Film "Das Wochenende" : Katja Riemann, eine Frau für die deutsche Krise

In "Das Wochenende" spielt Katja Riemann eine Frau, die sich nie entschieden hat. Ihr gelingt damit eine Figur, die für die revolutionär gesinnte 1960er Generation steht.

Die Aggression war gewaltig, mit der in den Untergrund abgetauchte Bürgerkinder in den 1960er Jahren auf ihre Elterngeneration losgingen. Nirgendwo war der Faschismus so total gewesen wie in Deutschland, nirgendwo entwickelte sich eine Generation später der Linksterrorismus radikaler als in Deutschland. Das entspricht sich, und die kluge Frage, die die Drehbuchautorin und Regisseurin Nina Grosse jetzt mit ihrem Film Das Wochenende stellt, lautet: Wie wirkt das Phänomen RAF in uns weiter?

Dazu hat sie aus der Romanvorlage von Bernhard Schlink eine Figur wieder zum Leben erweckt, die dort nur noch in der Erinnerung der anderen lebt, weil sie Selbstmord begangen hat: Inga. In der Verfilmung hat sie einen interessanten Job als Literaturagentin und zwei erwachsene Kinder. Ihr Mann ist freundlich, arbeitet in der Feinkostbranche, umhüllt Perigord-Trüffel mit Zartbitterschokolade und engagiert sich sozial, indem er armen Menschen erklärt, wie sie sich für vier Euro gut und gesund ernähren können. Er und Inga leben in einer Berliner Altbautraumwohnung. Es geht ihr gut, denkt Inga.

Katja Riemann spielt diese Frau. Sie fragt sich, warum sollte sie den Vater ihres Sohnes wieder treffen, den sie seit 18 Jahren nicht mehr gesehen hat, weil er im Gefängnis saß? Jens war Terrorist und ließ Inga damals, als er abtauchte, mit dem gemeinsamen Kind zurück. Wie Inga durch diese Begegnung in eine Krise stürzt, spielt Riemann gut.

Grosse hat die Dialoge rund um die RAF-Vergangenheit, die einen wichtigen Teil der Buchvorlage ausmachen, stark gekürzt. Es bleibt gerade so viel um zu zeigen, dass der Begnadigte vollkommen seinem alten Denken verhaften geblieben ist, und dass all jene, die sich seitdem in die Gesellschaft integriert haben, sich über dieses überkommene Denken einig sind. Verständnis dafür, Menschen zu töten, um einen Staat anzuklagen, bringt heute keiner mehr auf.

Interessant ist aber, wie diese integrierten Mitglieder der heutigen Gesellschaft darauf reagieren, durch die Begegnung mit Jens mit ihren eigenen, ehemaligen Vorstellungen konfrontiert zu werden. Hatten sie nicht auch mal die Hoffnung darauf, dass sich das System ändert, damit Menschen nicht Menschen ausbeuten? Was ist geblieben von ihrer Wut und ihrem Veränderungswillen? Haben sie es sich nicht etwas zu bequem eingerichtet in ihrem Leben?

Es gibt dafür die etwas übertriebene, aber sehr buchstäblich zu deutende Szene in einem Supermarkt. Inga fragt an der überlangen Fleischtheke nach Parma-Schinken. Der sei aus, antwortet die Verkäuferin und bietet ihr stattdessen Serrano-Schinken an. Inga rümpft die Nase: "Serrano mag ich nicht." Jens, Exterrorist, nach 18 Jahren Knast den ersten Tag in Freiheit, zischt voll tiefer Verachtung: "Immer müsst ihr euch irgendwas in den Mund stopfen!" Satter geht es in der Tat nicht mehr.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Zur Sprache gebracht?

Vermute, dass die Auseinandersetzung mit der "eigenen Vergangenheit" spannender würde, wenn man nicht immer wieder den Extremfall Raf aufgreifen würde und diese so wie hier beschrieben...Sinnvoller scheint mir, die hinter den äußeren Wandlungen "normaler" Linker auch für sie selbst oft verborgenen historischen Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Denn es geht ja nicht nur um "satt" versus "revolutionär" - also den ewigen altlinken Pappkameraden von der "Anpassung" - vielmehr um Fragen, die sich durch historische Erkenntnisse eröffnet haben, die aber weit komplexer sind als hier duchscheint.
Ein Beispiel für drängende Fragen: Was bedeutet der ja vor allem wirtschaftlich besiegelte Untergang des revolutionären Osteuropas und die erstaunlich unvorhergesagte Demokratisierungsfunktion der offiziellen EU in diesen bis heute in großen Teilen autoritär geprägten Ländern für viele (Ex)"undogmatische Linke" hier? Oder: Haben nicht Linke dieser Jahre vor allem auch in dieser Entwicklung das grandiose Versagen ihrer klassischen Vorstellungen von wirtschaftlicher Gleichheit und demokratischer "Aufklärung" von Links sehen müssen?
Diese Art von Fragen treffen eben auch Leute, die nicht an die "DDR" oder gar die raf geglaubt haben. Was ist geworden aus der letztlich gehegten Idee vom "neuen Menschen"?

Ich glaube, kurz gesagt, dass die wirklichen Probleme durch solche Fokussierungen wie die im hier behandelten Film immer noch eher verdeckt als zur Sprache gebracht werden.