Doku "Gangsterläufer"Der kleine Boss von der Sonnenallee

Jahre lang hat Christian Stahl den Intensivtäter Yehya mit der Kamera begleitet. Sein Film, der heute auf arte läuft, zeigt Neuköllner Alltag und ein Familiendrama. von Thomas Gehringer

Yehya ist der "Boss von der Sonnenallee". Sagt er jedenfalls über sich selbst. Der Sohn einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie aus dem Libanon ist ein kleiner, flinker, muskulöser Kerl mit einem gewinnenden Lächeln – und einer dicken Akte. Sein Rechtsanwalt habe ihm erzählt, er sei schon 54-mal "auffällig" gewesen, ehe er überhaupt strafmündig war, berichtet Yehya nicht ohne Stolz. Ein "Intensivtäter" aus Berlin-Neukölln, der schließlich als 17-Jähriger wegen eines Raubüberfalls zu drei Jahren Haft verurteilt wird.

Über mehrere Jahre begleitete Filmemacher Christian Stahl Yehya und dessen Familie mit der Kamera. Seine Doku Gangsterläufer beginnt wie ein ästhetischer Overkill: Die Kamera, ständig in Bewegung, folgt einer Gruppe Männer, die sich gegenseitig durch die Straßen jagen, über Autos springen, über Zäune und Mauern klettern. Die Action mag faszinierend wirken, allerdings hat dieses Freizeitvergnügen eine brutale Pointe: Wer gefangen wird, wird 30 Sekunden lang mit "Todesschlägen" traktiert, dann wechselt er auf die Seite der Jäger. Stahl zeigt kurz und aus sicherer Entfernung auch dieses Detail.

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Faszinierend auch Yehya, der über sich selbst und seine Situation erstaunlich offen spricht, der nachdenklich, charmant und humorvoll sein kann. Wäre da nicht seine gewalttätige Seite. Stahl befragt vor dem Gerichtssaal eines seiner Opfer, das in der eigenen Wohnung überfallen wurde und nun von anhaltender Angst berichtet – wichtig, diese Perspektive zu zeigen.

Der Intensivtäter kam aus der Rolle des "Boss von der Sonnenallee" nicht heraus.

Yehya lässt immer mal wieder Einsicht erkennen, er sorgt sich um seine Geschwister, die ebenfalls in eine kriminelle Karriere abzurutschen drohen – und kann doch aus seiner Rolle als "Boss von der Sonnenallee" nicht heraus. Als ihn sein Onkel bei einem Besuch in der Jugendstrafanstalt zur Rede stellt ("Warum willst du uns kaputtmachen?"), rechtfertigt er seine Taten damit, dass er seinen Namen auf der Straße wiederherstellen musste.

Autor Christian Stahl hat Yehya als netten Nachbarsjungen kennengelernt. Mit Bildern aus dem Alltag erzählt er vom Familienleben und der weiteren Entwicklung von Yehyas Geschwistern. In Beirut war die Familie wohlhabend, doch als Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland durfte Vater Rached seit 1990 keine Arbeit annehmen. "Ich weiß nicht, warum die Kinder so sind, hier in Deutschland", erklärt er ratlos.

Stahl hält sich weitgehend zurück, gibt keine Lösungen vor und verzichtet auch auf Expertenkommentare (sogar auf die von Heinz Buschkowsky). So ist "Gangsterläufer" als eindringliches Familienporträt ein wichtiger Film zur Integrationsdebatte, nicht nur in Neukölln. Und wird leider mal wieder spätabends bei Arte versendet.

"Gangsterläufer" wird am 19. Juni um 23.45 Uhr auf arte gezeigt.

Der Text ist im Tagesspiegel erschienen

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Leserkommentare
    • mieeg
    • 19. Juni 2013 19:43 Uhr

    wird man Filmstar, kann man Bücher schreiben (lassen), kommt man in die Talkshows usw. usw. usw.

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    Entfernt. Bitte verfassen Sie differenzierte Beiträge. Danke, die Redaktion/jp

    • vyras
    • 19. Juni 2013 19:44 Uhr

    Diesen verständnisvollen Tenor einem Menschen gegenüber, der offensichtlich anderen Menschen aus nichtigen Gründen vielfach Leid und Gewalt zugefügt hat, finde ich unangemessen.

    Ich neige nicht dazu, Menschen zu verteufeln, mir ist klar, dass auch "Intensivtäter" sympathische Seiten haben können, aber ich bin nicht der Ansicht, dass es in dieser Debatte darum geht, Verständnis dafür aufzubringen, dass die Umstände solchen Leute "keine Wahl" lassen.

    Sondern es geht darum, Lösungen zu finden, die möglichst sicherstellen, dass andere Menschen nicht leiden müssen unter solchen Tätern.

    Und aus etlichen Diskussionen zu diesem Thema bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es nicht Erlebnispädagogik ist, was diese "Jungs" brauchen, sondern eine klare Ansage, eine Grenze.

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    "Und aus etlichen Diskussionen zu diesem Thema bin ich zu dem Schluß gekommen, dass es nicht Erlebnispädagogik ist, was diese "Jungs" brauchen, sondern eine klare Ansage, eine Grenze."

    Nein, das sind ja ganz neue Erkenntnisse. Diese Linie wurde ja nur die letzten zweihundert Jahre gefahren und hatte fast gar keinen Erfolg. Wie sicher Londons Straßen doch zur Zeit von Jack the Ripper waren, als die Polizei noch kurzen Prozess gemacht hat und Strafe ausschließlich auf Abschreckung und Vergeltung gesetzt hat.

    Mal im Ernst: Sie finden es schlecht, wenn ein Film Verständnis hervorrufen will? Das kommt von Verstehen, sie wissen schon? Wie kann man dagegen sein, wenn ein Film etwas verständlich machen will. Das bedeutet ja nicht, dass sie seine Aktionen für gut heißen sollen.

    Beispielsweise könnte man aus dem Film den Schluss ziehen, dass es sinnvoller wäre, das viel Geld in Sozialarbeiter und Förderung in diesen Gebieten auszugeben, anstelle neue Gefängnisse zu bauen. Verbrechensprävention ist immer besser, als Vergeltung.

    Damit ich nochmal mit Ironie schließe: Aber sie haben natürlich recht. In den USA, wo hart durchgegriffen wird und den Menschen klare Grenzen gesetzt werden, da ist die Kriminalität auf dem niedrigsten Stand weltweit ..... oder im Yemen beispielsweise .. da kann es ihnen passierne, dass ihnen ganz klar verständlich die Hand abgehackt wird.

  1. Ein Intensivtäter wird nur dann ein Intensivtäter, wenn man ihn unbehelligt seine Straftaten begehen lässt.
    Spätestens nach der 3. Gewalttat sollte der Täter aus dem Verkehr gezogen werden, sprich in Haft genommen werden. Er wird möglicherweise im Gefängnis auch kein besserer Mensch, in der Freiheit draußen aber auch nicht. Allerdings kann er im Gefägnis niemand mehr schädigen.
    Ein anderer wichtiger Aspekt: Wenn der Haupttäter ("Chef") längere Zeit im Gefägnis ist schreckt das Mitläufer ab.

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  2. ... in Deutschland? Und welches Gesetz schreibt vor, dass sein Vater seit 23 Jahren nicht arbeiten darf? Hat jemand aus dieser Familie jemals gearbeitet?

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    Er ist warscheinlich ein Parasit, der den deutschen Staat aussagen will, weil er von der eigenen Überlegenheit überzeugt ist und die Gutmütigkeit der Deutschen als Schwäche empfindet. Seine Kinder wird er in dieser Gedankenwelt großziehen, um maximal dem arischen Volk zu schaden. Das liegt in deren Natur.

    So Ironie aus.

    Das Aylrecht verbietet es Asylanten zu arbeiten. Wenn er als politischer Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, dann wird das warscheinlich der Grund sein. Hätten sie diesen Artikel gelesen, um zumindest eine minimal Rechtfertigung zu haben, warum sie hier ihre ausländerfeindlichen Anspielungen ablassen müssen, dann hätten sie gesehen, dass

    "Was wollen die hier?" im Artikel dadurch beantwortet wurde, dass es eben Flüchtlinge sind und
    "Hat irgendwer aus dieser Familie je gearbeitet?" damit beantwortet wird, dass sie in ihrer Heimat wohl recht wohlhabend war, also ja.

  3. wie heißt in "the wire"? "All in the game, yo..." Es gab mal eine Doku auf Arte über ein Ghetto in L.A. Keiner möchte sein Leben dort, im Gegenteil, natürlich. Nur Hass. Aber raus kommt da kaum einer. Vielleicht, weil man mit allem brechen muss, einen komplett neuen Weg gehen muss. Allein. Vermeintlich. Ich weiss es nicht...bin froh, dass nie erfahren zu müssen...

  4. "Ich weiß nicht, warum die Kinder so sind, hier in Deutschland", erklärt er ratlos.

    Ich versuchs mal: meiner Meinung nach ist es ein Minderwertigkeitskomplex, der dadurch entsteht, daß man in einem Land aufwächst, zu dem man nicht zu gehören scheint. Und dieser muß dann irgendwie kompensiert werden, in dem man sich abgrenzt, indem man eigene Regeln aufstellt, eigene ethische Systeme, woraus man letztlich dann doch das notwendige Selbstbewusstsein oder Überlegenheitsgefühl ziehen kann.
    Doch, um die ewige Frage zu beantworten, ob das an der deutschen Gesellschaft liegt, oder an den Migranten: das weiß ich auch nicht, ich denke, sowohl als auch.

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  5. "ist ein kleiner, flinker, muskulöser Kerl mit einem gewinnenden Lächeln"

    - bezieht sich dieser Satz auf das direkt darueber abgebildete Foto? Ich wuerde das jetzt nicht als "gewinnendes Laecheln" bezeichnen aber gut, die meisten anderen Frauen sehen das wahrscheinlich anders.

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  • Schlagworte Neukölln | Film | ARTE | Libanon | Heinz Buschkowsky
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