Deutscher FilmpreisWir sollten unsere Schauspieler auf Händen tragen

Die Verleihung der Lolas steht bevor. Wieder steht ein schwacher Jahrgang für den Filmpreis zur Wahl. Warum ist der deutsche Film so schlecht? von Christiane Peitz

Einer streunt durch die Jahrhunderte, einer driftet durch Berlin. Einer will die Welt retten, einer will endlich einen stinknormalen Kaffee, ohne Milchschaum und anderes Gedöns. Tom Hanks gegen Tom Schilling, die effektreiche Bilderorgie gegen schwarz-weiße Lakonie. David und Goliath sind nichts gegen das Duell der Lola-Favoriten Oh Boy und Cloud Atlas: Am Freitag, bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise im Berliner Friedrichstadtpalast, treten der 300.000-Euro-Lowbudgetfilm und der 100-Millionen-Dollar-Blockbuster gegeneinander an. Und vielleicht heißen die lachenden Dritten am Ende ja Hannah Arendt, Barbara Sukowa und Margarethe von Trotta.

Alles bestens beim deutschen Film? Spricht die Liste der in der Hauptkategorie "Bester Spielfilm" nominierten Werke für ein wohltuend breites Spektrum, von der teuersten hiesigen Koproduktion aller Zeiten bis zum billigen Regiedebüt? Bürgt ein Name wie Margarethe von Trotta für Kontinuität, während die restlichen der sechs Lola-Anwärter ein solides Mittelfeld abdecken – Oskar Roehlers Quellen des Lebens, Die Wand mit Martina Gedeck und das Kriegsende-Drama Lore?

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Ein schwacher Jahrgang, sagen selbst Mitglieder der Deutschen Filmakademie, die in geheimer Wahl über die Lolas abstimmen. Es gab mehrere solcher Jahrgänge in letzter Zeit. Gut, Jan-Ole Gersters Oh Boy hat sich mit über 230.000 Zuschauern zum Publikumserfolg gemausert, aber ein Ruhmesblatt für die Branche ist es nicht gerade, wenn ein charmanter Erstling zum meistbeachteten Film der Saison wird. Cloud Atlas wiederum ist als ambitioniertes Experiment von den Geschwistern Wachowski und Tom Tykwer weitgehend gescheitert. Weil 1,2 Millionen in Deutschland verkaufte Tickets einen kargen Ertrag angesichts des gewaltigen Aufwands bedeuten. Und weil man den Helden, die auf ihrer Seelen- und Zeitenwanderung auch noch die Schauspieler-Identitäten wechseln, kaum zu folgen vermag. Und die drei nominierten Dokumentarfilme – Vergiss mein nicht, More than Honey und Die Wohnung – schlagen sich redlich, Filmgeschichte aber schreiben sie nicht.

Die Lolas sind der mit drei Millionen Euro höchstdotierte staatliche Kulturpreis der Nation. Künstlerisch ragt im Mittelfeld aber lediglich Lore heraus, als ästhetisch wie politisch-moralisch klügere Version von Unsere Mütter, unsere Väter. Nur dass die Regisseurin Cate Shortland heißt. Das derzeit Beste aus deutschen Landen, neben Gersters Hochschulabschlussfilm die Kriegskinder-Erzählung einer Australierin?

Starke Debüts, tapfere Einzelgänger und Experimente gibt es immer. Seit Fassbinder ist das Filmland Deutschland ein Hort der Hoffnungsträger. Zum Beispiel letzten Sommer das Dokufiction-Experiment This Ain’t California über die Rollbrettfahrer-Szene der DDR, das thematisch wie erzählerisch Neuland betrat (aber von der Filmakademie nicht nominiert wurde). Oder Anfang 2012 David Wnendts Neonazi-Milieustudie Kriegerin, die erschreckend aktuell wurde, als sie pünktlich zum Bekanntwerden der NSU-Mordserie ins Kino kam.

Bloß lösen die meisten Versprechen sich nicht dauerhaft ein. Regisseure, die am Puls der Zeit sind, verschwinden oder manövrieren sich ins Abseits, wie Romuald Karmakar und Hans Weingartner. Sie enttäuschen ihr Publikum, wie Doris Dörrie zuletzt mit Glück. Oder sie bescheiden sich wie Maren Ade, Valeska Grisebach und Wolfgang Köhler mit der Arthouse-Nische. Auch die Überflieger, jene Produktionen, die Kunst und Kommerz versöhnen, bleiben One-Hit-Wonder, Lola rennt oder Good Bye, Lenin! – lang ist’s her. Die Erfolgsfilmer Florian Henckel von Donnersmarck und Tom Tykwer zieht es wie einst Roland Emmerich und Wolfgang Petersen nach Amerika, wo sie Flops landen oder sich an der Idee intellektueller Indie-Blockbuster verheben.

Warum bringt Deutschland keine Filmemacher vom Kaliber eines Michael Haneke oder Ulrich Seidl hervor, keine Dardenne-Brüder, keinen genial Verrückten wie Lars von Trier? Österreich, Belgien, Dänemark, small is beautiful in Europa: Je kleiner das Land, desto größer die Filmkunst. In der Filmnation Frankreich drehen jüngere Regisseure wie François Ozon mit den Stars aus den Zeiten der Nouvelle Vague, mit Fanny Ardant, Catherine Deneuve oder Charlotte Rampling – ein vitaler Geschichtssinn, der hierzulande nur in Fatih Akins Auf der anderen Seite mit Hanna Schygulla aufflackerte. In Deutschland sind Fliehkräfte am Werk: Werner Herzog, der am Freitag mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet wird, lebt in den USA. Auch die Grandseigneurs des Autorenfilms, Wim Wenders und Volker Schlöndorff, arbeiten lieber im Ausland. Dass ihre Kollegin Margarethe von Trotta mit Hannah Arendt einen Arthouse-Kassenerfolg verbuchen kann – mit über 400.000 Zuschauern! –, bleibt die rühmliche Ausnahme. Sie beweist, dass die Branche getrost auch auf ein erwachsenes, älteres Publikum setzen kann.

Leserkommentare
  1. Daran krankt der Film. Wenn im Kino schon der öffentlich-rechtliche Weihnachtsfamiliendreiteiler zu erkennen ist (krass vor ein paar Jahren bei Breloers "Buddenbrooks"), dann ist das alles mögliche, aber kein großes Kino.

    4 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 22. April 2013 14:01 Uhr

    Ich schätze es gar nicht, wenn man mir vorschreiben will, was ich zu tun und zu lassen habe.

    Der Satz erinnert mich an Kempowki "Das ist natürlich alles wieder falsch".

    Eine Leserempfehlung
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    ....wieso wieder ? Wieso alles ? ;D

    Das war im Übrigen eine sehr gute Familiensaga ! Nie wieder habe ich so Gutes aus deutscher Feder und mit deutschen Schauspielern gesehen.
    Tja, lang ists her !

    ... ist nur eine "Empfehlung" möglich, sonst hätte ich hundert Mal auf die Maus gedrückt!

  2. ....wieso wieder ? Wieso alles ? ;D

    Das war im Übrigen eine sehr gute Familiensaga ! Nie wieder habe ich so Gutes aus deutscher Feder und mit deutschen Schauspielern gesehen.
    Tja, lang ists her !

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    Naja, als Story sind die Buddenbrooks ja auch quasi unkaputtbar. Aber weder war Breloers Verfilmung die beste des Stoffes (ich persönlich habe hier diesen Favoriten: Regie: Alfred Weidenmann von 1959) noch war das ein Kinofilm. Es war ein Fernsehdreiteiler, den man auf Kinoformat geschnitten und großgezogen hatte. @LenaRöhler hat das schon recht: Kein großes Kino. Das ist ja keine Frage von besser oder schlechter, eine guter Fernsehmehrteiler ist ist eben meist keine guter Kinofilm - und umgekehrt. Manche Filme funktionieren auch sowohl im Kino als auch im Fernsehen. Das Experiment war so ein Film. Aber bei Mehrteilern, die man auf Kino kürzt, geht das in der Regel schon deshalb schief, weil man da völlig verschiedene Stilmittel hat, schon allein die Erzählzeit divergiert doch auf absurde Weise.
    (Wohingegen Fatih Akins gegen die Wand, den ich neulich mal wieder gesehen haben, ganz eindeutig kein Fernseh- sondern ein Kinofilm ist)

    • Chali
    • 22. April 2013 15:53 Uhr

    dass wenigstens einer den kleinen Scherz bgriffen hat.

    In der Zwischenzeit habe ich mir überlegt, dass es wohl "am System" als Ganzen leigt: Was nützt der beste Drehbuch-Schreiber, wenn es keinen Producer gibt, der das Geld audtreiben kann?

    Was nützt uns Frau Michelsens Augebraue, wenn sie über die schliesslich genemogten Bücher nur die Nase rümpfen kann?

    • Kiira
    • 22. April 2013 14:28 Uhr

    schon im Aufmacher-Bild: Weil Gwisdek überall mitspielt.

    Was war noch der letzte Film, den er ruiniert hat? Ach ja: "Jesus liebt mich". Bis zu Schluss hatten alle Schauspieler souverän die Balance zwischen Ironie und Ernst-nehmen der Filmrolle gefunden. Dann kippte der Film mit Michael Gwisdeks Gott-Auftritt ins Blasierte und Verquarkte. Der Zauber war dahin.

    Eine Leserempfehlung
  3. Naja, als Story sind die Buddenbrooks ja auch quasi unkaputtbar. Aber weder war Breloers Verfilmung die beste des Stoffes (ich persönlich habe hier diesen Favoriten: Regie: Alfred Weidenmann von 1959) noch war das ein Kinofilm. Es war ein Fernsehdreiteiler, den man auf Kinoformat geschnitten und großgezogen hatte. @LenaRöhler hat das schon recht: Kein großes Kino. Das ist ja keine Frage von besser oder schlechter, eine guter Fernsehmehrteiler ist ist eben meist keine guter Kinofilm - und umgekehrt. Manche Filme funktionieren auch sowohl im Kino als auch im Fernsehen. Das Experiment war so ein Film. Aber bei Mehrteilern, die man auf Kino kürzt, geht das in der Regel schon deshalb schief, weil man da völlig verschiedene Stilmittel hat, schon allein die Erzählzeit divergiert doch auf absurde Weise.
    (Wohingegen Fatih Akins gegen die Wand, den ich neulich mal wieder gesehen haben, ganz eindeutig kein Fernseh- sondern ein Kinofilm ist)

    Antwort auf "Wieso natürlich..."
  4. Weil der deutsche Film immer wieder krampfhaft aus Banalitäten Filmkunst muß und darüber hinaus zwanghaft zur Volksbelehrung neigt.

    Qualitativ hochwertige Unterhaltung? Fantasy? Science Fiction? Oh nein! Bei soviel "technischer Extravaganz" ginge ja der "künstlerische Anspruch" verloren! Drehen wir lieber ein Dokumentarfilm über Skatebordfahrer in der DDR. *Augenbraue hochzieh*

    Der deutsche Film hat einfach keinen Mumm, gute Unterhaltung zu produzieren oder zu experimentieren, was dem deutschen Kinobesucher über den klassischen Filmkunstkitsch hinaus gefallen könnte.

    11 Leserempfehlungen
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    • deDude
    • 22. April 2013 15:16 Uhr

    ... grade dabei mein Posting zu formulieren, aber Sie haben eigentlich schon alles gesagt was ich auch anbringen wollte.

    Wer ständig meint gute Unterhaltung müsste einem auch fünf Stunde nach dem Film krampfhaft beschäftigen und ausnahmslos alles müsste einen tieferen Sinn haben, der kann eben nur schwere, unverdauliche Kost produzieren die beim Publikum nach einer Weile entsprechend ankommt.

    Ich schätze aber in Zeiten in denen die Konkurrenz unter den Filmschaffenden härter und härter und die Studios sowieso mit sinkenden Zuschauerzahlen und entsprechend mit rückläufigen Einspielergebnissen zu kämpfen haben sind viele Studios auch nichtmehr bereit zu größeren Risikoinvestments.

    Auch dort zählt eben was auch überall anders Priorität hat: Profit, Profit, Profit.

    • clammi
    • 22. April 2013 15:13 Uhr

    Langweilige Dialoge (siehe britische Filme), krampfhaft künstlerische Gesten, keine Selbstironie und vor allem: immer den gerade nötigen Zeigefinger hochgereckt. Unterschwellig wird eine Meinung untergeschoben, wahrscheinlich die des Regisseurs.
    Und immer Gebrüll, viel zu viel Bezug zum angeblichen Dritten Reich...und jedwede Hauptfigur, vom Kommissar bis zum Helden, alle haben langweilige Familiegeschichten, die ständig durchgekaut werden, hinter sich her zu schleppen.
    Ich bin wirklich kein Rosamunde Pilcher Fan, aber man vergleiche die britischen Serien und die deutschen Ausgaben

    4 Leserempfehlungen
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    Besser kann man es nicht ausdrücken. Pure Zustimmung! Bitte setzen Sie Ihre geistreiche Kommentierung fort!

    • deDude
    • 22. April 2013 15:16 Uhr

    ... grade dabei mein Posting zu formulieren, aber Sie haben eigentlich schon alles gesagt was ich auch anbringen wollte.

    Wer ständig meint gute Unterhaltung müsste einem auch fünf Stunde nach dem Film krampfhaft beschäftigen und ausnahmslos alles müsste einen tieferen Sinn haben, der kann eben nur schwere, unverdauliche Kost produzieren die beim Publikum nach einer Weile entsprechend ankommt.

    Ich schätze aber in Zeiten in denen die Konkurrenz unter den Filmschaffenden härter und härter und die Studios sowieso mit sinkenden Zuschauerzahlen und entsprechend mit rückläufigen Einspielergebnissen zu kämpfen haben sind viele Studios auch nichtmehr bereit zu größeren Risikoinvestments.

    Auch dort zählt eben was auch überall anders Priorität hat: Profit, Profit, Profit.

    Eine Leserempfehlung
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    "Ich schätze aber in Zeiten in denen die Konkurrenz unter den Filmschaffenden härter und härter und die Studios sowieso mit sinkenden Zuschauerzahlen und entsprechend mit rückläufigen Einspielergebnissen zu kämpfen haben sind viele Studios auch nichtmehr bereit zu größeren Risikoinvestments."

    Wobei deutsche Koproduktionen immer wieder beweisen, daß sie richtig gut sein können, wenn man mal etwas wagt: V wie Vendetta, Cloud Atlas, Pandorum, Resident Evil, Iron Sky, die 3 "Bourne" Teile, Casino Royale, Das Parfum, Operation Walküre., um nur einige Beispiele zu nennen.

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