Fakten, nicht Feuilleton: "Das Deutsche Reich verlor während des Krieges schätzungsweise 3,8 bis 4 Millionen deutsche Soldaten und 1,65 Millionen Zivilisten. Die weitaus meisten Toten beklagte mit 25 Millionen Menschen die Sowjetunion. Der Judenverfolgung fielen nach Schätzungen insgesamt 5,6 Millionen bis 6,3 Millionen Menschen zum Opfer." Die Zahlen – grabsteinhart und unfassbar – stehen am Schluss des Pressematerials, das den ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter begleitet.

Im Kinderlied über Fischlein und Sternlein heißt es: "Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl." Das sollte uns als Kinder beruhigen. Erwachsen denken wir an die unzähligen Erzählungen, die zu der ganzen, grausigen Zahl gehören. Und erkennen: Zählen heißt nicht begreifen. Vielleicht hat Gott gesagt, was der Kinderreim unterschlägt: Das mit den Erzählungen müsst ihr selber tun. Ihr und eure Massenmedien seid es der Nachwelt schuldig.

Aber wer will diese Werke über die Hitlerzeit noch? Man muss ja nur in sich hineinhören, wie es da so grummelt: Genre, Pflichtübung, so lange her, keine Quelle für Erneuerung des Mediums, Schwelgen in den Formen von gestern.

Das am meisten beeindruckende Unternehmen der jüngeren Fernsehzeit

Doch dann. Mitten im Vielen das Besondere. Der ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter, die fiktive Rekonstruktion des großen kriegerischen Mordens an Körpern und Seelen, ist das am meisten beeindruckende Unternehmen der jüngeren Fernsehzeit. Nicht wegen des Themas, sondern wegen der Form.

Man entdeckt: Das Medium perfektioniert sich als Geschichtserzähler, als selbstbewusster Historiker, der gelernt hat, was er kann und was er nicht kann. Vergangenheit ist zwar vorbei, aber das Fernseherzählen von Vergangenem ist Fernsehzukunft. Eine Firma wie Teamworx, Produzent von Unsere Mütter, unsere Väter, hat exemplarisch am Problem der Übersetzung von vergangener Gegenwart in heutige Fernsehwirklichkeit gearbeitet.

Eine Zeit lang favorisierten Nico Hofmann und sein Team das Melodram, für Hochkunst eine bedenkliche Form, aber wie der Geruchssinn ein direkter Weg ins Herz und Hirn des sentimental abgerichteten Fernsehzuschauers. Es fiel schwer, sich gegen die Liebesgeschichten von Der TunnelLuftbrücke, Dresden und Die Flucht zu wehren, den Amorgöttinnen und Göttern wie Nicolette Krebitz, Maria Furtwängler und Heino Ferch nicht zu erliegen. Aber, so schön die Feier der Liebe ist, sie ist auch etwas sehr Allgemeines, nicht das Ganze, kein Staubsauger, in dem die Komplexität einer Epoche verschwindet.

Wie ein Feldpostbrief, der mit über 70-jähriger Verspätung ankommt

Unsere Mütter, unsere Väter ist deshalb ein Fernsehereignis, nicht weil es neue Fakten berichtet oder von vergessenen Inseln erzählt – die Themen des Dreiteilers, Soldat sein, Frontleiden, Judenverfolgung, Verrat, Lazarettqual sind alle schon behandelt worden –, sondern weil die 270 Minuten Film eine überzeugende Form finden, verschiedene Handlungsstränge zu verbinden und Krieg und Hitlerzeit als das Protokoll einer allgemeinen und schuldhaften Verrohung zu erzählen, der sich niemand entzieht. Begreifbar wird, dass der Verlust von Anstand und Ehre so schlimm ist wie der Tod. "Unsere Mütter, unsere Väter wirkt wie ein Feldpostbrief, der mit über 70-jähriger Verspätung auf dem Bildschirm ankommt. Wenn man ihn liest, merkt man, wie sehr die Überbringer mitgeschrieben haben.