"Nein, die Vergangenheit existiert nicht." Der iranische Filmemacher Asghar Farhadi schüttelt entschieden den Kopf, als ihm das jemand nach der Vorstellung seines Films in Cannes in den Mund legen will. Wobei die Frage nicht abwegig ist, schließlich heißt sein jüngstes Werk Le Passé. "Was existiert", stellt er freundlich richtig, "sind die Erinnerungen, die wir daran haben, was geschehen ist." Die sind für den einen süß, den anderen bitter.

Nach vier Jahren kehrt Ahmad (Ali Mosaffa) aus Iran nach Paris zurück, weil seine französische Noch-Ehefrau Marie (Bérénice Bejo) ihn gebeten hat, die Scheidung zu vollziehen. Sie hat inzwischen einen anderen Mann kennengelernt, Samir (Tahar Rahim), von dem sie ein Kind erwartet. Samir ist mit seinem kleinen Sohn bereits in das Haus von Marie und ihren beiden Töchtern eingezogen. Doch als Ahmad ankommt, spürt er schnell, dass die Beziehung zwischen Marie und ihrer älteren Tochter Lucie (Pauline Burlet) aus diesem Grund angespannt ist.

Die Keimzelle von Farhadis Geschichte ist – wie schon in seinem letzten großen Erfolg Nader und Simin: Eine Trennung – die Familie. Deshalb mag er Ingmar Bergman so gerne. Und den Dramatiker Henrik Ibsen. Das erspare ihm lange Erklärungen darüber, in welcher Konstellation seine Erzählung spielt, sagt Farhadi. Schließlich habe jeder eine Familie. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau, die Beziehungen zu ihren Kindern seien die ältesten überhaupt. Auch wenn sie immer anders sind.

Marie bittet Ahmad, sein gutes Verhältnis zu Lucie zu nutzen, um herauszufinden, was sie gegen den neuen Mann ihrer Mutter hat. Ahmad mit seiner ruhigen und besonnenen Art wird zum Katalysator des schwelenden Konflikts. Der reicht viel tiefer, als man anfangs vermuten mag.

Farhadi gibt seinen Schauspielern jede Geste vor

"Farhadi ist ein Choreograf", sagt seine Hauptdarstellerin Bérénice Bejo. Er gebe seinen Schauspielern nicht nur die Dialoge vor, sondern jeden Schritt, jede Geste. Sie erzählt von einer Szene, die im Film wohl kaum mehr als ein, zwei Minuten dauert: Mutter und Tochter liegen im Bett und sprechen ein paar kurze Sätze. Einen ganzen Drehtag hätten sie darauf verwendet, erinnert sich Bejo. Mal war es eine Haarsträhne, die nicht richtig fiel, mal war es die Haltung der Hände, des Kopfes oder die Beleuchtung, die nicht mit dem übereinstimmte, was der Regisseur wollte.

Das Ergebnis ist ein Film, in dem jede Einstellung perfekt ist: Requisite, Ausschnitt, Licht, Ton, Regie. In Farhadis Fall ist Absolutheit zulässig. Wenn man könnte, würde man sich Le Passé am liebsten gleich noch einmal anschauen: ohne Ton, um den Tanz der Darsteller besser zu sehen, oder ohne Bild, um besser zu hören, wie die Geräusche den Lauf der Dinge antizipieren.