Deutscher FilmpreisLakonie schlägt Pathos

Mit "Oh Boy" und "Cloud Atlas" konkurrierten zwei Seiten des deutschen Films um die Goldene Lola. Zu Recht hat nun die Low-Budget-Produktion gewonnen. von 

Autor und Regisseur Jan Ole Gerster wurde für seinen Film "Oh Boy" ausgezeichnet.

Autor und Regisseur Jan Ole Gerster wurde für seinen Film "Oh Boy" ausgezeichnet.  |  © Maurizio Gambarini/dpa

Die Verleihung des Deutschen Filmpreises war in diesem Jahr fast ein Hollywood-Showdown, ein Kampf Davids gegen Goliath. Am Ende siegte, ganz im Sinne guter Dramaturgie, der Zwerg über den Riesen.

Der Zwerg, das war Jan Ole Gersters für 300.000 Euro produzierter Debütfilm Oh Boy, seine Abschlussarbeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Ein in Schwarz-Weiß gehaltener Film um einen antriebslosen Endzwanziger, oft melancholisch, doch auch voll spröder Situationskomik. Der Riese ihm gegenüber hieß Cloud Atlas , das 100-Millionen-Dollar schwere Projekt von Tom Tykwer und den Matrix-Schöpfern Lana und Andrew Wachowski. Sechs Episoden, angesiedelt in unterschiedlichen Jahrhunderten und Teilen der Welt, und am Ende die etwas vage Botschaft, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt.  

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Acht Nominierungen für das lakonische Debüt, neun für das pathetische Werk des Regie-Trios. So war die Ausgangslage. Es war eine programmatische Entscheidung, vor der die 1.400 Juroren der Deutschen Filmakademie standen. Belohnt man den Charme der kleinen Geschichten und filmästhetische Originalität – oder den Mut zur ganzheitlichen Welterklärung und zum Versuch des Hollywood-Kinos mit deutschen Geldern?

So grundsätzlich die Wahl erschien, so vorhersehbar war dann doch das Ergebnis. Denn man hielt es wie bei der Oscar-Verleihung, wenn Ausstattungsgiganten à la Herr der Ringe gegen klassisches Autorenkino antreten: die einen bekommen die Auszeichnungen in den "technischen" Kategorien, die anderen die Preise für Schauspieler, Drehbuch und Regie.

Akadamie sucht ihren Auftrag

Im Fall der "Lolas" kam man sich ohnehin kaum in die Quere, die wichtigen Rollen in Cloud Atlas waren nicht mit deutschen Darstellern besetzt. Das Drei-Stunden-Epos wurde für die Kamera, das Szenenbild, Kostüme, Maske und Schnitt ausgezeichnet. Tom Schilling als schluffiger Studienabbrecher und Michael Gwisdek als Altberliner Kneipenhocker in Oh Boy erhielten die männlichen Darstellerpreise, Jan Ole Gerster wurde für Drehbuch und Regie ausgezeichnet. Auch die Filmmusik der Band The Major Minors, schwermütiger Dixieland-Jazz, wurde prämiert. Der große Triumph im direkten Vergleich kam zum Schluss, verkündet von Akademie-Präsidentin Iris Berben und Kulturstaatsminister Bernd Neumann: der Filmpreis in Gold für Oh Boy.

Jahr für Jahr scheint sich die Filmakademie zu fragen, was eigentlich genau ihr mit dem höchstdotierten deutschen Kulturpreis verbundener Auftrag ist – und wen sie damit auszeichnen soll. Geht es um die Förderung derer, die es noch nötig haben, oder um die Anerkennung etablierter Filmschaffender, die internationalen Großproduktionen nacheifern?

Leserkommentare
  1. ... dass tatsächlich dieser wunderbare kleine Edelstein "Oh BOY" gewürdigt wurde - Gerster und Schilling haben es absolut verdient! Lange nicht mehr einen so runden, geerdeten und lässigen deutschen Film gesehen (Prädikat: Woody-Allan-Liga, aber mit ganz eigenem Stil! Großartig - Glückwunsch, Glückwunsch!) Die esoterische Bedeutunghuberei von Tom Tykwer hingegen ist sowas von dritter Aufguß späte Neunziger ... (Wann geht der endlich nach Hollywood und bleibt dort?) Lola schwurbelt!

  2. Cloud Atlas ist ja auch kein Blockbuster ala Michael Bay, also viel Peng Peng und nichts dahinter. Sondern die Umsetzung einer Buchvorlage und "Autorenkino" im großen Stil.

    Das Ganze liest sich viel zu patriotisch, nur weil ein deutscher Regisseur sich eines englischen Autoren bedient und teilweise amerikanische Schauspieler einsetzt macht ihn das nicht schlechter.

    Solche Preise sind wie der Oscar eh sehr volkstümlich aufgebaut. Ein irgendwie veraltetes Konzept.
    Ob oh boy besser ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Cloud Atlas ist anhand der immensen Vorlage aber gelungen.

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    • Conte
    • 27. April 2013 13:16 Uhr

    Wenn Herzog nicht gewesen wäre. Ein Trompetenspieler hat dem ganzen noch den Todesstoss verpasst. Warum? Eigentlich gäbe es genügend Gutes zu zeigen, zu vermelden und zu preisen. Von alledem war im Saal keine Spur vorhanden.

    • lodjur
    • 27. April 2013 13:36 Uhr

    Genau, zu welcher anderen Geschichte sollte Deutschlands dysfunktionale arm-aber-sexy-Hauptstadt, die außer Geldverballern, Blamage und Korruption nichts vorweisen kann, auch sonst inspirieren? Das dann aber noch als irgendwie repräsentativ für das "Lebensgefühl einer Generation" zu stilisieren, die damit pauschal verurteilt und verunglimpft wird, ist einfach nur beleidigend – das zum gesellschaftlichen Aspekt.

    Zum Künstlerischen: Da wäre einer gern wie Kaurismäki und kriegt halt doch bloß ein belangloses, triefend deutsches Pseudoproblemfilmchen zustande. Peinlich und geschmacklos. Ach, deutsche Filmbubis, lasst es doch lieber, dann kann man mit den gigantischen Filmfördersummen wenigstens Suppenküchen aufmachen.

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    • Panic
    • 27. April 2013 14:35 Uhr

    dass Sie "Oh boy" gesehen haben.Denn sonst würden Sie nicht so einen Kommentar ablassen, der den Film vollkommen falsch aburteilt. Sie können den Film gar nicht gesehen haben. Ihre Haltung spiegelt ganz einfach das wider, was man ständig über den "Deutschen Film" liest und hört: Totale Abneigung." Hier gebe ich Ihnen teilweise recht. Der "Deutsche Film" ist zum größten Teil wahrlich unterirdisch. Aber "Oh boy" fällt vollkommen aus diesem Raster heraus. Es ist ein hervorragender Film, mit tollen Darstellern und einem endlich mal guten Humor. Dazu eine Kamera, die meiner Meinung nach brillant ist. Ich kenne einige Studenten hier in Berlin, die sich, und das kam denen sogar selbst gruselig vor, voll mit der Situation, dem Geist und dem Gefühl des Films identifizieren konnten.

    Zu guter letzt kann ich Ihnen gerne auch noch mal "Low budget" erklären. Soviel zu Ihren "gigantischen Filmfördersummen".

    cheers

  3. Ich freue mich. "Oh boy" ist einfach einer dieser kleinen und wundervollen Filme, die man so gerne selbst gemacht hätte. Ganz dickes Kompliment an den Regisseur und seine wundervollen Schauspieler.

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    • Panic
    • 27. April 2013 14:35 Uhr

    dass Sie "Oh boy" gesehen haben.Denn sonst würden Sie nicht so einen Kommentar ablassen, der den Film vollkommen falsch aburteilt. Sie können den Film gar nicht gesehen haben. Ihre Haltung spiegelt ganz einfach das wider, was man ständig über den "Deutschen Film" liest und hört: Totale Abneigung." Hier gebe ich Ihnen teilweise recht. Der "Deutsche Film" ist zum größten Teil wahrlich unterirdisch. Aber "Oh boy" fällt vollkommen aus diesem Raster heraus. Es ist ein hervorragender Film, mit tollen Darstellern und einem endlich mal guten Humor. Dazu eine Kamera, die meiner Meinung nach brillant ist. Ich kenne einige Studenten hier in Berlin, die sich, und das kam denen sogar selbst gruselig vor, voll mit der Situation, dem Geist und dem Gefühl des Films identifizieren konnten.

    Zu guter letzt kann ich Ihnen gerne auch noch mal "Low budget" erklären. Soviel zu Ihren "gigantischen Filmfördersummen".

    cheers

    2 Leserempfehlungen
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    • lodjur
    • 18. September 2013 14:06 Uhr

    Sie kennen sich gut aus. Ich glaube nur nicht, dass es Ihnen zusteht, jemanden derart abzuurteilen.
    1.) Ich habe den Film gesehen.
    2.) Den Begriff "Low Budget" müssen Sie jemanden, der seit über zehn Jahren für Filmproduktionen und -festivals tätig ist, sicher nicht erklären, aber trotzdem Danke.
    Wo liegt das Problem darin, den Film auch nach Sichtung als klischeebehaftetes und belangloses Problemfilmchen zu empfinden? Im Übrigen hatte ich mich auch mehr darüber geärgert, dass sowas dann pauschal zum "Lebensgefühl einer Generation" erklärt wird. Also, meins ist es bestimmt nicht.

  4. Schade, dass Barbara Sukowa hier nicht erwähnt wurde. Sie erhielt völlig zu recht den Preis als beste Schauspielerin!
    Und auch wenn Margarethe von Trotta zu den arrivierten Filmemacherinnen zählt: "Hannah Arendt" ist ein herausragender FIlm!

    Womit ich nichts gegen "Oh Boy" sagen möchte. :)

  5. für den Schlussmacher war allen genehm oder wie??

    ich bemesse der Lola inzwischen so viel wie der Oscar. Manchmal gewinnt ein guter Film - in anderen Jahren werden leider wieder tolle Projekte übersehen.
    Cloud Atlas war für mich so ein Projekt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tom Tykwer | Film | Werner Herzog | Deutscher Filmpreis | Berlin
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