Stellen Sie sich eine TV-Serie vor. Eine Serie, die sechs Emmys und einen Golden Globe gewinnt und gemäß den Nutzerbewertungen der IMDB und Metacritic als beste Comedy-Serie aller Zeiten gilt. Eine Serie, die bei ihrem Start von Kritikern gelobt und als die Rettung der Sitcom bezeichnet wird. In der Oscar-Gewinnerinnen wie Liza Minelli und Charlize Theron bizarre Nebenrollen spielen. Stellen Sie sich eine Serie vor, die ihrem Sender von Beginn an ein Dorn im Auge ist. Die nach 53 Folgen wieder abgesetzt wird, weil nicht genug Zuschauer einschalten. Stellen Sie sich nun vor, dass diese Serie nach sieben Jahren unerwartet ein Comeback feiert – im Internet auf dem Streaming-Portal Netflix.

Die Geschichte von Arrested Development ist nicht nur die einer großen TV-Serie. Es ist auch die Geschichte eines großen Missverständnisses. Die Serie lief auf dem falschen Sender, zur falschen Zeit, sie wurde schlecht vermarktet und brach mit zu vielen Traditionen auf einmal. Das Fernsehen sei nicht bereit gewesen, sagten die Macher damals. Das Internet ist es, glaubt Netflix heute. Als der Dienst im vergangenen Jahr ankündigte, die Serie fortzusetzen, staunten nicht nur die Fans. Nicht nur war es gelungen, die komplette Originalbesetzung für 15 neue Folgen zusammenzutrommeln. Es war auch ein Fingerzeig in Richtung der TV-Sender, der Glaube an die Inhalte und nicht an Quoten. Der Beweis, dass gute Shows im Netz eine zweite Chance bekommen können.

Alles begann im Jahr 2002. Der Regisseur und Produzent Ron Howard (Apollo 11, A Beautiful Mind) hatte die Idee für ein neues Comedy-Format. Es sollte stilistisch an Reality Shows und Dokumentarfilme erinnern, frecher, dreister und smarter sein als die angestaubten Sitcoms. Howard traf auf den Drehbuchautor Mitchell Hurwitz, der zuvor achtzehn Jahre für Sitcoms wie Golden Girls geschrieben hatte und gelangweilt war. Hurwitz schlug die Geschichte einer wohlhabenden Familie vor, die "alles verlor" und dem Sohn, "der keine Wahl hatte, als sie zusammenzuhalten", wie es später im Vorspann hieß.

Ein neues Sitcom-Format

Zwei Jahre später hatten die Bluths ihren ersten Auftritt im Fernsehen. Nachdem der Patriarch und Bauunternehmer George Bluth aufgrund dubioser Geschäfte im Gefängnis landet, findet sich der weltfremde Rest der Familie plötzlich ungewohnt nah und ohne Geld zusammen. Der jüngste und neurotische Sohn Buster, der "elf Monate in der Gebärmutter" verbrachte und mit seiner Mutter Lucille zusammenlebt. Die Tochter Lindsey und ihr Mann Tobias, ein untalentierter Schauspieler mit homosexuellen Tendenzen. Der selbsternannte Magier und Vollzeit-Macho GOB (George Oscar Bluth) und natürlich Michael, der moralische Anker und selbsternannte Retter von Firma und Familie.

Sitcoms leben von schrägen Figuren, von schrulligen Eigenarten und Stereotypen. Arrested Development trieb es auf die Spitze. Jede Figur ist überzeichnet, eine Karikatur der amerikanischen High Society, egoistisch, raffgierig, selbstverliebt und vor allem ziemlich hilflos angesichts des Echtlebens außerhalb ihrer Gated Community.

Versteckte Details statt Lachkonserve

Ein 70-seitiges Drehbuch schrieb Hurwitz allein für die Pilotfolge. Für jede Figur hatte er sich von Anfang an drei Entwicklungen überlegt. Anders als in traditionellen Sitcoms, in denen sich Charaktere und Beziehungen über Monate hinweg verändern, bewegte sich Arrested Development rasend schnell. Hurwitz und ein Team weitestgehend junger und unbekannter Filmemacher brachen mit  fast allen Konventionen des Genres.

Zusätzlich zu den unüblichen Kameraeinstellungen, die bewusst Teile der Szene ausblendeten, zum kalkulierten Lo-Fi-Look von Reality Shows und einem begleitenden Erzähler (gesprochen von Ron Howard persönlich), präsentierte Arrested Development ein Geflecht aus Insiderwitzen und Callbacks, aus Wortspielen, Anspielungen, Running Gags und selbstreferenziellem Humor. Hurwitz feilte bis zum Vorabend des Drehs am Skript und verbrachte anschließend noch Stunden mit dem Schnitt. Witze bauten auf anderen Witzen auf, Anspielungen entzogen sich dem Kontext, nur um mehrere Folgen später durch die Hintertür zurückzukommen. In nahezu jeder Einstellung versteckten sich Anspielungen, die es zu entschlüsseln galt. Gepaart mit wahnwitzigen, sich überlagernden Storylines über Inzest und den Irak-Krieg, die Filmindustrie, Homosexualität und Einwanderung war Arrested Development mehr als ambitioniert. Es war eine Herausforderung.