Steven Soderbergh"Sollte ich je wieder drehen, dann fürs Fernsehen"

Steven Soderbergh hat alle neun Monate einen Film gemacht. Jetzt will der Hollywood-Regisseur aufhören. Warum? Um endlich wieder Amateur zu sein, sagt er im Interview. von Sebastian Handke

Regisseur Steven Soderbergh auf der Berlinale 2013

Regisseur Steven Soderbergh auf der Berlinale 2013  |  © Gerard Julien/AFP/Getty Images

Frage: Mister Soderbergh, stimmt es, dass Sie mit dem Filmemachen aufhören wollen?

Steven Soderbergh: Ja. Ich will eine Haut abstreifen, damit eine neue wachsen kann.

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Frage: Sie haben jahrelang alle neun Monate einen Film fertiggestellt – für Hollywood ein aberwitziges Tempo. Werden Sie das Set nicht vermissen?

Soderbergh: Ach, ich bin froh, dass ich nie wieder eine Kamera auf einem verdammten Auto justieren muss. Seit ich zwölf bin, stecke ich Hals über Kopf im Film. Das ist eine lange Zeit, wenn man jeden Tag wie besessen ist. Ich kann dieses Gefühl aber nicht mehr bewahren. Ich trete auf der Stelle. Also sollte jemand das übernehmen, der dieses Gefühl noch hat.

Steven Soderbergh

Bei Steven Soderbergh, 1963 in Atlanta geboren, geht alles immer ein bisschen schneller: Er war erst 26, als er für seinen Debütfilm Sex, Lügen und Video in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Nun ist er kaum 50 und will keine Kinofilme mehr drehen. Dazwischen liegt eine produktive Regisseurskarriere. Nach Cannes musste er zwar erst ein paar Flops verkraften, bald aber stieg er in Hollywood mit Out of Sight, Erin Brockovich, Traffic und der Oceans-Trilogie zum Superman hinter der Kamera auf. Zugleich verlor er, etwa mit der Revolutionärs-Hommage Che, seine Independent-Wurzeln nie ganz aus den Augen. Sein offiziell letzter Film ist Liberace, der im Mai in Cannes läuft.

Frage: Die Schaffenskrise nach King of the Hill haben Sie doch auch überwunden.

Soderbergh: Damals kam ich vom Kurs ab. Aber ich wusste auch, woran das lag, ich arbeitete einfach zu langsam. Diesmal weiß ich nicht, wie sich das Problem lösen lässt. Ich weiß nur: Alles hängt davon ab, ob es mir gelingt, wieder Amateur zu werden.

Frage: Wie plant man sein Karriereende?

Soderbergh: Ich habe den Ausstieg früh angekündigt, damit meine Mitarbeiter – mit einigen arbeite ich seit Jahrzehnten zusammen – wissen, dass sie anderswo neue Arbeit brauchen. Es wäre nicht fair gewesen, nach Drehschluss einfach das Ende zu verkünden. In diesem fünfjährigen Prozess war manches geplant, anderes Zufall. Side Effects und Magic Mike entstanden schnell und kurzfristig, weil aus anderen Dingen nichts wurde. Ich bin aber sehr zufrieden. Nach den Erfahrungen mit Che wollte ich vor allem, dass meine letzten Filme Spaß machen. Beim Drehen und beim Schauen.

Frage: Bis zum Schluss sind Sie bei der Auswahl Ihrer Stoffe für Überraschungen gut.

Soderbergh: Unvorhersehbar zu sein, das ist wohl mein Genre. Aber das ist dann auch schon wieder vorhersehbar.

Frage: Haben Sie Spaß daran, Ihre Zuschauer zu überrumpeln?

Soderbergh: Darum geht es nicht. Das Ende von Full Frontal etwa, für das ich sogar von Freunden angegriffen wurde, war eine spontane Entscheidung. Doch war sie das einzig Richtige. Mich interessierte das Kleingedruckte in dem stillen Vertrag zwischen Regisseur und Publikum: Warum halten wir eine Filmästhetik für realistisch und eine andere nicht? Es ist doch alles fabriziert – und es werden dabei immer kalkulierte Entscheidungen getroffen.

Frage: In Side Effects gibt es einen doppelt überraschenden Twist. Er gibt dem Film eine andere Richtung, und noch dazu erwartet man die Wendung eher andersherum.

Soderbergh: Das ist es gerade, was mir an dem Drehbuch so gefiel. Der Film benutzt ein Genre als Trojanisches Pferd für ein anderes. Scott Z. Burns, der schon das Script zu Contagion schrieb, ist sehr gut darin, von einem eher düsteren Punkt aus zu starten – und dann eben nicht den offensichtlichen Weg zu beschreiten. Dieser Moment in Side Effects ist wie die Szene in Alien, wenn plötzlich das Monster durch die Brust bricht. Von da an denkt der Zuschauer: Wenn die zu so was bereit sind – um Himmels willen, was kommt da noch?

Leserkommentare
    • J-M
    • 25. April 2013 19:20 Uhr

    Das wär's doch! Wenn so eine Größe nach Scorseses Stippvisite in Boardwalk Empire eine ganze Serie konzipieren und umsetzen würde, wäre das wirklich fantastisch!

    2 Leserempfehlungen
    • sinta
    • 25. April 2013 22:26 Uhr
    2. Serie

    Ich denke auch, eine Serie von Soderbergh wäre eine feine Sache - und wenn er sagt: 'Jetzt liegt nichts vor mir', kann ich mir gut vorstellen, dass es in seinem Kopf schon arbeitet, an einem Serienformat. Ich bin gespannt.

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