Der ungarische Regisseur Bence Fliegauf während einer Pressekonferenz zu seinem Film "Just The Wind", für den er auf der Berlinale 2012 den Silbernen Bären gewann. © JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Fliegauf, nach den jüngsten Verfassungsänderungen in Ungarn: Würden Sie sagen, es wird schlimmer? Oder übertreibt die Presse?

Bence Fliegauf: In Deutschland ist man sehr hungrig, die ganze Situation zu historisieren. Als ich im Frühjahr von der Berlinale zurückkam, wurde ich zu Hause gefragt, wie die Interviews in Deutschland waren. Ich sagte, dass deutsche Medien schon etwas hysterisch seien. Das macht mich glücklich. Gerade Deutschland muss aufpassen, wenn etwas in europäischen Demokratien falsch läuft. Und wenn Deutschland deswegen überreagiert, macht es mich noch glücklicher.

ZEIT ONLINE: Wie nehmen Sie persönlich die Situation in Ungarn wahr?

Fliegauf: Ich habe lange in einer Art Blase gelebt. Wie in einer Zeitkapsel, die mit dem Rest der Gesellschaft nichts zu tun hatte. Und ich arbeite daran, meine Isolation aufrecht zu erhalten. Aber im Moment spüre ich die Macht von Viktor Orbáns Fidesz sehr. Alles, was in schon in den Zeitungen und im Internet geschrieben wurde, ist nun bei mir angekommen. Es ist überall. Aber es ist natürlich schwer, objektiv darüber zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Fliegauf: Alle meine Freunde sind Liberale. Und natürlich leiden sie. Sie haben ihre Möglichkeiten zu arbeiten verloren. Ihr Netzwerk ist weg. Das Wort "liberal" ist inzwischen ein Schimpfwort geworden, nicht nur in Ungarn. Es ist seltsam. Viele Menschen haben Angst. Vor allem vor dem Ergebnis der nächsten Wahl.

ZEIT ONLINE: Merken Sie als Regisseur eine Veränderung in der Filmindustrie, seit Orbán an der Macht ist?

Fliegauf: Man merkt schon seit Jahren eine gewisse Amerikanisierung des Kinos. Das hat viel mit dem zu tun, was die Ungarische Filmförderung gerne mit ungarischem Arthauskino tun möchte. Sie interessiert sich nicht sehr für solche Filme. Das ist interessant, denn viele junge Regisseure wurden zuvor noch unterstützt. Aber alle, die experimentelle Filme drehen – eine große Tradition in Ungarn – reichen solche Filme nicht mehr ein. Sie wissen, dass sie keine Unterstützung erwarten können, weil solche Filme in Ungarn aus der Mode gekommen sind.


ZEIT ONLINE: Müssen Regisseure wie Sie vorsichtiger sein?

Fliegauf: Ich sehe mich als Autor. Ich hatte mehr als 20 Spielfilmprojekte als Drehbuchautor und bei manchen von ihnen würde ich gerne selbst Regie führen. Ich kann sagen, ich habe Glück. Wenn die Filmförderung einen Vorschlag nicht mag, schlage ich eben etwas anderes vor. Das mache ich derzeit. Ich bin mir nicht sicher, ob es hilfreich ist, wenn Regisseure denken: Okay, für dieses Regierungssystem muss ich auf diese Art denken, damit ich Unterstützung bekomme.

ZEIT ONLINE: Eine Zensur findet nicht statt?

Fliegauf: Wenn es Zensur gäbe, wäre ich der erste, der aufschreien würde. Aber es gibt keine. Hauptsächlich, weil es keinen politischen Film in Ungarn mehr gibt, kein sozial engagiertes Kino. Deswegen ist es schwer zu beurteilen, was geschähe, wenn ein Regisseur sich mit so einem Film bei der Filmförderung bewerben würde. Es ist, wie J. Edgar Hoover sagte: Der beste Weg, um die Menschen zu kontrollieren, ist ihnen Freiheit und Demokratie zu geben. In einer Diktatur gehen die Leute in den Untergrund und machen dort die Dinge, vor dem sich ein Regime fürchtet. Die Regierung muss untersuchen und überwachen und weiß nicht, was passiert. In einer Demokratie fühlen sich die Menschen frei und sagen alles frei. Die Regierung sieht alles und kann alles kontrollieren, wie sie will. In Ungarn haben wir Demokratie.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Selbstzensur aus vorauseilendem Gehorsam?

Fliegauf: Ja, das passiert.  Aber es wäre unfair, nicht zu erwähnen, dass es das unter der liberalen Regierung auch gegeben hat. Dann haben die vom rechten Flügel keine Projekte zur Förderung eingereicht. Aber das waren eh sehr engstirnige Sachen, Propagandafilme über das, was sie so denken. Ich habe jetzt ein bisschen Angst, dass die Filmindustrie eine Art Miniatur von dem wird, was Orbán mit dem ganzen Land tut. 

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Fliegauf: Diese pragmatische Restrukturierung des ganzen Systems. Die richtigen Leute in die richtigen Positionen hieven. Eine Art Pyramidensystem.