"Unsere Mütter, unsere Väter"Protokoll einer Verrohung

Eindringlicher kann der Nazi-Schrecken nicht wirken: Der ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" aktualisiert Träume, Albträume – und Schuld. von Nikolaus von Festenberg

Fakten, nicht Feuilleton: "Das Deutsche Reich verlor während des Krieges schätzungsweise 3,8 bis 4 Millionen deutsche Soldaten und 1,65 Millionen Zivilisten. Die weitaus meisten Toten beklagte mit 25 Millionen Menschen die Sowjetunion. Der Judenverfolgung fielen nach Schätzungen insgesamt 5,6 Millionen bis 6,3 Millionen Menschen zum Opfer." Die Zahlen – grabsteinhart und unfassbar – stehen am Schluss des Pressematerials, das den ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter begleitet.

Im Kinderlied über Fischlein und Sternlein heißt es: "Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl." Das sollte uns als Kinder beruhigen. Erwachsen denken wir an die unzähligen Erzählungen, die zu der ganzen, grausigen Zahl gehören. Und erkennen: Zählen heißt nicht begreifen. Vielleicht hat Gott gesagt, was der Kinderreim unterschlägt: Das mit den Erzählungen müsst ihr selber tun. Ihr und eure Massenmedien seid es der Nachwelt schuldig.

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Aber wer will diese Werke über die Hitlerzeit noch? Man muss ja nur in sich hineinhören, wie es da so grummelt: Genre, Pflichtübung, so lange her, keine Quelle für Erneuerung des Mediums, Schwelgen in den Formen von gestern.

Das am meisten beeindruckende Unternehmen der jüngeren Fernsehzeit

Doch dann. Mitten im Vielen das Besondere. Der ZDF-Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter, die fiktive Rekonstruktion des großen kriegerischen Mordens an Körpern und Seelen, ist das am meisten beeindruckende Unternehmen der jüngeren Fernsehzeit. Nicht wegen des Themas, sondern wegen der Form.

Man entdeckt: Das Medium perfektioniert sich als Geschichtserzähler, als selbstbewusster Historiker, der gelernt hat, was er kann und was er nicht kann. Vergangenheit ist zwar vorbei, aber das Fernseherzählen von Vergangenem ist Fernsehzukunft. Eine Firma wie Teamworx, Produzent von Unsere Mütter, unsere Väter, hat exemplarisch am Problem der Übersetzung von vergangener Gegenwart in heutige Fernsehwirklichkeit gearbeitet.

Eine Zeit lang favorisierten Nico Hofmann und sein Team das Melodram, für Hochkunst eine bedenkliche Form, aber wie der Geruchssinn ein direkter Weg ins Herz und Hirn des sentimental abgerichteten Fernsehzuschauers. Es fiel schwer, sich gegen die Liebesgeschichten von Der TunnelLuftbrücke, Dresden und Die Flucht zu wehren, den Amorgöttinnen und Göttern wie Nicolette Krebitz, Maria Furtwängler und Heino Ferch nicht zu erliegen. Aber, so schön die Feier der Liebe ist, sie ist auch etwas sehr Allgemeines, nicht das Ganze, kein Staubsauger, in dem die Komplexität einer Epoche verschwindet.

Wie ein Feldpostbrief, der mit über 70-jähriger Verspätung ankommt

Unsere Mütter, unsere Väter ist deshalb ein Fernsehereignis, nicht weil es neue Fakten berichtet oder von vergessenen Inseln erzählt – die Themen des Dreiteilers, Soldat sein, Frontleiden, Judenverfolgung, Verrat, Lazarettqual sind alle schon behandelt worden –, sondern weil die 270 Minuten Film eine überzeugende Form finden, verschiedene Handlungsstränge zu verbinden und Krieg und Hitlerzeit als das Protokoll einer allgemeinen und schuldhaften Verrohung zu erzählen, der sich niemand entzieht. Begreifbar wird, dass der Verlust von Anstand und Ehre so schlimm ist wie der Tod. "Unsere Mütter, unsere Väter wirkt wie ein Feldpostbrief, der mit über 70-jähriger Verspätung auf dem Bildschirm ankommt. Wenn man ihn liest, merkt man, wie sehr die Überbringer mitgeschrieben haben. 

Leserkommentare
  1. Ich bin echt gespannt. Und habe gleichzeitig ein wenig Angst. Das Thema ist in dem Sinne und unter dem Blickwinkel nie wirklich offen dirkustiert oder dargestellt worden. Ich weiß inzwischen, wie sehr mich das immer noch quält. Wie viele meiner persönlichen Probleme sich aus diesen unausgesprochen schrecklichen Dinge speisen, die jeder aus dieser Elterngeneration mit sich rumgetragen hat. Und die einfach totgeschwiegen wurden. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich damit nicht alleine stehe. Ob diese Reihe daran etwas ändern wird weiß ich nicht. Wir, die Kinder dieser Menschen sind inzwischen ja selber dabei das Ruder aus der Hand zu geben. Ob man man an seelischen Verletzungen in der Situation noch viel heilen kann? Trotzdem sollte natürlich gezeigt werden, was passiert ist und wie das passieren konnte...
    Teach your children: http://www.youtube.com/watch?v=EkaKwXddT_I

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    "Das Thema ist in dem Sinne und unter dem Blickwinkel nie wirklich offen dirkustiert oder dargestellt worden."
    -----------------------------------
    Hier in Deustchland war das entschieden anders, bis zum Abi gab es eine jährliche Kostprobe im Geschichtsunterricht,
    Zur Kompensation hilft nur noch Abstinenz von diesem Thema

  2. Würde in diesem Land nicht ständig die Nazi-Keule zur Unterdrückung von Themen geschwungen werden könnte man sich den Film ja antun.

    Wo bleiben aber die Hochwertigen anderen Produktionen? Neue Roman, Grimmsche Märchen, moderne deutsch-holländische/deutsch-polnische Produktionen?

    Das Thema ist so abgearbeitet und irgendwie sehnt man sich auch mal nach anderem! (Ausser Jauch, Rosamunde Pilcher, Fussball Bundesliga und dem Musikantenstadl)

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    Es war klar, daß bei einem Artikel zu diesem Dreiteiler früher oder später jemand mit der unsäglichen "Nazikeule", dem Argumentationsrettungsschirm für alle Verharmloser und "man wird doch wohl noch mal sagen dürfen"-Sager angewackelt kommen würde. Immerhin aber nicht gleich im ersten Kommentar!

    Auf den Dreiteiler bin ich sehr gespannt. Und wo Sie schon das Thema "GEZ" ansprechen: Es scheint so, als wären unsere Gebühren schon lange nicht mehr so sinnvoll angelegt worden.

    und wie bei dieser Produktion zuzuschauen, wie sich hoffnungsvolle und unbekümmerte junge Menschen im Angesichts des Krieges zu orientierungslosen und verrohten Opfern und Tätern entwickeln, habe ich so noch nicht gesehen. Also solche Szenen verhelfen zum Verständnis von Kriegsleid und -folgen besser als eine reine objektive Faktenschau. Welche Fazetten die Persönlichkeit offenbart, wenn es um das nackte Überleben geht oder um das zähe Festhalten an Lebensträumen. Und das faszinierenste: man kann die Umstände seiner eigenen Vorfahren noch besser erahnen und sie vielleicht auch besser verstehen.
    Ich hoffe es gibt in Zukunft mehr Filme mit dieser Erzählform - vielleicht zum Thema Vertreibung oder den Anfängen der NS-Zeit.

    und immer wieder. Wie schnell Menschen etwas vergessen bzw. verdrängen zeigt sich in unserer Gesellschaft immer wieder. Rechtsradikale Aktionen und die Verbreitung von rechtsradikalem Gedankengut ist in Deutschland und anderen europäischen Ländern verbreitet.
    Je weiter die Gräueltäten des Naziregimes vor und während des 2. Weltkrieges weg sind, desto mehr muss das den Menschen immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden, damit so etwas nicht mehr geschieht.

    Was für eine belanglose Kritik Ihrerseits.

    Gerade solche Fernsehproduktionen sind es, mit denen sich unser Rundfunksystem positiv hervortut.

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    Grimms Märchen sind doch ganz neu und wirklich auch sehr gut verfilmt worden. Wenn sie Märchen lieben, schauen Sie sich doch das ARD-Programm mal genau an.

  3. ....."Das Thema ist so abgearbeitet und irgendwie sehnt man sich auch mal .."

    nein!

    nach wie vor wird das thema verharmlost !

    wieso können heute wieder neofaschisten in deutschland menschen umbringen?
    und der staat bzw. regierung schaut zu !

    21 Leserempfehlungen
  4. Es war klar, daß bei einem Artikel zu diesem Dreiteiler früher oder später jemand mit der unsäglichen "Nazikeule", dem Argumentationsrettungsschirm für alle Verharmloser und "man wird doch wohl noch mal sagen dürfen"-Sager angewackelt kommen würde. Immerhin aber nicht gleich im ersten Kommentar!

    Auf den Dreiteiler bin ich sehr gespannt. Und wo Sie schon das Thema "GEZ" ansprechen: Es scheint so, als wären unsere Gebühren schon lange nicht mehr so sinnvoll angelegt worden.

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    Entfernt. Kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

  5. "Eindringlicher kann der Nazi-Schrecken nicht wirken: Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ aktualisiert Träume, Albträume – und Schuld."

    erregt die Befürchtung, dass sich bei dieser Xten. Aufarbeitungsverfilmung der im Filmtitel angedeuteten"deutschen Kollektiv-Schuldfrage", unerwünschte Abwehr- oder Abstumpfungssymptome einstellen könnten, die genau den gegenteiligen Effekt von bewirken.

    Zum Filmtitel:
    "Unsere Mütter, unsere Väter" . Wessen Eltern aus welcher Generation sollen da eigentlich unter Generalverdacht gestellt werden?
    Meine jedenfalls nicht und deren Eltern auch nicht. Die wurden aus politischen u. rassischen Gründen schikaniert und verfolgt und haben schließlich bei mutigen deutschen Menschen Unterschlupf und Schutz finden dürfen.

    Ich empfinde allein die pauschalisierende Filmtitelwahl spalterisch und ärgerlich rückwärtsgewandt inakzeptabel, und bin von daher wenig geneigt, mir dieses "Ereignis" anzutun. Eher evtl. die nachfolgende Diskussionsrunde mit "IIlner spezial"

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    • gorgo
    • 20. März 2013 12:01 Uhr

    Vielleicht schaun Sie doch in ihre alten Kommentare - der Film ist inzwischen gelaufen und ich versuche, ihn einzuschätzen. Ihr Kommentar macht mich nachdenklich

    Nicht besonders doll gemacht, sehr ein dt. Fernsehfilm eben - aber ich höre viele viele Leute der Generation zwischen kindheit, Jugend und Erwachsenwerden, die ihn wichtig und gut finden - als brutalität nicht aussparenden Anti-Kriegsfilm vor allem, als Film gegen die Verdummung, die mit Ihnen betrieben wurde, als Film auch über schuldig werden schon durchs mitsingen und mit-siegen-wollen im Hitlerjungend und BDM-Alter.
    Ich fand gut, dass der Film unter "Unsere Mütter" auch jüdische Mütter verstand und Väter natürlich, dass - zu kurz Russen und Ukraininnen vorkamen, jüdische Mütter, deren Kind abgeknallt wird (in Russland) eine jüdische Humanistin (mit einer ermordeten Familie) - ich fand, das gehört zu "uns" dazu - vielleicht ist das zu großzügig mit "uns" gedacht - aber "wir" heute - sind wir so unterschiedlich? Ihre Meinung würde mich interessieren - bei Gelegenheit?

  6. 6. [...]

    Entfernt. Kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

    10 Leserempfehlungen
  7. Ihr Sehnen in allen Ehren - aber wir müssen auch Sehen: Wenn Sie sich nur mal das Gesamtversagen gegen die Neos wie die Nazis anschauen, dann ist das Thema noch lang nicht beendet und die braune Gefahr äußerst konkret!

    Ein ähnlicher Film zum gleichen Themenkreis "Ver-führte Jugend" lief (in schwarz-weiß) bereits vor fast 50 Jahren: Die Abenteuer des Werner Holt (DEFA). Er war ein sehr aufwühlendes Filmerlebnis.

    Zurück zur Gegenwart: Schade, dass es mode zu sein scheint, bereits vor dem Erscheinen mit Superlativen umher zu werfen, die erst noch ihre Daseinsberechtigung erweisen müssen. Hoffentlich tun sie's. Das sind wir der Achtung vor den Opfern schuldig...

    6 Leserempfehlungen
  8. So wie es scheint, handelt es sich ja um eine aufwändige und kinoreife Produktion. Auch andere Schauspieler (ein Film ohne Christine Neubauer ist physikalisch machbar?) helfen dem schnöden ZDF aus der Kritik.

    Wenn ich allerdings lese wie fünf Freunde die verschiedner nicht sein können alle erzählrelevanten Ereignisse des WW2 durchleben spreizt sich mein Nackenflaum!!! Dazu dann Marktgerecht ZDF-History und Maybrit Illner.
    Die dicke Bertha schießt aus Mainz...

    Aber ich werde dem Film eine Chance geben - auch weil ich die GEZ im Unterbewusstsein rechtfertigen muss.

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    @HalloKInder
    "...auch weil ich die GEZ im Unterbewusstsein rechtfertigen muss" nö, müssen Sie nicht. Nur Zahlen :(.

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