Film "Eine Dame in Paris"Jeanne Moreau, die Femme totale

Die Franzosen vergöttern ihre Filmstars. Jetzt hat – ausgerechnet ein Este – eine Dreiecksgeschichte mit Jeanne Moreau gedreht, in der sie allein im Mittelpunkt steht. von Birgit Roschy

Wenn Ausländerinnen aus nordöstlicher Richtung nach Paris kommen, kaufen sie sich gerne zuallererst einen Rock und elegante Schuhe mit Absätzen. Diese feminisierende Wirkung der Stadt hat der estnische Regisseur Ilmar Raag in seinem Kinodebüt gut beobachtet. Auch seine Figur der Anne erliegt ihr. Recht eindrücklich hat Raag davor die Unwirtlichkeit des baltischen Winters gezeigt, wenn sich die Estin, in unförmige Mäntel und Stiefel eingemummelt, stoisch ihren Weg über vereiste Straßen bahnt. Seit Langem geschieden, hat Anna ihr Leben der Pflege der dementen Mutter gewidmet. Als diese stirbt, bekommt Anne ein Angebot, dass sie nicht ablehnen kann: Sie soll Haushälterin bei einer aus Estland stammenden Dame in Paris werden. Alte Sehnsüchte der ehemaligen Sprachstudentin werden wach und sie packt ihre Koffer.

Doch im Zentrum des Films steht danach gar nicht die duldsame Anne (Laine Mägi) und ihr Aufblühen im verführerischen Pariser Klima, sondern Annes garstige Landsmännin, gespielt von Jeanne Moreau. Die reiche Witwe, die allein in einer Großbürgerwohnung residiert, ist alles andere als pflegeleicht. Frida ist weder dement noch gebrechlich, sondern hat einfach keine Lust mehr zu leben. Estnisch reden will sie schon gar nicht. Erfolglos versucht Anne, die im seidenen Negligé im Bett thronende Frida zum Essen zu bewegen. Und weil die Aufpasserin den Schlüssel des Medikamentenschranks versteckt hat, wirft Frida schon mal mit Tassen. Kurz: Man könnte die launische Greisin als Drache bezeichnen, wäre dies nicht eine Respektlosigkeit gegenüber Jeanne Moreau, der mittlerweile 85-jährigen Überfrau des französischen Kinos.

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Es ist erstaunlich, wie widerstandslos Raag der Veteranin das Feld überlässt. Mägi, in ihrer Heimat ein Theaterstar, lässt sich, schicker Rock hin oder her, von der betagten Femme totale an die Wand spielen. Zu Fridas Hofstaat gehört auch Stéphane – gespielt von Patrick Pineau, einem Theatermacher und gelegentlichen Filmschauspieler (Chanson d'amour). Auch er bekommt in Moreaus Bannkreis kaum einen Fuß auf den Boden. Cafébesitzer Stéphane hat Annes Kommen organisiert und ist nicht, wie vermutet, Fridas Sohn, sondern ihr ehemaliger Liebhaber, der sich in einer Mischung aus Anhänglichkeit und Genervtheit um sie kümmert. Er überredet Anne ein ums andere Mal zu bleiben. Als sich Frida schließlich doch von der stillen Geduld ihrer Dienerin erweichen lässt und mit ihr einen Spaziergang zu Stéphanes Café unternimmt, ist im Grunde schon der Höhepunkt des Films erreicht.

Raag, der zuvor mit Die Klasse, einem gnadenlosen TV-Drama über Terror unter Schülern, auf Festivals Furore gemacht hatte, filmt dieses intime Spiel wie auf Zehenspitzen. Tiefenscharfe Aufnahmen der beiden Frauen in der plüschigen Wohnung wechseln mit langen Einstellungen von den Streifzügen der zunehmend leichtfüßigen Anne über die Boulevards. Und wenn Frida in einer Mischung aus Wut und Trauer den leidenschaftlichen Gefühlen von einst nachtrauert, wird das Drama zu einer berührenden Meditation über die Einsamkeit des Alters.

Doch um was geht es sonst noch? Will Raag, der selbst in Paris studierte, ein Streiflicht auf die estnische Migrantengemeinde werfen, die nach Stalins Überfall nach Frankreich floh? Ein angedeutetes altes Zerwürfnis zwischen der frivolen Frida und den puritanischen Esten bleibt jedoch zu vage, um für Spannung zu sorgen.

Das gilt auch für die Annäherung Annes an Stéphane. Das Drama bietet schlicht zu wenig Stoff, um die Facetten des Beziehungsdreiecks anschaulich zu machen.

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So wird der Film zur bloßen Hommage an Jeanne Moreau, die, als kapriziöse Greisin mit zahlreichen einstigen Affären, ihre eigene Filmlegende beschwört. Einst "Frankreichs Geliebte" genannt, war die Moreau nicht nur die Traumfrau der Nouvelle Vague, der in Truffauts Jules & Jim und in Fahrstuhl zum Schaffott die Männer zu Füßen lagen. Ihre Marianne-Büste stand als symbolische Verkörperung Frankreichs in den Bürgermeisterämtern. Ihr sinnliches Gesicht, Versprechen und Fluch zugleich, hat Generationen von Kinogängern fasziniert. Jetzt, jenseits der 80 hat Jeanne Moreau noch immer die Ausstrahlung einer Löwin. Man sollte sich ihr höchst vorsichtig nähern.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Film | Jeanne Moreau | Chanson | Drama | Estland | Frankreich
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