Festival osteuropäischer FilmUfos, Jesus und die Rolle Rumäniens

Häusliche Katastrophen, kleine Apokalypsen, aber auch Groteske und Komik: Das goEast-Festival zeigt, wie sich die Filmsprache in Osteuropa verändert. von 

Ikeabuntes Kammerspiel: Adrian Sitarus Film "Domestic"

Ikeabuntes Kammerspiel: Adrian Sitarus Film "Domestic"  |  © goEast Festival Wiesbaden

Wer nach dem einen Osteuropa sucht, kann es auf einem Filmfestival kaum finden. Das macht aber nichts, weil man sich im Kinodunkel verirren wird, oft aufs Anregendste und Schönste, und hinterher im Hellen mit mehr Fragen da steht, als ein O auf dem Kompass lösen könnte. Im besten Fall mit der Erkenntnis, dass sich an den vermeintlichen Rändern unseres Kontinents längst eigenständige Filmsprachen ausgebildet haben.

Das Wiesbadener goEast-Festival ist ein prächtiger Ort, um diese zu besichtigen. Mittlerweile jährt sich die – neben ihrem Cottbusser Pendant – hierzulande wichtigste Werkschau dieser ungreifbaren Filmlandschaft zum 13. Mal.

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Falls man in diesem Jahr überhaupt aus der Vielfalt der zehn Wettbewerbsbeiträge ein geschlossenes Bild konstruieren möchte, ein Leitmotiv, an das man sich klammern kann, so wäre es möglicherweise mit dem berühmten Satz aus Anna Karenina umrissen: Jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich.

Mikrokosmos Familie

Ein Großteil der Einreichungen erzählt von häuslichen Katastrophen, kleinen Apokalypsen in kleinen Wohnungen, von Abhängigkeit und dem Verlust innerhalb dieses Mikrokosmos. Manchmal sogar von seiner Auflösung an sich.

goEast Festival Wiesbaden

Das goEast Festival für mittel- und osteuropäischen Film findet inzwischen zum 13. Mal in Wiesbaden statt. In diesem Jahr konkurrieren Filme aus Polen, Russland, Kasachstan, Georgien, Rumänien, der Republik Moldau, Tschechien, Serbien um die Preise. Ausgezeichnet werden sowohl der beste Film (10.000 Euro), die beste Regie (7.500 Euro) und die "Künstlerische Orginalität" (4.000 Euro). Im Dokumentarfilm-Wettbewerb, bestehend aus sechs Filmen, ist der Preis ebenfalls mit 10.000 Euro ausgelobt. Das Festival geht noch bis zum 16. April 2013.

Constructors etwa, der kasachische Beitrag von Adilkhan Yerzahnov, zeigt die Geschichte zweier Brüder, mutter- und obdachlos. Auf einem kleinen Stück Bauland liegt ihre Hoffnung auf ein eigenes Zuhause. Schwerstarbeit: Tags buddeln sie im struppigen Gelände, hinter ihnen das Gebirge, die Gerippe der Neubauten. Nachts klauen die Geschwister Ziegel von den Baustellen, Schubkarren, Zement. Yerzhanov folgt ihnen beinahe in Zeitlupe durch Tageszeiten. Ruht sich auf den schmächtigen Körpern aus, graue Gesichter vor grauen Mauern. Graues Sein irgendwo in Kasachstan, in dem wie im absurden Theater plötzlich ein Vertreter auftaucht: für LED-Dioden, Weltneuheit. Oder es erscheint der Bezirkspolizist: Entweder die Brüder können bald ein Haus vorzeigen oder das Grundstück ist konfisziert.

Parabel auf die Unbehaustheit des Menschen

Es ist bemerkenswert, mit welch sparsamen Mitteln Yerzahnov seine Parabel auf die Unbehaustheit des Menschen erzählt. Bemerkenswert auch deshalb, da so ein Festival zumeist einen Blick auf die unterschiedlichen Reifestadien in den filmischen Entwicklungen der acht Länder freigibt, die sich im Wettbewerb befinden. Trotz der mittlerweile hohen Professionalisierung in Budgets, Förderungen und Ausrüstung gelegentlich mit verblüffend drögem Ergebnis.

Im Vergleich zu Yerzahnovs wortkarger, widerspenstiger Poesie betreibt etwa der Pole Piotr Trzkalski einen erheblich größeren Erzählaufwand. My Father's Bike ist nüchtern betrachtet ein handwerklich makelloser Film über drei Generationen. Opa Wlodek war mal Jazzklarinettist, nun Alkoholiker. Sein altes Leben steht im CD-Regal, von seiner Frau besitzt er nur noch einen Abschiedsbrief. Mit Sohn (Konzertpianist) und Enkel (Kopfhörer auf den Ohren) macht er sich auf die Suche nach ihr. Wobei zwischen den dreien sämtliche Lügen und Kränkungen allgemach zu Vorschein kommen.

Es ist ein Rührstück mit den Mitteln des Roadmovie, das sich tief im poetischen Süßwarenladen bedient. Konventionelle Melancholieproduktion mit marzipanendem Klavier. An deren Ende schließlich die Pointe steht, dass die Kraft der Musik alles überwindet.

Leserkommentare
  1. LED-Dioden sind wie DIN-Norm und LCD-Display doppelt gemoppelt. LED steht für Licht emittierende (aussendende) Diode, DIN für Deutsche Industrienorm und LCD für Liquid Crystal Display, zu Deutsch Flüssigkristallanzeige.

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  • Schlagworte Film | Festival | Jesus | Kasachstan | Bukarest | Osteuropa
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