DokumentarfilmBlechschaden der Kulturen

Drei Erwachsene müssen im Ausland ihren Führerschein machen – und verzweifeln. Ein charmanter Dokumentarfilm möchte den Kulturschock auf die Straße bringen. von 

Der japanische Fahrlehrer Tetsuya bringt dem Amerikaner Jake bei, wie man im Auto richtig auf Außengeräusche hört.

Der japanische Fahrlehrer Tetsuya bringt dem Amerikaner Jake bei, wie man im Auto richtig auf Außengeräusche hört.  |  © Real Fiction Filmverleih

Das Weltauto ist das Ziel vieler Autohersteller. Ein Modell, das in Massen gefertigt und möglichst unverändert in Köln ebenso verkauft werden kann wie in Chicago, Nairobi, Neu-Delhi oder Sao Paulo. Der Ford Mondeo etwa trägt dieses Konzept schon im Namen, Volkswagen bewirbt sich weltweit mit dem Slogan "Das Auto", teils sogar unübersetzt. Kaum ein Produkt verkörpert die Globalisierung wie das Automobil.

Der Grundaufbau zumindest ist ja tatsächlich überall gleich: vier Räder, Karosserie, Motor, Lenkrad, Bremsen. Damit gaukelt das Auto allerdings vor, dass auch seine Nutzung global identisch sei. Dass sie das nicht ist, weiß jeder, der schon im Ausland Auto gefahren ist. Auf der Straße stoßen Lebenswelten aufeinander – der Autoverkehr als Ausdruck kultureller Identität. Diese Idee haben die beiden deutschen Filmemacherinnen Andrea Thiele und Lia Jaspers aufgegriffen und einen Dokumentarfilm gedreht, der vom 18.April an in den Kinos läuft: You drive me crazy.

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Ihr Ansatz: Andere Länder lernt man richtig kennen, wenn man dort den Führerschein macht. Dazu folgen Thiele und Jaspers drei Protagonisten: der Deutschen Mirela, die sich als Modedesignerin in Mumbai niederlassen will; Jake aus Atlanta, der sich als junger Englischlehrer in Tokyo durchschlägt; der jungen Südkoreanerin Hye-Won, die mit Mann, Kleinkind und Schoßhund nach München gezogen ist.

Der Film wirft den Zuschauer mitten ins Geschehen. Mirela kommt in Mumbai mit dem gebuchten Chauffeur nicht zurecht und möchte gern selbst fahren – der Autovermieter will sie aber nur ans Steuer lassen, wenn sie den indischen Führerschein macht. Hye-Won lernt schnell die deutsche Mentalität kennen: Autofahren bedeutet Freiheit. Die will sie auch haben. Und der Mittdreißiger Jake hat als Amerikaner das Autofahren so verinnerlicht, dass er es in Tokyo schmerzlich vermisst. Amerikaner müssen in Japan jedoch den Führerschein noch einmal machen, wenn sie Autofahren wollen. Übrigens: nur Amerikaner.

Thiele und Jaspers begleiten die drei auf ihrem Weg zum begehrten Dokument. Die Szenerie wechselt alle fünf bis sechs Minuten – mal sitzt man mit der schüchternen Hye-Won und ihrem väterlich-umschmeichelnden bayerischen Fahrlehrer Herrn Krieger im Auto, kurz danach fühlt sich die ungeduldige Mirela wie in der Yoga-Stunde, weil der indische Fahrlehrer ihr als Trockenübung beibringt, wie man während der Fahrt den Arm aus dem Fenster hält und die richtigen Handzeichen gibt, und dann sieht man Jake verzweifeln, weil er seinen Fahrlehrer Tetsuya nur bruchstückhaft versteht.

Doch die reizvolle Idee, den Clash der Kulturen über Fahrstunden zu vermitteln, trägt leider nur zum Teil. Ohne Kenntnis über die Autofahr-Gewohnheiten in Südkorea wird nicht recht deutlich, worin der Kulturschock für Hye-Won hinterm deutschen Lenkrad besteht. Würde eine schüchterne deutsche 17-Jährige nicht ähnlich verunsichert reagieren, wenn sie an Ampelkreuzungen den Motor abwürgt?

Leserkommentare
  1. 1. Witzig

    Ich habe meinen Führerschein (vor einer halben Ewigkeit) in Südfrankreich gemacht.

    Als ich dann "serienmäßig" in Deutschland herumgurkte, mußte ich mich ganz schön zusammenreißen, um mir wüste Gesten, wildes Hupen, allzu sportliches Fahren, chronisches Falschparken und andere kulturelle Besonderheiten abzugewöhnen.

    Die allerallerwichtigste Lektion: Deutsche ziehen meistens die Handbremse an UND legen den ersten Gang ein, daher kann man deren Autos nicht bequem mit der Stoßstange antippen, um sich Platz beim Ein- oder Ausrangieren in/aus einer allzu engen Parklücke zu verschaffen. ;)

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  • Schlagworte Ford | Volkswagen | Film | Auto | Autovermieter | Führerschein
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