Film "Tilt"Romeo und Julia als Flipperkugeln in Europa

Der bulgarische Film "Tilt" war ein Kassenhit in seiner Heimat. Nun kommt das großartige Liebesdrama auch bei uns ins Kino. Von D. Hugendick von 

Wer an die entrückte, jugendliche Liebe glaubt, kann sich ihrer im Kino versichern und zusehen, was mit Jungs passiert, wenn aus Mädchen Frauen werden. Die konventionelle Teenie-Romanze funktioniert in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten blendend. Natürlich mit wechselnden Dramen und Konstellationen, Kusshärten und Schluchzstärken, Lebenden oder neuerdings Untoten, aber meistens werden noch nicht ganz ausgeprägte Kiefermuskeln angespannt und am Ende haben alle vor Rührung feuchte Augen.

Cheesy ist das, wie man in Hollywood sagt, wo dieses Genre erfunden wurde. Und man kann sich fragen, warum bei Viktor Chouchkovs Tilt so vieles anders ist, denn vieles ja wie immer: Spielzeit 90 Minuten, drei Akte, ein Junge und ein Mädchen. Vielleicht liegt es daran, dass Chouchkov seine Bilder ganz selbstverständlich in den Betonschluchten von Sofia findet, in Bulgarien, wo Tilt vor zwei Jahren einer der größten Kinoerfolge gewesen ist, die das Land je gesehen hat.

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Es ist das Ende der achtziger Jahre, der kalte Krieg ist nicht mehr so kalt und inmitten dieses Umbruchs verlieben sich Stash und Becky: er skateboardfahrender Draufgänger, sie Tochter des regimetreuen Polizeiobersten. Stash ist Mitglied einer kleinkriminellen Bande, die in einem Abrisshaus Softpornos kopiert und Sex Pistols hört. Man ahnt, dass das nicht gut gehen wird und er bald im Büro von Beckys herrischem Vater landet, wo das Bild des bulgarischen Machthabers in vorrevolutionären Zeiten öfter gewechselt wird, als man noch nachzählen kann.

In diesem kurzen Sommer der Anarchie droht Stash plötzlich eine Haftstrafe, Beckys Vater verspricht, ihn zu erschießen, falls er sich jemals wieder in Bulgarien blicken lässt. Stash und seinen zwei Freunden gelingt eine herzstolpernde Flucht nach Deutschland, in ein bayerisches Kaff, wo verabredungsgemäß das Glück zu Hause ist, während der Kommunismus daheim endgültig zusammenbricht und Stash Briefe an seine Liebe schreibt, die natürlich niemals ankommen. Man kennt das alles.

Aber Chouchkov schafft es, dass man die erhebliche Materialermüdung zeitgenössischer Romeo-und-Julia-Variationen kaum spürt. Selten sah das serienmäßige Bauprinzip verhinderter Kinoliebe so aufrichtig und unverbraucht aus. Es wirkt plötzlich geradezu ungeheuerlich, was dem Paar widerfährt. Das liegt besonders an der glaubhaft verzweifelten Wut der Hauptfigur Stash (Yavor Baharoff) und an dessen Becky (Radina Kardzhilova), von der ein erstaunlicher, schmollmündiger Zauber ausgeht. Wo andere Exemplare des Genres unter geschmackverstärkender Werbeästhetik und Geigensoße bestattet werden, erzählt Chouchkov mit Rotzigkeit und immer düstereren, rohen Einstellungen seinen Film.

Dass er seine Erzählung mit der Implosion des Kommunismus synchronisiert, verleiht ihr Schwere und Dringlichkeit, die man auf amerikanischen Highschool-Fluren zwischen Cheerleadern und Footballcaptains kaum finden wird. Hinter der vordergründigen Liebesgeschichte entfaltet sich wie nebenbei ein ganzes Panorama jüngerer osteuropäischer Vergangenheit: das Schicksal der Arbeitsflüchtlinge, Korruption, Gaunerkarrieren ehemaliger Funktionäre, verlorene Freunde und die geplatzten oder gestohlenen Träume all jener, die auf bessere Zeiten gehofft hatten. Wie Stash und seine Freunde. Sie wollten eine Flipper-Bar eröffnen. Nun sind sie selbst zu Flipperkugeln der Geschichte geworden.

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Auch daraus zieht Tilt seine Energie, mit der das Drama auf seinen letzten Moment hintreibt. Ein Film, der im Wesentlichen natürlich immer noch eine Jugendromanze von großer Zartheit ist, aber auch eine kleine, nicht immer sanftmütige Erzählung sein will über Rache und Verrat. Diese Mischung gelingt Chouchkov ausgezeichnet.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Drama | Genre | Hollywood | Kommunismus | Bulgarien | Erzählung
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