachsene wie Pubertierende, suchen Muttertiere nach neuen Rollen und Mannsbilder nach Liebe. Es wird kaum einen Zuschauer geben, in dessen Leben in fünf Tagen so viel los ist wie im Drehbuch von Beate Langmaack und Daniel Nocke. Hoffentlich.

Eine weitere Folge des Echtzeit-Konzepts ist, dass die Handlung komplett am Abend spielt, also im Dunkeln. Regisseur Kai Wessel (Die Flucht) nutzt das aus: Er lässt Taschenlampen durch Gärten schweifen, schaltet Außenlichter mit Bewegungsmeldern an- und aus, malt krimimäßige Düsterszenen.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Welt spricht aber nicht "europäisch"...

"Die EU hat wesentlich mehr Einwohner als die USA und Kanada zusammen. Außerdem hindert keiner einen daran, auch eine EU-produzierte Sendung in die ganze Welt zu verkaufen. Es müsste halt nur die Qualität stimmen."

Wir sprechen aber nicht alle eine Sprache, und wir haben außerdem nicht noch einen zusätzlichen außereuropäischen Markt, der die gleiche Sprache spricht (für die USA: Kanada, Großbritannien, Australien, und zu geringerem Maß das riesige Indien und Südafrika, sowie der gebildete Rest der Welt). Deshalb können v.a. US-Produktionen ganz andere Geldquellen anzapfen, weil viel mehr Verkäufe zu erwarten sind. Und mit ganz viel Geld kann man ganz viel Zeit in das Skript und andere Teile der Produktion stecken.

Um diesen Weltmarkt zu bedienen, müßten europäische Sendungen auch noch mit Zusatzkosten übersetzt und synchronisiert werden --und Synchronisiertes verkauft sich z.B. in den USA wie sauer Milch. Die drehen das dann lieber neu, und passen es gleich noch kulturell an (passiert ja sogar den Briten mit ihren Serien, weil die reden so komisches Englisch ;-D ).

Nischenfernsehen in einem Riesenmarkt vs. Zwergmarkt

Aber ganz falsch ist sie auch nicht, oder? HBO und Co. können eben schon von vornherein mit dem riesigen US-Markt rechnen, der fast 400 Mio. Menschen groß ist (bisschen kleiner als EU, aber eben *einsprachig* und auch kulturell relativ einheitlich). Plus die anderen englischsprachigen Nationen mit nochmal 100-120 Mio. , geschätzt, in die sich alles ohne großen Aufwand weiterverkaufen läßt.

Eine Million dauerhafte Zuschauer für eine Serie, davon kann man im vielsprachigen Europa nur träumen, und erst recht, wenn es um Pay-TV geht. Hier müssen erst finanzielle Vorleistungen erbracht werden, um die Produktionen in den verschiedenen Ländern erst mal sendetauglich zu machen (Untertitel, Sychronisation).

Ein Pay-TV, das in der Lage wäre, Produktionen der Art wie HBO sie macht, auf die Beine zu stellen, kann ich mir für Deutschland (oder den deutschsprachigen Raum) nicht vorstellen. Trotz des Sprachenvorteils schaffen das ja nicht mal die Briten, oder nur, wenn sie sich einen US-Partner suchen.

Jetzt haben die Briten allerdings...

... ein öffentlich-rechtliches System, dass stark dem unseren ähnelt. Da könnte man auf die Idee kommen, dass es vielleicht daran liegt, und dass der "Sprachenvorteil" überschätzt wird.

(Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass die Kosten von Synchronisation verglichen mit den sonstigen Herstellungskosten bei HBO-Serien noch besonders stark zu Buche schlagen würden.)

Ich möchte auch noch ein europäisches Beispiel anführen: Die Serie "The Spiral" war von der Produktionsqualität durchaus mit amerikanischen Produkten vergleichbar und war eine Kooperation zwischen diversen europäischen Sendern.

Ruiniert wurde sie dann aber durch die völlig sinnlose und unglaubwürdige Handlung, und die aufdringliche EU-Propaganda. Das besser zu machen, hätte den Preis wohl nur minimal in die Höhe getrieben; vielleicht hätte es gereicht, einen amerikanischen Drehbuchschreiber zu engagieren. Das bringt mich zu dem Schluss, dass es wohl eher am Können fehlt, als am Geld.

Anderes Beispiel: Die dänische Version von "The Killing". Hätte super sein können, wenn man die Szenen mit leidenden Eltern und persönlichen Problemen der Ermittler auf ca. 20% zurückgefahren hätte. Das hätte sogar Drehzeit und damit Geld _gespart_.

Auch hier sieht man wieder: Es scheitert am europäischen Versuch, besonders intellektuell und künstlerisch sein zu wollen. Nicht am Geld.

Siehe meinen Kommentar "Das Problem in Deutschland"

In Teilen haben Sie recht. Aber unterschätzen Sie dabei auch nicht, dass sich solche Serien weltweit vermarkten lassen. Und damit spielt eine Einschaltquote von lächerlichen 1 Millionen bei "Breaking Bad" in den USA eine eher untergeordnete Rolle. Man kann so eine Serie in die ganze Welt verkaufen. Das gilt für so ziemlich alle Serien in den USA. Selbst wenn die Quote mau ist, der Markt für die Vermarktung ist gigantisch, weil weltweit.

Kulturelles Problem, kein ÖR-Problem

Gansverzehr:
"... ein öffentlich-rechtliches System, dass stark dem unseren ähnelt. Da könnte man auf die Idee kommen, dass es vielleicht daran liegt, und dass der "Sprachenvorteil" überschätzt wird."

Glaube ich nicht. Das liegt nicht an ÖR oder privat.

Beispiel: Die Action-Serie "Strike Back" (Action mit einem dramatischen Kern) aus dem privaten Hause Sky. Erste Staffel (britisch produziert) hat ziemlich gute Kritiken und Einschaltzahlen gekriegt, für eine Action-Serie. Danach wurde ein amerikanischer Partner (Cinemax) ins Boot geholt und der Hauptdarsteller ausgewechselt (lag wohl primär daran, dass der alte Hauptdarsteller andere Verpflichtungen hatte). Staffeln 2 und folgende folgten mehr dem amerikanischen Action-Standard (mehr Action, mehr "bodycount", weniger Drama).

Die erste Staffel ist bis heute nicht in den USA veröffentlicht worden, was für mich eher auf ein kulturelles Problem hinweist. Der amerikanische Markt ist nicht offen für europäische Produktionen, während der europäische Markt gern vieles aufsaugt, was die Amerikaner vergleichsweise günstig anbieten, und darüber die Entwicklung der eigenen Stärken vergisst. Und die gibt es, denn sonst würden europäische Produktionen nicht immer wieder gern transatlantisch kopiert... (Hatufim (IL) = Homeland, Forbrydelsen (DK) = The Killing, und weitere Serien, die ich nur nicht gesehen habe).