Die Villa Tugendhat entstand nach Plänen von Ludwig Mies van der Rohe im tschechischen Brno. © David Židlický, strandfilm, Pandora Film Verleih

Pathos schwingt mit, als Fritz Tugendhat das neu erbaute Domizil seiner Familie im tschechischen Brno beschreibt. Der Textilfabrikant findet 1931 in einem Artikel Worte für das, was ihn beim Anblick der Stadtvilla umtreibt: "Das ist Schönheit, das ist Wahrheit."

Heute gilt die Villa Tugendhat mit ihrem Flachdach und der schlichten weißen Fassade als Ikone des Neuen Bauens. Sie zählt zu den wichtigsten Werken des Bauhaus-Lehrers Ludwig Mies van der Rohe. Zeitgleich zur Villa Tugendhat entwarf er seinen Barcelona-Pavillon, der Deutschland auf der Weltausstellung 1929 repräsentierte. Die Parallelen zwischen beiden Bauten sind deutlich: das flache Dach, filigrane Metallstützen, edle Materialien und Möbel, offene, ineinander fließende Räume. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war das Wohnhaus zweckentfremdet und der Öffentlichkeit unzugänglich, es verfiel und geriet in den Mittelpunkt eines Rechtsstreits.

Vom Umgang mit einem Kulturgut und Unesco-Welterbe erzählt Dieter Reifarths Dokumentarfilm Haus Tugendhat. Ebenso wichtig ist ihm die wechselvolle Geschichte der ersten Bewohner, der jüdischen Familie Tugendhat, die 1938 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten ihr Haus verließ und bis heute für dessen Erhaltung kämpft.

In Brno ragt die Villa als architektonischer Solitär aus ihrer Umgebung heraus, sitzt als baulicher Fremdkörper zwischen Einfamilienhäusern mit Satteldächern. Fritz und Grete Tugendhat hatten als Hochzeitsgeschenk ein Gartengrundstück in der tschechischen Stadt bekommen und beauftragten Mies van der Rohe mit dem Bau ihres neuen Heims.

Die Kamera gleitet vorbei an kostbaren Materialien

Dieter Reifarth widmet die ersten sieben Minuten seiner Dokumentation der auratischen Kraft der Villa. Die Kamera durchwandert das menschenleere Gebäude, gleitet vorbei an den kostbaren Materialien, langsam und in langen Einstellungen. Unterlegt sind die Bilder mit Zitaten aus dem Off, von Positionen einer Debatte, die sich 1931 in der Zeitschrift Die Form entspinnt. Dazu ein grobmaschiger Klangteppich, ein Bett aus dezenten Klavierakkorden und wehklagender Geige. Die melancholische Musik, der ehrfürchtige Blick auf den verlassenen Bau, all das beschwört eine mystische Stimmung herauf.

Es ist ein Faszinosum, dass die kühle, an Ornamenten arme Architektur der klassischen Moderne die größtmögliche Überhöhung erfährt. Dass sie mitunter gar spirituell aufgeladen wird, wie das auch durch die Bilder des Dokumentarfilms geschieht. Dass von Kritikern das Vokabular der Musik gesucht wird, um die Raumeindrücke zu beschreiben, dass sie von Atonalität und Polytonalität sprechen, von scheinbar regellosen Rhythmen und Harmonien. So glatt und weiß die Außenfassade, so einladend ist offenbar die interpretatorische Projektionsfläche der Villa.

Als die Arbeiten am Wohnhaus der Familie Tugendhat 1930 beendet waren, stieß der radikal moderne Bau auf die Ablehnung vieler Kritiker. Ein französischer Architekt nannte die versenkbaren Glaswände einen "unmoralischen Luxus", er sprach vom "Diebstahl am Besitz der Gesamtheit", sofern ein solches Wohnen nicht für jedermann möglich sei.