Regisseurin Katrin Gebbe"Als Filmemacher sollte man einen Stachel hinterlassen"

Katrin Gebbe war die einzige deutsche Regisseurin, die nach Cannes eingeladen wurde. Ihr Film "Tore tanzt" ist hart und ungewöhnlich. Ihn zu machen, war es auch. von 

© ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Gebbe, Ihr Film Tore tanzt beruht auf einer wahren Begebenheit: Ein junger, gläubiger Mann wird von einer Familie aufgenommen, die ihn versklavt und zu Tode quält. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Katrin Gebbe: Im Internet. Die Geschichte hat mich so berührt, dass ich weinen musste. Ich fragte mich, warum sie mir so weh tut. Es war vor allem die Trauer darüber, wie einem zarten Wesen solches Grauen angetan wird und sich gleichzeitig niemand tiefgründig mit der Sache beschäftigt. Täter und Opfer wurden pauschalisiert, Unschuld und Schuld schienen klar verteilt. Das war mir zu eindimensional. Möglicherweise liegt es an der Übermacht der Bild-Zeitung, dass die Täter in deutschen Medien sofort als Monster betitelt wurden. Ich wollte die Geschichte dieser Menschen anders erzählen und spürte in der wahren Begebenheit etwas Besonderes entdecken zu können: etwas Schreckliches und etwas Schönes zugleich.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Man könnte meinen, es gibt schon ausreichend Tote im Film und Fernsehen. 

Katrin Gebbe
Katrin Gebbe

geboren 1983, studierte freie Kunst und visuelle Kommunikation an der Academy of Visual Arts in Enschede sowie Regie an der Hamburg Media School. Ihr Kurzfilm Şoreş & Şîrîn wurde auf dem Chicago International Children's Film Festival mit dem Kurzfilmpreis der Erwachsenenjury ausgezeichnet, 2009 erhielt sie den European Young CIVIS Media Prize. Sie ist die einzige deutsche Regisseurin, die zu den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes eingeladen wurde.

Gebbe: Jeden Abend passieren wahrscheinlich zehn Mordfälle im deutschen Fernsehen. Immer hat am Ende alles wieder seine Ordnung. Es ist meist klar, wer Täter, wer Opfer ist, und anhand von Küchenpsychologie wird geschildert, warum der Täter zum Täter wurde.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht ein menschliches Bedürfnis, die Ordnung wiederhergestellt zu sehen?

Gebbe: Für uns kam das nicht infrage. Wenn man als Filmemacher auch als Künstler oder Denker unterwegs sein will, dann sollte man einen Stachel zurücklassen, nicht die heile Welt wiederherstellen, sondern Fragen aufwerfen.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das reale Ereignis in Tore tanzt verändert?

Gebbe: Was dem Film Größe verleiht, ist seine religiöse Thematik. Der strahlende Protagonist Tore bildet ein starkes Gegengewicht zur Gewalt. Das war harte Drehbucharbeit. Ich habe erst später erfahren, dass der Junge tatsächlich religiös war. Aber ich hatte von Anfang an eine ganz und gar poetische Figur in ihm gesehen.

ZEIT ONLINE: Was interessiert Sie an Religion?

Gebbe: Ich bin keine praktizierende Christin, glaube nicht an den Gott der katholischen Kirche. Ich bin getauft worden, und später mit gutem Gewissen ausgetreten. 

ZEIT ONLINE: Dennoch heißen die drei Kapitel Ihres Films nach den christlichen Grundtugenden Glaube, Liebe, Hoffnung.

Gebbe: Ich kann mit Kirche nichts anfangen. Aber alles, was Jesus laut Überlieferung gesagt haben soll, alles, was Ghandi gesagt hat, finde ich super. Damit kann ich etwas anfangen.

ZEIT ONLINE: Womit genau können Sie etwas anfangen?

Gebbe: Dass man an etwas glaubt und Idealismus hat. Ich finde es interessant, wenn ein Mensch Stärke besitzt und gegen alle Widerstände für alles kämpft, woran er glaubt.

Leserkommentare
  1. Frau Gebbe ist bestimmt eine ernsthafte und talentierte Regisseurin. Ich habe eine Zusammenfassung von dem Film gesehen und mein starker Eindruck ist, dass er ausgesprochen düster ist. Wer gern depressiv aus dem Kino herauskommt, sollte sich den Film unbedingt anschauen. Ich werde es sicherlich nicht tun. Warum muss "gutes Kino" für Frau Gebbe bedeuten, dass "der Stachel schmerzt" und die Leute traurig und hoffnungslos zurücklässt. Im Sinne ihres Erfolges sollte Frau Gebbe die Wahl ihres Stoffes künftig überdenken. Sonst wird sie vollkommen von der Filmförderung abhängig.

    Eine Leserempfehlung
  2. Ich habe den Film gesehen. Er ist in erster Linie intensiv. Stark. - Sie sollten ihn sehen. Weil man beim Zuschauen eben auch lernt, dass es Dinge gibt, die es wirklich gibt. Hier und jetzt. Und ja, ich gebe es zu: ich brauchte danach eine Weile, um wieder zu mir zu kommen. Nur: wenn ich im Kino einfach was konsumieren will, kauf ich mir Popcorn. Gehen Sie doch hin! Geben Sie dem Film - und Ihnen selbst - eine Chance.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich will Kino keineswegs popcornmäßig konsumieren und ich vertrage durchaus ernsthafte Stoffe. Nur will ich nicht - wie Sie - angeschlagen aus dem Kino kommen. Deswegen gehe ich auch nicht in solche Filme wie "Der Untergang" und meide, wenn es denn geht, die Kunst von Anselm Kiefer etc. Seichte Stoffe gehen mir auch auf die Nerven aber ich suche auch im Kino etwas, was die Intellektuellen in Deutschland seit Kästner ein für allemal verdammt haben: das Positive. Ich habe den Eindruck, dass gute deutsche (Film-) Kunst für die meisten, frei nach Richard Wagner, vor allem folgendes bedeutet: "Deutsch sein heißt, eine Depression um ihrer selbst willen erleiden."

    Trotzdem danke für Ihren Hinweis.

    • raflix
    • 25. Mai 2013 22:46 Uhr

    Wo wird der Film überall laufen? Will ihn mir unbedingt ansehen.

    • tb
    • 25. Mai 2013 23:28 Uhr

    Frau Gebbe beklagt, dass das Filmen nur noch eine Industrie sei.

    Dabei besteht für den deutschen Kunstfilm weder die Notwendigkeit marktkonform noch gewinnorientiert zu sein.

    Es ist doch ausreichend, die hierarchisch organisierte Redaktion eines öffentlich rechtlichen Senders dazu zu bewegen, 470000 Euro für 30 Drehtage zu bewilligen.

    Das Ergebnis wird dann im Nachtprogramm des ZDF versenkt.

    Man kann das Frau Gebbe nicht anlasten.
    Aber auf diese Weise werden keine Soderberghs, Coens oder Tarantinos entdeckt.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ich will Kino keineswegs popcornmäßig konsumieren und ich vertrage durchaus ernsthafte Stoffe. Nur will ich nicht - wie Sie - angeschlagen aus dem Kino kommen. Deswegen gehe ich auch nicht in solche Filme wie "Der Untergang" und meide, wenn es denn geht, die Kunst von Anselm Kiefer etc. Seichte Stoffe gehen mir auch auf die Nerven aber ich suche auch im Kino etwas, was die Intellektuellen in Deutschland seit Kästner ein für allemal verdammt haben: das Positive. Ich habe den Eindruck, dass gute deutsche (Film-) Kunst für die meisten, frei nach Richard Wagner, vor allem folgendes bedeutet: "Deutsch sein heißt, eine Depression um ihrer selbst willen erleiden."

    Trotzdem danke für Ihren Hinweis.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "intensiv"
  4. Eine un-gewöhnliche Regisseurin, das konnte man auch schon in anderen Interviews von ihr erkennen. Und ich hoffe, ebenso originär ist auch ihr Film, welchen ich noch nicht kenne.
    Wenn der normale Zuschauer wüsste, mit welcher Selbstherrlichkeit Verantwortliche in der Film- und Fernsehszene, (mindestens 98 Prozent der Produzenten, Redakteure, Jurys usw.), ihre Entscheidungen für oder gegen Projekte treffen, der Zuschauer, er wäre mindestens bestürzt. Ein vergleichbarer „Machtmissbrauch“, er ist gegenwärtig eigentlich - und dies auch erst seit historisch kurzer Zeit - nur aus der Finanzwelt bekannt. Aber: Über die Sphäre des Filmes gibt es diese heilsame Erkenntnis eben noch nicht, da es an der dazu nötigen „gesellschaftlichen Not“ fehlt sie zu erlangen.
    Es ist also erstaunlich, dass es Menschen wie Katrin Gebbe gibt, solcher Art Regisseurinnen: Sie brauchen eine immense seelische Kraft. Für etwas, welches eigentlich persönlicher „Alltag“ sein sollte und Basis: Eine klare (eigene) Haltung. Heute leider so selten.

  5. Gutes Interview! Ihr Mut weiterzugehen trotz der bekannten Hindernisse, das unbedingte Festhalten an ihrer Vision. Absolute commitment. Film ist eine strikt gewinnorientierte Industrie, Hollywood diktiert die Regeln weltweit und Film hat den Stellenwert von Religion: Opium für das Volk. Mit den gewünschten Effekten, Ruhigstellen und viel Geld "erwirtschaften".Thank the Lord, dass so viele Filmschaffenden dennoch Kunst machen können, wenn auch oft versteckt.Talente werden nur gefördert, wenn sich nachweislich damit sehr gutes Geld verdienen lässt. Die Regisseurin dreht einen Film ohne die Illusion einer von vielen sogenannten Realitäten, die wir seit vier Generationen als unser Credo/Paternoster sehen: life as it should be (lived), sondern life as it is.

  6. "Warum ist Filmen nur noch eine Industrie? Warum ist das nicht mehr Kunst?"

    Ganz einfach: weil ein Film kollossal viel Geld kostet. Und weil es in unserer Gesellschaft komischerweise illegal ist, die Menschen mit der Pistole zu bedrohen: "Geld her, ich mache Kunst" (außer man ist der öffentliche Rundfunk), obwohl das viele Künstler vermutlich gern machen würden.

    Ich bin immer wieder erstaunt, dass deutsche Künstler (bei US-Künstlern habe ich weniger diesen Eindruck) so wenig Respekt vor der Arbeit anderer Menschen haben (denn das ist Geld: ein materieller Ausdruck für die Arbeit anderer), dass sie eine Einstellung kultivieren, als hätten sie automatisch ein Recht darauf, sich diese Arbeit anderer anzueignen, nur weil sie Künstler sind.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Katholische Kirche | Cannes
Service