Die Sommernächte hindurch drang Musik aus dem Haus meines Nachbarn. In seinen blauen Gärten schwirrten Männer und junge Mädchen wie Falter zwischen dem Geflüster und dem Champagner und den Sternen umher. Genau dieses Gefühl, das der Erzähler Nick Carraway in Der große Gatsby beschreibt, muss der Regisseur Baz Luhrmann für seine Verfilmung des Romans im Kopf gehabt haben. F. Scott Fitzgerald hat mit der Geschichte unser Bild der Goldenen Zwanziger bis heute geprägt: neureiche Lebemänner in Maßanzügen, leichtlebige Frauen in flattrigen Seidenkleidern, und Glanz, Jazz, Tanz überall – auch in Luhrmanns Neuverfilmung.

Catherine Martin heißt die Frau, die die Kleider für Luhrmanns Filme entwirft. Inzwischen ist sie mit dem Regisseur verheiratet und hat bereits zwei Oscars für ihre Kostümbilder gewonnen. Wie schon in seinen Filmen William Shakespeares Romeo + Julia (ebenfalls mit Leonardo DiCaprio) und Moulin Rouge  gestaltet sie auch in seinem neuen Film die Handlung für ihn voller Übertreibung, indem sie Theatertechniken, Tanz und Gesang vor aufwändigen Bühnenbildern inszeniert.

In Der große Gatsby geht es um Bilder, die man sich vorschnell von Menschen macht, wenn man nur ihre Erscheinung und ihren Lebenswandel beurteilt. Martins und Luhrmans Ästhetik spiegelt dabei ganz Gatsbys Streben wider, das eigene Leben zur Bühne seiner Träume zu machen, und füttert die Vorstellung, die der Protagonist mit Glanz und Glamour von seinem Leben wecken will. Ein Wunschtraum.

Wir sehen leichte, mit Kristallen besetzte Flapperkleider, Haarbänder und Kappen und Perlenketten meterweise um die Frauen, Fracks und Budapester an den Herren. Alles viel zu schick und detailliert, um authentisch zu wirken. Martin verpackt hier das Imaginäre, Performative in Kleidern und schafft dabei ein kleines Kunststück: sowohl einen authentischen historischen Bezug herzustellen als auch ein referenzielles Spiel mit Kleidungscodes zu treiben.

Prada ließ Details aus der aktuellen Kollektion einfließen

Denn für die Herrenausstattung wurde mit der amerikanischen Bekleidungsfirma Brooks Brothers zusammengearbeitet, bei der schon Fitzgerald Kunde war und die für den echten Zwanziger-Jahre-Look sorgen soll. An den Kostümen für die weiblichen Figuren ist das Luxuslabel Prada beteiligt, das in die Entwürfe Details aus aktuellen Kollektionen einfließen ließ und somit einen Bezug zur heutigen Kleidung herstellt. Mit Der große Gatsby will Martin das Spannungsfeld zwischen Authentizität und Künstlichkeit im Kostümbild ausloten.

Bewusst von naturalistischen Epochenabbildern abgesetzt hat sich beispielsweise Sofia Coppola in ihrem Film Marie Antoinette. Sie gab den Kostümen ihrer Heldin einen modernen Twist mit. Die Entwürfe von Milena Canonero wurden zur Leinwand, auf der sich die Gefühle der Protagonistin abzeichneten: von der kindlichen Prinzessin in einem weißen, schlichten Kleid über die Pop-Königin in rosafarbenen Kleidern bis zu einem erwachsenen Look als Mutter.

Anna Karenina und Diors New Look

Eine spannende Kostümdramaturgie findet sich auch in Anna Karenina von Joe Wright, der sich mit den von Jacqueline Durran gestalteten Kostümen von den 1870er Jahren seiner Handlung löste: Die aufwändigen Kleider zeigen Einflüsse des New Look der 1950er Jahre, den Dior prägte. Die Frau der Nachkriegszeit wurde damit zurück zu einer weiblichen Silhouette mit schmaler Taille und weitem Rock und durch die Arbeitsuntauglichkeit der Kleider wieder an den Herd geführt. Der New Look passte in seiner Rückwärtsgewandtheit in ironischer Umkehrung gut zu Anna Karenina, der die Geschichte eines weiblichen Befreiungsversuchs aus Konventionen und Ehegefängnis erzählt.

Von diesen referenziellen, mit Zeichen spielenden Kostümbildern unterscheiden sich Filme, deren Kleider historisch genau und naturalistisch gestaltet sind. Die Kostüme von Manon Rasmussen zu Die Königin und der Leibarzt beispielsweise, ein Historienfilm von Nikolaj Arcel, der von der Affäre der dänischen Königin Caroline mit dem Arzt ihres Mannes zur Zeit der Aufklärung erzählt, ist ebenso detailverliebt wie geschichtstreu. Sie funktionieren weniger als Projektionsfläche für die Befindlichkeiten der Protagonisten, sondern sind vielmehr Zeugen einer Epoche im Umbruch, in der trotz Freiheitsstreben strenge Bekleidungsregeln herrschten.