Soderbergh-FilmKammerspiel im Las-Vegas-Neuschwanstein

Ungewöhnlich: Steven Soderbergh ist mit einer TV-Produktion im offiziellen Wettbewerb und Michael Douglas glänzt als schwuler Showstar Liberace. von 

Zeltstangen sind nicht wirklich für stürmische Zeiten geschaffen. Sie können einknicken und alles zum Einsturz bringen. Auch sehen sie einander zum Verwechseln ähnlich, und es kann passieren, dass eine zentral errichtete viel zu schwach ist. Mit Zeltstangen, so viel ist klar, baut man nichts für die Zukunft.

Insofern ist Tentpole eine bemerkenswerte Metapher der Filmindustrie, die damit ausgerechnet Filme bezeichnet, die den Jahresumsatz einer Produktionsfirma maßgeblich stützen sollen, wie Iron Men 3, der tatsächlich zum Blockbuster wurde. Aber auch Johnny Carter war ein Tentpole. Der hatte 350 Millionen Dollar gekostet und einen Verlust von 200 Millionen Dollar eingefahren. Die Idee, mit Zeltstangen eine gute Filmindustrie zu bauen sei Schwachsinn, hat Steven Soderbergh noch kurz vor den Festspielen gesagt. In seiner Hassrede kritisierte er die Budgetpolitik der Hollywoodstudios, die Filme mit mittleren Budgets wie sie Soderbergh macht, nur ungern finanzieren.

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Keiner der Leute, die sich dort den ganzen Tag mit Vorhersagen und Planungen befassten, hätte vorhergesehen, dass sein Film Magic Mike (2012) überraschend ein Erfolg wurde und sein Side Effects (2013) überraschend eher ein Misserfolg.

Zur Finanzierung  seines jüngsten Projekts fehlten Soderbergh am Ende fünf Millionen Dollar. Also hat der Independent-Filmemacher, der 1989 mit Sex, Lügen und Video als jüngster Regisseur überhaupt in Cannes die Goldenen Palme gewann, das Lager gewechselt und sich das Geld vom Pay-TV-Sender HBO besorgt. Sein letzter Film, mit dem er wieder nach Cannes eingeladen wurde, ist ein Fernsehfilm. Das kann als einigermaßen außergewöhnlich gelten für einen Beitrag im offiziellen Wettbewerb. 

Behind the Candelabra ist die Geschichte des schwulen Pianisten und Entertainers Liberace, der von den fünfziger bis in die siebziger Jahre hinein unfassbare Erfolge in den USA feierte. Zunächst als begnadet schneller Klavierspieler klassischer Stücke, später als Showtalent in Las Vegas. Im Film sieht er aus, als hätte man Elton John auf Lady Gaga gestylt. Menschen, die Liberace noch persönlich kannten – wie der Hauptdarsteller Michael Douglas – sagen, dass er tatsächlich so aussah. 1987 starb Liberace an Aids. Im Jahr darauf veröffentlichte sein langjähriger Lebenspartner Scott Thorson seine Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in dem Buch Behind the Candelabra. Es wurde zur Vorlage des Films. 

Matt Damon im Strass-Tanga

Michael Douglas spielt den alternden Star mit viel Körpereinsatz, Bling Bling und so schwul, dass der Kinosaal laut auflacht. Ebenso schwul und bald  im Strass-Tanga durchs Bild tänzelnd spielt Matt Damon Liberaces jungen Geliebten. Was sie aufführen ist ein Beziehungsdrama als Kammerspiel, wobei die Kammer freilich ein Siebziger-Jahre Las-Vegas-Neuschwanstein ist.

Wenke Husmann
Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Wir sehen, wie die beiden sich kennenlernen, sich lieben und gemeinsam vor dem Fernseher Speck ansetzen. Als Folge einer späten Midlife-Crisis des Stars lassen sie sich schönheitsoperieren, bis Liberace nachts nicht mal mehr die Augenlider schließen kann. Das Ganze endet wie etliche Promi-Beziehungen mit einer unschönen Trennung und einem Rechtstreit um den Unterhalt.

Leserkommentare
  1. den im ach so liberalen Hollywood kein Filmstudio finanzieren wollte. Sicherlich ist ein solcher Film gerade heute sehr wichtig, da es offenbar für immer mehr Menschen schick scheint, ihre homophoben Gefühle mit Meinungsfreiheit gleichzusetzen.

    2 Leserempfehlungen
  2. .. wirkt in dieser Filmrolle überhaupt nicht überzeugend. Eine absolute Fehlbesetzung!

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  • Schlagworte Matt Damon | Michael Douglas | Steven Soderbergh | Aids | Elton John | Kammerspiel
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