Film "Der Tag wird kommen"Zwei Mittelfinger dem Einheitsbrei

Zwei Brüder – ein Punk und ein Spießer – beschließen die Revolte in ihrer Kleinstadt. Herrlich grotesk, nur leider manchmal allzu absehbar anarchisch. von Birgit Roschy

NOT ist laut eigener Ansage der älteste Punk mit Hund in Europa. Tagtäglich treibt er sich bettelnd auf den Parkplätzen eines Einkaufszentrums herum, das auch seiner übrigen Familie der Lebensmittelpunkt ist. Sein Bruder Jean-Pierre arbeitet als Verkäufer in einem Matratzengeschäft. Die Eltern betreiben einen tristen Imbiss und schälen meist Kartoffeln. Der wichtigste Mitspieler in der neuen Komödie des Regietandems Benoît Delépine und Gustave Kervern ist jener gesichtslose Unort, der so ähnlich auf vielen grünen Wiesen zu finden ist, als eine der größten ästhetischen Zumutungen moderner Urbanität. Schon George A. Romero ließ sich in seinem Horrorklassiker Dawn of the Dead von Shopping Malls inspirieren. Bei Romero schlurfen Zombies durch die Gänge. Bei den Franzosen werden die öden Konsumtempel nun zum Schauplatz einer clownesken Revolte gegen das Zombietum genormter Existenzen.

Mit ihren gefinkelten Off-Beat-Komödien haben sich die beiden Filmemacher seit zehn Jahren eine Fangemeinde herangezogen. Ihr Hausheiliger ist Aki Kaurismäki, ihre Helden sind die Underdogs, bei denen die soziale Dressur nicht greift. In Aaltra trampten zwei ungehobelte Rollstuhlfahrer durch halb Europa, in Louise Hires A Contract Killer heuerte eine Arbeiterin einen Killer an, um ihren Chef zu töten. In Mammuth knatterte Urviech Gérard Depardieu auf dem Motorrad als Schlachtergehilfe mit wehender Mähne auf der Suche nach Rentenbelegen durchs Land.

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Im neuen Film wird nun ein verzweifelt angepasster Kleinbürger zum Outlaw erzogen. Denn ausgerechnet Jean-Pierre, der Matratzenverkäufer, dreht nach dem sukzessiven Verlust von Frau, Kind, Haus und Job komplett durch. NOT, dem Jean-Pierre stets verbissen das Credo bürgerlicher Tugenden gepredigt hatte, richtet den Bruder wieder auf. Er schert ihm eine Irokesenbürste, tätowiert ihm DEAD auf die Stirn und macht ihn mit dem Way of Life eines Provinzpunks vertraut.

Die radikale Befreiung von Stechuhr, Chef und Manieren hat im französischen Kino Tradition. Die planlosen Punks erinnern an Bertrand Bliers Ausgebuffte von 1974. In Themroc verwandelte sich ein Bürosklave in einen atavistischen Höhlenmensch zurück. Doch diese Ähnlichkeiten sind nicht der Grund dafür, dass der fünfte Kinofilm von Kervern und Delépine etwas abgestanden wirkt. Es fehlt das Quäntchen Abgründigkeit, das beispielsweise Louise hires a contract killer über bloße Sozialkritik hinaushob. So gerät die anarchische Perspektive auf die Sinnlosigkeit irdischen Strebens auch zur Masche. Die in gewollt schiefen Bildern und langen, fixen Einstellungen à la Kaurismäki ausgebreiteten Hässlichkeiten sehen genauso aus, wie man es von den Regisseuren erwartet. Das Ende ist gar arg küchenpsychologisch mit einer neu justierten Eltern-Kinder-Beziehung. 

Szenen alltäglichen Wahnsinns

Dafür entschädigen mal hübsch groteske, mal bitterbös zugespitzte Szenen alltäglichen Wahnsinns. Als Nachtquartier dient den beiden eine jener typischen abstrakten Skulpturen, mit denen Verkehrsinseln aufgehübscht werden. Eines Tages übergießt sich Jean-Pierre in seiner Verzweiflung mit Benzin und zündet sich im Supermarkt an. Doch keiner reagiert. Ohnedies werden die Flämmchen von der automatischen Sprinkleranlage gelöscht. NOT macht chaplineske Faxen vor Überwachungskameras – auch hier guckt wieder kein Schwein.

Fraglos haben diese Tollereien einen gesellschaftskritischen Anspruch, doch das Anarcho-Paar steht Stan Laurel & Oliver Hardy näher als Che Guevara. Der ungeschlachtete Benoît Poelvoorde (Nichts zu verzollen) als NOT und Albert Dupontel als sensibler Neupunk DEAD spielen mehr Slapstick. Weitere Stammgäste der Filmemacher haben nur die Funktion bizarrer Hingucker: Bouli Lanners, Yolande Moreau, Miss Ming und Gérard Depardieu, dem in der Realität vielleicht ältesten Punk ohne Hund, der als ein aus dem Schnapsglas lesendes Orakel auftritt. Das Chansonnierduo Brigitte Fontaine und Areski Belkacem mimt die Eltern, deren mit Leerformeln gespickte Nonsense-Gespräche einfach großartig sind. Dazu passt der Soundtrack, in dem, neben Konzertaufnahmen der Psychobilly-Band Les Wampas, auch Fontaines Punksong Bis baby boum boum-Song von 1979 zu neuen Ehren kommt.

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Am Ende entpuppt sich die Komödie weniger als Absage an Konsumterror und Entfremdung denn als permanenter Aufstand gegen die mechanische Starrheit, gegen ein Gelebt-Werden. In dialektischer Konsequenz wird auch NOTs Selbstbild als cooler Cowboy ad absurdum geführt: Während eines Punkkonzerts trägt man ihn nach dem Stage Diving auf Händen – und wirft ihn in den Müllcontainer. Zwar lässt sich die NOT-DEAD-Devise der Brüder ohne weiteres mit Günter Eichs "Sei Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt" übersetzen. Doch die provozierenden Posen der Altpunks haben dieselbe systemverändernde Wirkung wie die sorgfältig geschminkten Protestclowns von Occupy: gar keine. Übrig bleibt immerhin ein stilsicherer filmischer Ausraster, zwei Stunden Karneval vor der Rückkehr ins Hamsterrad.
 

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Leserkommentare
  1. macht die occupy-bewegung wirklich noch immer so viel angst, dass sie bei der ZEIT in jeder möglichen oder unmöglichen textsorte, ja sogar in einer amüsant geschriebenen filmkritik, als dumm oder clownesk abgetan werden muss? von einer ernstzunehmenden zeitung muss doch erwartet werden dürfen, dass sich die journalist/innen endlich mit dem phänomen occupy auseinandersetzen, anstatt bei jeder gelegenheit sinnlose vergleiche auszuprobieren und unbedarft draufzuhauen. gerade was die längerfristige systemveränderung durch bewegungen wie occupy betrifft, würde eine wissenschaftliche analyse anders ausgehen, als der oben versuchte vergleich.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Schließlich ist es ja auch die Intention unserer Systemimmanenten Leitmedien, uns im Selbstverständnis ihrer eigenen Gestaltungsfunktion,
    über die Parameter einer erfolgreichen Emanzipation,
    gegen die von Ihnen, durch Meinungsbildung alimentierte gesellschaftliche Klasse aufklären.

  2. Schließlich ist es ja auch die Intention unserer Systemimmanenten Leitmedien, uns im Selbstverständnis ihrer eigenen Gestaltungsfunktion,
    über die Parameter einer erfolgreichen Emanzipation,
    gegen die von Ihnen, durch Meinungsbildung alimentierte gesellschaftliche Klasse aufklären.

    Antwort auf "die große angst"
  3. Werte Frau Roschy,

    das Wort "küchenpsychologisch" meint ebenso wie "küchenphilosopisch" immer etwas Abwertendes. Warum bloß?

    In der Küche lassen sich wahre Gefühle und Gedanken ebenso ertasten und in Worte fassen wie in der Wüste. Und zwar potenziell von jedem Menschen. Ob Buddha, Nietzsche, Prof. Dr. Dr., studierter Germanist, gelernter Maurer oder Bauer.

    Ein bißchen Demut vor dieser Tatsache wirkt Wunder. Vermutlich auch bezogen auf die Wertung des Films.

    Doch Vorsicht! Die Wertung durch Worte könnte sogar entbehrlich erscheinen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film
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