Seltsam ist das schon. Alle Beteiligten sagen, dass Terrence Malick eigentlich Philosoph sei. "Terry", sagt zum Beispiel der Ausstatter, habe etwas "Wichtiges in der Strenge dieser Gebäude gefunden". Die Häuser mit dem verschlossenen Gesichtsausdruck stehen in Bartlesville, Oklahoma; dort spielt To the Wonder. In dieser in die unendliche Weite gebauten Klaustrophobie wohnt Ben Affleck alias Neil. Affleck musste zur Vorbereitung Tolstoi, Dostojewski und Scott Fitzgerald lesen, was wohl dazu führte, dass er im Film meistens schweigt. Philosophisch gesprochen: Er bildet die stumme Mitte der Nichthandlung.

Handlung gibt es bei Malick grundsätzlich nicht, ist es doch gewissermaßen das Gegenteil des Denkens.

In die Regionen solcher Einsichten scheint Ben Affleck eingetreten zu sein, denn er bekennt, er habe in den sieben Drehwochen mehr gelernt als in seiner gesamten bisherigen Karriere. Und was hat der Zuschauer davon?

Nichts. Fast nichts. Es fällt schwer, das zuzugeben. Denn was macht Malick so anders als in seinem wunderbaren Tree of Life von 2011? Neil, der Amerikaner, trifft die Französin Marina. Eine große Liebe, der Off-Kommentar protokolliert in aller Nüchternheit das Ergebnis der Ekstase: "Du hast mich vom Boden aufgelesen. Du hast mich aus dem Schatten geholt." Und immer so weiter. Fotografiert ist das meist im Gegenlicht.

Das Gegenlicht ist Gottes Lieblingsbeleuchtung. Der Strahl blendender Helle zielt meist von rechts oben nach links unten. Irgendwann beginnt man, auf dieses Licht zu warten, ebenso wie auf Olga Kurylenkos Tanz mit ausgebreiteten Armen. Malick hatte den Fehler gemacht, seine Schauspieler zu bitten, sich ganz auf ihre Inspiration zu verlassen. Also umflügelt Kurylenko die Kamera, während Affleck zur schweigenden Randfigur wird. Malicks Filme sind Bewusstseinsströme der Erinnerung. Dass ihre Liebe nie mehr so hoch steigt wie an jenem Tag auf der französischen Felseninsel Mont Saint-Michel – "das Wunder" genannt –, wird das Paar erst wissen, wenn der Tag vorbei ist. Der Zuschauer weiß es gleich, schon durch das schmerzzerrissene "Parsifal"-Vorspiel. Und dann versiegt sie, im Alltag in Bartlesville, wo Neils frühere Freundin auftaucht (Rachel McAdams) und um die Grundstücke Zäune stehen, hoch wie die Berliner Mauer.

Ein Film ist kein Andachtsraum. To the Wonder? Nichts erlöst dieses Werk, diese halbtote Liebe. Und Malicks Gott ist auch nicht lebendiger, obwohl der kleinstadtgeistliche Pater Quintana (großartig: Javier Bardem) die einzige Figur aus Fleisch und Blut ist. Kein Buchhalter Gottes, sondern ein Mystiker, der seinen Gott verloren hat und ihn ebenso wenig wiederfindet wie Ben und Marina ihre Liebe. Wie leben wir weiter danach? Vielleicht hätte Malick diesmal besser einen Traktat schreiben sollen.

Erschienen im Tagesspiegel