Nachruf Sven LehmannFaust im Nacken

Sven Lehmann ist tot. Er war einer der herausragenden Akteure des Berliner Theaters und der deutschsprachigen Bühne. Trotz seiner schweren Krankheit stand er fast bis zuletzt noch auf der Bühne. von Christine Wahl

Das Bild wird niemand, der die Aufführung gesehen hat, vergessen. Wie Sven Lehmann als Mephisto im hellblauen Schlabberpullover seinen Kopf auf der Schulter des viel stattlicheren Faust von Ingo Hülsmann ablegt. Wie er dem durchaus Berlin-Mitte-affinen Gelehrten unaufgeregt, frei von Wichtigtuerei, zärtlich fast die Weisheiten des Universums einflüstert; auch die unschönen. Es lag eine große Kraft in diesem Mephisto, wie in allen Figuren, die Lehmann spielte. Nicht nur die Kraft der komplett besserwisserfreien Empathie, sondern auch die Kraft der Suche – eine Lust zu denken und mit den Dingen zu ringen, die selten geworden ist.

Beglückt erzählte Lehmann damals, vor neun Jahren, wie Goethe-Koryphäen das DT-Ensemble vor Michael Thalheimers großer Klassiker-Inszenierung diskursfit gemacht hatten: "Das war wunderbar, ein Plädoyer für den klugen Schauspieler!" Das Einzige, was der wache Lehmann wahrscheinlich wirklich abgrundtief verachtete, war die Einfalt der glatten Oberflächen: "Langsamkeit und Dummheit – da werde ich irre!"

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Kein Wunder, dass Michael Thalheimer, der Dramentexte klug skelettiert, um zu ihren Schmerzpunkten vorzudringen, zum wichtigsten Regisseur für Sven Lehmann wurde. Bei ihm, am Deutschen Theater, spielte er nicht nur seine prägendsten Rollen, sondern hier fand er eine künstlerische Heimat. Wer ihn in Gerhart Hauptmanns Ratten als prekären Proletariergatten John erlebte, der sich, nachdem sich seine Frau umgebracht hat, minutenlang wie blind über die leere Bühne tastet, hat eine der anrührendsten Liebestragödienmomente der jüngeren Theatergeschichte gesehen. "Zu Micha habe ich so ein tiefes Grundvertrauen, dass ich mich sofort auf alles einlasse, was er macht", sagte Lehmann einmal über Thalheimer. Es passt zu diesem tief schürfenden Menschen, dass die erste Zusammenarbeit keineswegs konfliktfrei verlief.

Als der formstrenge Thalheimer 2001 mit dem Intendanzstart von Bernd Wilms ans Deutsche Theater kam, um Lessings Emilia Galotti zu inszenieren, konnte er zwar einen Theatertreffen-Triumph vorweisen, aber weder Lehmann noch seine Kolleginnen Nina Hoss oder Regine Zimmermann hatten bis dato je mit ihm gearbeitet und fanden seine Ansagen à la "Du musst einfach da stehen und den Text sagen" zunächst recht abenteuerlich. "Micha und ich haben uns erst mal angeschrieen und unbotmäßig beschimpft", erzählte Sven Lehmann bestens gelaunt und in der ihm eigenen Lakonie von dieser ersten Galotti-Arbeitsphase. "Dann saßen wir drei Wochen auf dem Theatervorplatz, haben über Frauen, Essen, Diäten, Gewichtszunahme, Hohlkreuze, Musik und Frisuren geredet und eigentlich nur Autos ausgelassen, weil wir uns dafür beide nicht interessieren."

Das Resultat ist bekannt. Emilia Galotti, eine der wichtigsten Inszenierungen der Wilms-Ära, wurde Kult und künstlerischer Paradigmenwechsel – auch dank Sven Lehmann als unvergleichlich zwischen Pflicht und Neigung hin und her torkelndem, hochnotkomischem und tieftraurigem Prinzen Gonzaga. Diese Art des Witzes, die sich so gnadenlos in den Abgründen auskennt, beherrschte Sven Lehmann meisterhaft.

1965 im sächsischen Borna geboren, wäre Lehmann, der später nach Schwedt umzog und seit seinem 6. Lebensjahr beim Armeesportklub Vorwärts Potsdam – welchen er gern im breitesten Sächsisch aussprach – als Fechter trainierte, möglicherweise Leistungssportler geworden. Hätten ihn die Sportfunktionäre nicht eine Tages sang- und klanglos herausgeworfen. Den Grund erfuhr er später aus seiner Stasi-Akte: Er war den Leitungskadern suspekt geworden, weil er Umgang mit Punks und Künstlern pflegte. Als ihn die ersten Engagements nach dem Schauspielstudium an der "Ernst-Busch"-Schule nach Bremen und ans Bayerische Staatsschauspiel München führten, hatte er immer Sehnsucht "nach Hause".

Am Deutschen Theater, wo er bis zuletzt auf der Bühne stand, wollte Sven Lehmann in Michael Thalheimers jüngster Horváth-Inszenierung Geschichten aus dem Wiener Wald den Zauberkönig spielen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Am Mittwochabend ist Sven Lehmann nach langer schwerer Krankheit gestorben. Die gnadenlose Genauigkeit dieser Inszenierung, die nichts beschönigt, aber ihre Figuren auch unendlich liebt, hätte ihm gefallen.

Erschienen im Tagesspiegel

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