"Der große Gatsby"Party-Endzeit in Cannes

"Der große Gatsby" mit Leonardo DiCaprio ist der perfekte Eröffnungsfilm für Cannes. Ein Sinnesrausch, eine Kostümorgie, aber auch ein Film über die Krise. Von W. Husmann von 

An der Côte d'Azur weiß man, wie man Partys feiert. Einige der größten und luxuriösesten werden während des Filmfestivals in Cannes gegeben, wenn die großen Produktionsfirmen ihre Premieren feiern. Dann steigen die Stars in immer noch schöneren Kleidern und mit immer noch funkelnderem Schmuck aus den Limousinen am Arm ihrer  Ko-Stars und Geldgeber. Eigentlich bräuchte man also gar nicht hinein in den dunklen riesigen Saal, um sich Baz Luhrmanns Der große Gatsby anzuschauen. Die verzweifelte Inszenierung eines Traums, die der Film erzählt, findet hier draußen statt. Jetzt.

Vor 21 Jahren erhielt Luhrmann in Cannes seinen ersten Preis, damals für den Tanzfilm Strictly Ballroom. 2001 eröffnete sein Musical-Drama Moulin Rouge die Festspiele. Das Echo war gespalten, auch wenn der Film später mehrfach ausgezeichnet wurde. Jetzt also seine Verfilmung des Großen Gatsby, jenes Romans von F. Scott Fitzgerald über einen geheimnisvollen Mann, der 1922 jedes Wochenende für die New Yorker Upper Class rauschhafte Feste veranstaltete. Man kann sagen, Cannes mag Luhrmann.

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Und Luhrmanns Film passt hervorragend nach Cannes. 

Im Pool vor Gatsbys Villa treiben aufblasbare Zebras und später etliche Champagnerflaschen. Der Steg wippt unter rhythmisch zuckenden Leibern. Wer keinen Platz am Pool mehr findet, tanzt auf den Freitreppen, die zum Strand führen oder  im Festsaal, in dem ein irrer Musiker einer Orgel dämonische Klänge entlockt. In Fitzgeralds Roman war es Jazz, der die Feiernden mitriss: jung, sexy, ekstatisch. In Luhrmanns Verfilmung ist es Hip-Hop.

Das sei die emotionale Entsprechung für die Gegenwart, sagt Luhrmann. Also engagierte er den Rapper und Musikproduzenten Jay Z, um das damals noch besinnungslos machende Tempo des Jazz in einen modernen Soundtrack zu übersetzen. Auch Beyoncé und Florence+The Machine schallen über Gatsbys Anwesen. Die grell erleuchtete Villa vibriert wie ein Rave.

Eine "prächtige Fata Morgana" hatte Fitzgerald das New York seiner Zeit genannt. Immer noch höher die Gebäude, schwindelerregender die Aktienspekulationen, lockerer die Moral und Champagner schon zum Frühstück. Luhrmann und seine langjährige Austattungspartnerin Catherine Martin haben sich alle Mühe gegeben, diese Zustände in heutige Größenordnungen zu übersetzen. Mit dem Ergebnis, dass das Ausmaß des Luxus und der Ausschweifungen noch gewaltiger erscheint.

Wenke Husmann
Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Fitzgerald schrieb seinen Roman Jahre vor dem Börsenkrach. Umso verblüffender wirkt seine damalige Erkenntnis, dass der Aufschwung nicht einfach immer so weitergehen konnte. Wer mag, kann das auf das Hier und Jetzt beziehen. In Frankreich nehmen die Jugendlichen mehr Drogen als in jedem anderen europäischen Land. Oft sind sie arbeitslos, unter denjenigen mit Migrationshintergrund sind es beinahe die Hälfte. Man sieht, wo diese Menschen leben, sobald man den kleinen Luxusmoloch Cannes verlässt und den Vorortzug nimmt. Vor dem auch dort noch unfassbaren Blau des Mittelmeers, eingekeilt zwischen den Trassen von Autobahn, Küstenstraße, Route Nationale und Eisenbahn, stehen gesichtslose Flachbauten mit grotesken Anbauten aus Plastik und Pressholz.

Luhrmann hält sich aber nicht allzu lange mit der Moral auf. Die Bilder und Figuren der "Täler der Asche", der Schattenriss einer rauchenden Fabrik und die schwarzen Männer, die den Dreck New Yorks wegschippen, wirken kulissenhaft und  unpassend dekorativ.

Leserkommentare
    • deDude
    • 15. Mai 2013 13:35 Uhr

    ... allein weil ich die Inszenierungen der Zeit zwischen 1900-1920 einfach nur famos finde. Jazz durch Hip-Hop zu ersetzen mag vielleicht eine seltsame Idee sein, ich habe jedoch schon einige Stimmen gehört die behaupten der Soundtrack sei mit Abstand der beste der letzten Jahre.

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    Hip-Hop für die Upper Class erscheint bizarr.

    Aber mal schauen.

    • hareck
    • 16. Mai 2013 14:16 Uhr

    in seiner genialen Verfilmung von Shakespeares "Romeo und Julia" Techno-Sounds und allerlei andere moderne Zitate verwendet.

    Er kann so was....mal gespannt, wie es hier wirkt.

  1. auf den Streifen. DiCaprio überzeugt einfach in all seinen Filmen. Dass Tobey Maguire dabei ist, finde ich auch gut.

  2. Hip-Hop für die Upper Class erscheint bizarr.

    Aber mal schauen.

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    Schließlich wurde auch der Jazz von der Upper Class erst emporgehoben und vergoldet. Man wollte sich subversiver geben als man war. Also ähnlich wie die HipHop- und Rap Hörer heute auch. Das sind dann nicht selten Villenvorortsöhnchen die auf Gangta machen wollen ;-)

    • Vibert
    • 15. Mai 2013 14:49 Uhr

    beim nächsten Festival müssen sie dann wohl oder übel ein Remake von "they shoot horses, don't they?" bringen. Und Glauben Sie mir, ob mit oder ohne Hip-Hop ist dann völlig sekundär.

  3. Schließlich wurde auch der Jazz von der Upper Class erst emporgehoben und vergoldet. Man wollte sich subversiver geben als man war. Also ähnlich wie die HipHop- und Rap Hörer heute auch. Das sind dann nicht selten Villenvorortsöhnchen die auf Gangta machen wollen ;-)

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Insbesondere...."
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    ... dann graut mir vor der Zukunft in 50 Jahren, wenn Hip-Hop als Musik für Intellektuelle gelten wird.

  4. ... dann graut mir vor der Zukunft in 50 Jahren, wenn Hip-Hop als Musik für Intellektuelle gelten wird.

    Eine Leserempfehlung
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    • deDude
    • 15. Mai 2013 17:02 Uhr

    ... keinen intelligenten Hip-Hop gibt. In die Charts schaffens aber halt meist die Sidos, Bushidos oder eben ihre us-amerikanischen Pendants.

    • nitric
    • 16. Mai 2013 0:53 Uhr

    Reiche unbedingt intellektuell sind...
    Gewiss sind viele nicht dumm, oder zumindest schlau genug es zu einem gewissen Reichtum gebracht zu haben. Aber auch hier gibt es sicherlich eine Abstufung.

    • deDude
    • 15. Mai 2013 17:02 Uhr

    ... keinen intelligenten Hip-Hop gibt. In die Charts schaffens aber halt meist die Sidos, Bushidos oder eben ihre us-amerikanischen Pendants.

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    Für ein paar Beispiele wäre ich (ehrlich!) dankbar. Ich glaube es aber erst, wenn ich es höre.

    Sicher, es gibt Abstufungen von sehr doof und etwas weniger doof, aber einen wirklichen intelligenten Text habe ich bei Hiphop noch nie gehört. Auch der Sound ist meist nicht besonders innovativ.

  5. Für ein paar Beispiele wäre ich (ehrlich!) dankbar. Ich glaube es aber erst, wenn ich es höre.

    Sicher, es gibt Abstufungen von sehr doof und etwas weniger doof, aber einen wirklichen intelligenten Text habe ich bei Hiphop noch nie gehört. Auch der Sound ist meist nicht besonders innovativ.

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    • deDude
    • 15. Mai 2013 17:48 Uhr

    ..."Herr von Grau" ein. Die Tracks "Klebeband", "Risiko" und "Schnapp Sie dir" sind mMn schon Goldstücke. Ich lege z.B. viel Wert darauf das die Tracks mehr enthalten als "Fu** Bit****" und "I get money".

    "Risiko"
    http://www.youtube.com/wa...

    "Klebeband"
    http://www.youtube.com/wa...

    "Schnapp Sie dir"
    http://www.youtube.com/wa...

    Eins Zwo haben gute Texte:

    - Apropos Hiphox ( http://www.youtube.com/wa... )
    - Flaschenpost ( http://www.youtube.com/wa... )

    Was halten sie davon?

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  • Schlagworte Leonardo DiCaprio | Glück | Hip-Hop | Jazz | Robert Redford | Cannes
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