Alarm, die Welt geht unter! Die Panik des Londoner Teenagers Ginger – im Jahr der Hiroshima-Bombe geboren! – ist verständlich. Nun, zu Beginn der sechziger Jahre, steht die Welt am Rande eines Atomkriegs. Es ist die Zeit der Kubakrise, in der jeder angespannt vor dem Radio und dem Fernseher sitzt. Die 17-jährige Ginger reiht sich in Antikriegsdemos ein, während ihre Freundin Rosa es lieber mit Beten versucht. Gingers politisches Engagement dient ihr auch als Blitzableiter für ihren sich abzeichnenden privaten Weltuntergang, dem sie ebenso hilflos ausgeliefert ist.

Sally Potter ist die Grande Dame des Autorenkinos und wurde oft als verkopft und spröde geschmäht. Diesmal überrascht sie mit einem ungekünstelten Adoleszenzdrama aus der aufgewühlten Prä-Beatles-Ära. Beginnend mit dem Atompilz schildert sie in knappen 85 Minuten, wie Hauptfigur Ginger durch den Verrat der beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben zur emotionalen Kernschmelze getrieben wird. Doch Potter, 1992 durch ihre Verfilmung des Virginia-Woolf-Romans Orlando, in dem die Hauptfigur das Geschlecht wechselt, bekannt geworden, ist eine Querdenkerin. Mit leicht verdaulichen Coming-Of-Age-Tragikomödien hat ihr differenziertes Drama wenig gemein.

So löst sie die Chronik von Gingers Éducation sentimentale in impressionistische, aber tiefenscharfe Stimmungsbilder im Stil der Nouvelle Vague auf. Ginger und Rosa sind, seit sich ihre Mütter bei der Geburt anfreundeten, so innig miteinander verbunden, wie es nur zwei pubertierende Mädchen sein können. Das Händchenhalten, der Weltschmerz, das hysterische Gegickel, das gemeinsame Jeans-Schrumpfen in der Badewanne: In sinnlichen Jump-Cuts macht Potter die Symbiose der zarten Bräute spürbar. Trotz unterschiedlicher Orientierung – Ginger interessiert sich für Politik und will Dichterin werden, die sexuell offensivere Rosa probiert an zufällig verfügbaren Altersgenossen ihre Verführungskraft aus – bilden sie eine Blase, in der sie sich vor den familiären Dauerkrisen abschotten.

Die zum Drehzeitpunkt erst 14-jährige Elle Fanning, die zuvor bereits in Sofia Coppolas Somewhere aufgefallen war, ist als 17-jährige Ginger, mit leuchtend erdbeerblonder Mähne ausgestattet, sensationell gut. Gegen dieses emotionale Kraftwerk kann Rosa, gespielt von Alice Englert, Tochter der Filmemacherin Jane Campion (und zurzeit auch im Teeniemärchen Beautiful Creatures als kleine Hexe zu sehen) nur verlieren, ihre Figur wirkt dementsprechend etwas unterbelichtet.

Die zweite Koordinate in Gingers Leben ist ihr angehimmelter Vater, gespielt von Alessandro Nivola, der gekonnt zwischen waidwunder und verschlagener Attitüde agiert. Musiklehrer Roland, der sich als pazifistischer Freigeist gefällt, verhält sich mehr wie ein Kumpel denn wie ein Vater. Selbstgerecht breitet er vor seiner bewundernden Tochter sein antiautoritäres Credo aus und hat für alles Verständnis, insbesondere für sich selbst. Der attraktive Mann geht mit den Girlies segeln und erzählt in leisen Worten von seiner Knastzeit während des Krieges als Deserteur. Cool! Die vaterlose Rosa ist von dem romantischen Helden tief bewegt.