Film "Mademoiselle Populaire"Tipp, charmante Tippse!

"Mademoiselle Populaire" erzählt die Geschichte einer Frauwerdung in den späten fünziger Jahren. Mit dem Film feiert der Franzose Régis Roinsard das Kino jener Zeit. von 

Es sind die späten fünfziger Jahre: eine Zeit des Aufbruchs, der beginnenden Emanzipation der Frau, der Auflösung von Rollenklischees. In den kommenden Jahren werden die Röcke kürzer, die Shirts enger, der BH enttabuisiert. Der Geist wird freier und die Menschen in Europa blicken auf Amerika. In Frankreich wird die Antibewegung der Nouvelle Vague ins Leben gerufen, die revolutionäre Antwort auf das konventionelle tradierte Kino. Die Kritiker der legendären Zeitschrift Cahiers du Cinéma stellten sich selbst hinter die Kamera: Claude Chabrol drehte Die Enttäuschten (1958) und Schrei, wenn Du kannst (1959), François Truffaut Sie küssten und sie schlugen ihn (1959) und Jean-Luc Godard Außer Atem (1959). Die filmische Avantgarde und visuelle Innovation verdeutlichen den kulturellen Aufbruch in das Jahrzehnt der ungleich freieren, gelösteren sechziger Jahre.

Genau in dieser Zeit, 1958, spielt die Geschichte, die der französische Regisseur Régis Roinsard (Jahrgang 1972) in seinem Regiedebüt Mademoiselle Populaire erzählt: Es galt, den Zweiten Weltkrieg zu kompensieren, alles hatte nett und adrett zu sein. Die Wirtschaftswunderjahre waren eine bleierne Zeit. Die Geschichte von Rose Pamphyle zeichnet nun den ganz allmählich eintretenden Wandel nach. Rose soll heiraten und ein Leben als Hausfrau und Mutter führen, doch sie bricht aus der Enge ihrer Provinz aus und bewirbt sich bei dem Versicherungsagenten Louis Echard (Romain Duris) als Sekretärin.

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Ihr Arbeitgeber bemerkt Roses frappierende Schnelligkeit auf der Schreibmaschine, meldet sie für den regionalen Schreibmaschinen-Wettbewerb an und gibt ihr privat Übungsstunden. Tippen, tippen, tippen! Ihre Fingernägel lässt er verschiedenfarbig lackieren – jeder Finger hat seinen Tipp-Bereich. Rose soll einmal Tipp-Königin werden.

In Vorbereitung auf diese Rolle habe sie sich diverse Filme mit Audrey Hepburn angesehen, hat die Hauptdarstellerin Déborah François gesagt: Blake Edwards' Frühstück bei Tiffanys (1961), der das kleine Schwarze endgültig salonfähig machte, die Fünziger-Jahre-Klassiker Sabrina (1954) und Ariane – Liebe am Nachmittag (1957), beide von Billy Wilder inszeniert, Ein süßer Fratz (1957) und die Musical-Adaption My Fair Lady (1964). Audrey Hepburn habe ihr maßgeblich als Inspiration für die Figur der anmutig-unschuldigen Rose gedient, sagt die 25-jährige François.

Die Geschichte dieses Aschenbrödels Rose Pamphyle ist letztlich die Geschichte einer Frauwerdung, Aus dem unauffälligen Mädchen eines normannischen Dorfs, das im Gemischtwarenladen des Vaters in einer moralisierenden Gemeinschaft vor sich hin darbte, wird schließlich die allenthalben begehrte und beachtete, von kreischenden Fans belagerte, mit lukrativen Werbeverträgen geköderte Schreibmaschinenschnellschreibwettbewerbskönigin – erst regional, in der Normandie, dann national, in Paris, schließlich international, in New York. Dort, wo alle Aschenbrödel einmal hin möchten.

Ein weiterer Fünfziger-Jahre-Topos ist die explizite Hommage an Alfred Hitchcocks Vertigo, zu der sich Regisseur Régis Roinsard ganz freimütig bekennt. In einer Szene zieht sich Rose um, kommt aus dem Badezimmer und geht auf Louis zu. Wir sehen die Metamorphose einer Frau: Rose wird endlich zu der, die sich Louis gewünscht hat. So wie sich Kim Novak auf Wunsch von James Stewart mehr und mehr in jene Frau verwandelt, die er geliebt hat und die tot ist. Doch wie Stewart erfahren muss, dass diese Frau ganz eigene Pläne verfolgt, merkt auch Louis, dass Rose schließlich ihre eigene Entscheidung trifft.

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Auch das detailverliebte Set-Design, die Farbgebung sowie die Musik von Emmanuel D´Orlando – eine Reminiszenz an den Hitchcock-Komponisten Bernard Herrmann – sind deutliche Anleihen beim Meisterwerk Hitchcocks. Und aus welchem Jahr stammt schließlich Vertigo? Richtig, aus dem Jahre 1958.

Mademoiselle Populaire ist zwar eine aktuelle Kino-Produktion aus Frankreich, doch wirkt Régis Roinsards Liebes- und Gesellschaftsdramödie wie aus unserer Zeit gefallen. Es ist, als ob der Film wirklich den späten Fünfzigern entstamme.

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Leserkommentare
    • cmim
    • 10. April 2013 18:27 Uhr

    ... Pygmalion klappt immer. Die Story - ohne den Film gesehen zu haben - hört sich klassisch an.
    educating Rita
    My Fair Lady
    Coppelia
    der kleine Fratz
    u.s.f.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Audrey Hepburn | Aschenbrödel | Billy Wilder | Claude Chabrol | USA | Frankreich
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