Jude Law während der Premiere von 'Side Effects' in Paris © Pierre Andrieu/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sie spielen in Side Effects einen Psychologen, zu dessen beruflichen Fähigkeiten eine sehr genaue Beobachtungsgabe gehört. Müssen Sie als Schauspieler auch ein guter Beobachter sein?

Jude Law: Natürlich studiere ich als Schauspieler das Verhalten von Menschen, aber eher auf eine unbewusste Art. Ich gehöre nicht zu denen, die raus auf die Straße gehen, um gezielt Leute zu beobachten. Aber sicherlich fallen mir im Alltag Verhaltensweisen an Menschen auf, an die ich mich erinnere, wenn ich mich auf eine Rolle vorbereite. Aber da habe ich meistens schon eine bestimmte Vorstellung von der Figur im Kopf.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich zur Vorbereitung auf die Rolle selbst auf die Couch gelegt?

Law: Nein, aber ich konnte in einigen Therapiesitzungen dabei sein und den Psychologen bei ihrer Arbeit zuschauen. Es war sehr interessant zu sehen, wie genau ein Psychologe seine Patienten beobachtet. Ihre Aufmerksamkeit ist voll auf ihr Gegenüber gerichtet. Sie können all die kleinen Ticks und Verhaltensweisen lesen und daraus ihre Diagnose ableiten. Das hat mich sehr beeindruckt.

ZEIT ONLINE: Ich stelle mir gerade vor, dass ich zu meinem Therapeuten komme und Jude Law sitzt in der Ecke – das würde mich schon irritieren…

Law: Natürlich waren die Leute darüber informiert, dass jemand zuschaut, und dem haben sie auch vorab zugestimmt. Aber in den Therapiesitzungen, in denen ich dabei war, standen die Patienten unter akutem Stress, kämpften mit schweren Suchtproblemen oder traumatischen Erfahrungen, sodass sie vollkommen auf den Psychologen ausgerichtet waren und mich gar nicht beachtet haben. Die meisten von ihnen waren über das staatliche Gesundheitssystem versichert und das heißt in Großbritannien, dass sie nur einmal im Monat Anspruch auf eine psychotherapeutische Behandlung haben und diese vierzig Minuten dann auch intensiv nutzen wollen.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen grundlegenden Unterschied im Umgang mit Depression und psychischen Störungen zwischen der amerikanischen und der britischen Gesellschaft?

Law: Meine Figur sagt im Film, dass in England die Leute einen Psychologen erst aufsuchen, wenn sie wirklich schlecht dran sind, und in Amerika die Menschen zum Therapeuten gehen, weil sie sich besser fühlen wollen. Das beschreibt sehr genau die unterschiedlichen Herangehensweisen. In meinem Bekanntenkreis wird nicht darüber diskutiert, ob einer Therapie macht oder Antidepressiva nimmt. In New York spricht man da viel offener drüber. Das kennt man ja auch aus den Filmen von Woody Allen: "Ich muss schnell noch zu meinem Therapeuten. Ich bin in einer halben Stunde zurück." Solche Witze würde in England keiner verstehen.