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ZEIT ONLINE: Frau Gebbe, Ihr Film Tore tanzt beruht auf einer wahren Begebenheit: Ein junger, gläubiger Mann wird von einer Familie aufgenommen, die ihn versklavt und zu Tode quält. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Katrin Gebbe: Im Internet. Die Geschichte hat mich so berührt, dass ich weinen musste. Ich fragte mich, warum sie mir so weh tut. Es war vor allem die Trauer darüber, wie einem zarten Wesen solches Grauen angetan wird und sich gleichzeitig niemand tiefgründig mit der Sache beschäftigt. Täter und Opfer wurden pauschalisiert, Unschuld und Schuld schienen klar verteilt. Das war mir zu eindimensional. Möglicherweise liegt es an der Übermacht der Bild-Zeitung, dass die Täter in deutschen Medien sofort als Monster betitelt wurden. Ich wollte die Geschichte dieser Menschen anders erzählen und spürte in der wahren Begebenheit etwas Besonderes entdecken zu können: etwas Schreckliches und etwas Schönes zugleich.

ZEIT ONLINE: Man könnte meinen, es gibt schon ausreichend Tote im Film und Fernsehen. 

Gebbe: Jeden Abend passieren wahrscheinlich zehn Mordfälle im deutschen Fernsehen. Immer hat am Ende alles wieder seine Ordnung. Es ist meist klar, wer Täter, wer Opfer ist, und anhand von Küchenpsychologie wird geschildert, warum der Täter zum Täter wurde.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht ein menschliches Bedürfnis, die Ordnung wiederhergestellt zu sehen?

Gebbe: Für uns kam das nicht infrage. Wenn man als Filmemacher auch als Künstler oder Denker unterwegs sein will, dann sollte man einen Stachel zurücklassen, nicht die heile Welt wiederherstellen, sondern Fragen aufwerfen.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das reale Ereignis in Tore tanzt verändert?

Gebbe: Was dem Film Größe verleiht, ist seine religiöse Thematik. Der strahlende Protagonist Tore bildet ein starkes Gegengewicht zur Gewalt. Das war harte Drehbucharbeit. Ich habe erst später erfahren, dass der Junge tatsächlich religiös war. Aber ich hatte von Anfang an eine ganz und gar poetische Figur in ihm gesehen.

ZEIT ONLINE: Was interessiert Sie an Religion?

Gebbe: Ich bin keine praktizierende Christin, glaube nicht an den Gott der katholischen Kirche. Ich bin getauft worden, und später mit gutem Gewissen ausgetreten. 

ZEIT ONLINE: Dennoch heißen die drei Kapitel Ihres Films nach den christlichen Grundtugenden Glaube, Liebe, Hoffnung.

Gebbe: Ich kann mit Kirche nichts anfangen. Aber alles, was Jesus laut Überlieferung gesagt haben soll, alles, was Ghandi gesagt hat, finde ich super. Damit kann ich etwas anfangen.

ZEIT ONLINE: Womit genau können Sie etwas anfangen?

Gebbe: Dass man an etwas glaubt und Idealismus hat. Ich finde es interessant, wenn ein Mensch Stärke besitzt und gegen alle Widerstände für alles kämpft, woran er glaubt.