Wotan Wilke Möhring als Kommissar Falke, links im Bild die geliebte Vollmilch © NDR/Christine Schröder

Groß waren die Erwartungen an Til Schweiger vor wenigen Wochen, der seinen ersten Hamburger Tatort-Fall unter enormem ballistischem Einsatz löste. Weil so ein Pyrospektakel mit Deutschlands Nuschelpromi teuer ist, wird Nick Tschiller nur einmal im Jahr ermitteln. In der Zwischenzeit soll nun Wotan Wilke Möhring als Kommissar Thorsten Falke die fiesen Fälle in der Hansestadt und ihrem Umland bearbeiten.

Die Erwartungen an ihn sind freilich nicht geringer: Kann sich der zurückhaltende Charakterdarsteller neben Action-Schweiger behaupten? Wir erinnern uns an diese Pissoirszene, Möhrings Gastauftritt im Revier seines Schauspielerkumpels. Beide stehen nebeneinander am Becken, Tschiller schaut rüber und gibt sich geschlagen im Vergleich der Gemächte. Man sagt es in diesem Zusammenhang ungern, aber das macht doch Hoffnung.

Falkes erster Einsatz verläuft denn auch nicht ganz so vorhersehbar, wie es der Zuschauer nach der ersten Minute vermutet. Nach einer Serie von Autobränden stirbt eine Frau in einem angezündeten Wagen, die Mordkommission ist gefragt. Falkes langjähriger Ermittlungspartner und bester Freund Jan Katz hat sich allerdings in den Innendienst versetzen lassen. Falke fühlt sich von ihm verraten und muss nun mit der jungen Brandexpertin vom LKA zurechtkommen, die seine Hospitantin wird. Katharina Lorenz ist Juristin, ehrgeizig, analytisch und auf kühle Weise hübsch.

Ein denkbar plakativer Gegensatz zum Kommissar: Thorsten Falke ist ein kerniger, ehrlicher, impulsiver Typ Mitte Vierzig, aufgewachsen im Ghetto von Billstedt. Unterwegs in Lederjacke und Ramones-Shirt, hört Bloc Party und Rolling Stones, kennt die Jungs von der Antifa ebenso wie die halbstarken Handyzocker und Kleindealer. Sein Straßenwissen – darin spiegeln sich auch Möhrings eigene Vergangenheit als Punk und die Erfahrungen des jungen Hamburger Regisseurs Özgür Yildirim – und seine Schnoddrigkeit fügen sich mit Geradlinigkeit zur Figur eines guten Bullen, so wie er sein soll.

Warme Milch und Weicheier

Wie Schimanski fährt Falke einen alten Citroën. Des einen Alkohol ist des anderen zimmerwarme Milch: Ständig hat Falke sein Tetrapak dabei. Noch bevor man da Aspekte der Debatte um die neuen Weicheier herauslesen könnte oder gar einen Seitenhieb auf Tschiller, der mit weich gekochten Eiern so seine Probleme hat, steckt sich Falke eine Kippe an und macht seinem Kater eine Dose Hundefutter auf. Tschiller war auf der Toilette wohl zu Recht beeindruckt.

Ein rauchender Kommissar mit Milieukenntnis: Der neue norddeutsche Tatort will bei aller Fiktion vor allem Normalität darstellen. Fälle, die einen realen Bezug haben, wie die hundertfachen Autobrände, die vor zwei Jahren großes Medienecho auslösten und Limousinenbesitzer in deutschen Großstädten um den Schlaf brachten. Delikte, die etwas über den Zustand der Gesellschaft aussagen, in diesem Fall über die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Billstedt und Blankenese, zwischen medialer und privater Öffentlichkeit, zwischen Selbstjustiz und Rechtsstaat.

Die Bodenständigkeit dieses Tatorts, und dafür ist man angesichts der Münsteraner Witzkanonen und des Saarbrücker Gummistiefels dankbar, zeigt sich besonders in den Szenen zwischen Falke und seinem ehemaligen Partner Katz. Vom Motiv der Freundschaft lebten schon die Episoden mit Stoever und Brockmüller, die hatten ihre schräge Hausmusik. Das neue Team, und sei es in dieser Folge auch entzweit, verbinden unerschütterliches Einvernehmen und wunderbar trockener Humor. Kasten Bier, Stück Pizza, und dann lass' ma' reden, Digger.

Natürlichkeit durch Improvisation

In diesen Momenten möchte man mit Möhring und dem großartigen Sebastian Schipper auf dem Sofa sitzen. Da zahlt es sich aus, dass der Drehbuchautor Markus Busch die Dialoge nur skizziert hat, um den Darstellern Raum zur Improvisation zu geben. An anderer Stelle führte es allerdings dazu, dass diverse Szenen nachsynchronisiert werden mussten, was bisweilen die Illusion der Authentizität stört.

Die Jagd nach dem Feuerteufel ist kriminalistisch unspektakulär, Spannung selten spürbar. Hier und da wähnt man sich eher im Großstadtrevier mit seinen putzigen Kiezroutinen. Aber es kann eben nicht immer knallen und tschillern. Zwar nimmt der Fall kurz vor Schluss noch eine überraschende Wendung, nachdem der Täter 80 Minuten lang feststand. Aber die Stärke dieser Premiere liegt eindeutig nicht im Sujet, sondern im Ensemble. Spannend wird es durchaus, wie die hervorragenden Schauspieler ihre Charaktere weiterentwickeln – im nächsten Fall sogar mit der Unterstützung von Nina Kunzendorf. Angesichts dieser darstellerischen Übermacht muss Schweiger kapitulieren.