Doku "Gangsterläufer" : Der kleine Boss von der Sonnenallee

Jahre lang hat Christian Stahl den Intensivtäter Yehya mit der Kamera begleitet. Sein Film, der heute auf arte läuft, zeigt Neuköllner Alltag und ein Familiendrama.

Yehya ist der "Boss von der Sonnenallee". Sagt er jedenfalls über sich selbst. Der Sohn einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie aus dem Libanon ist ein kleiner, flinker, muskulöser Kerl mit einem gewinnenden Lächeln – und einer dicken Akte. Sein Rechtsanwalt habe ihm erzählt, er sei schon 54-mal "auffällig" gewesen, ehe er überhaupt strafmündig war, berichtet Yehya nicht ohne Stolz. Ein "Intensivtäter" aus Berlin-Neukölln, der schließlich als 17-Jähriger wegen eines Raubüberfalls zu drei Jahren Haft verurteilt wird.

Über mehrere Jahre begleitete Filmemacher Christian Stahl Yehya und dessen Familie mit der Kamera. Seine Doku Gangsterläufer beginnt wie ein ästhetischer Overkill: Die Kamera, ständig in Bewegung, folgt einer Gruppe Männer, die sich gegenseitig durch die Straßen jagen, über Autos springen, über Zäune und Mauern klettern. Die Action mag faszinierend wirken, allerdings hat dieses Freizeitvergnügen eine brutale Pointe: Wer gefangen wird, wird 30 Sekunden lang mit "Todesschlägen" traktiert, dann wechselt er auf die Seite der Jäger. Stahl zeigt kurz und aus sicherer Entfernung auch dieses Detail.

Faszinierend auch Yehya, der über sich selbst und seine Situation erstaunlich offen spricht, der nachdenklich, charmant und humorvoll sein kann. Wäre da nicht seine gewalttätige Seite. Stahl befragt vor dem Gerichtssaal eines seiner Opfer, das in der eigenen Wohnung überfallen wurde und nun von anhaltender Angst berichtet – wichtig, diese Perspektive zu zeigen.

Der Intensivtäter kam aus der Rolle des "Boss von der Sonnenallee" nicht heraus.

Yehya lässt immer mal wieder Einsicht erkennen, er sorgt sich um seine Geschwister, die ebenfalls in eine kriminelle Karriere abzurutschen drohen – und kann doch aus seiner Rolle als "Boss von der Sonnenallee" nicht heraus. Als ihn sein Onkel bei einem Besuch in der Jugendstrafanstalt zur Rede stellt ("Warum willst du uns kaputtmachen?"), rechtfertigt er seine Taten damit, dass er seinen Namen auf der Straße wiederherstellen musste.

Autor Christian Stahl hat Yehya als netten Nachbarsjungen kennengelernt. Mit Bildern aus dem Alltag erzählt er vom Familienleben und der weiteren Entwicklung von Yehyas Geschwistern. In Beirut war die Familie wohlhabend, doch als Bürgerkriegsflüchtlinge in Deutschland durfte Vater Rached seit 1990 keine Arbeit annehmen. "Ich weiß nicht, warum die Kinder so sind, hier in Deutschland", erklärt er ratlos.

Stahl hält sich weitgehend zurück, gibt keine Lösungen vor und verzichtet auch auf Expertenkommentare (sogar auf die von Heinz Buschkowsky). So ist "Gangsterläufer" als eindringliches Familienporträt ein wichtiger Film zur Integrationsdebatte, nicht nur in Neukölln. Und wird leider mal wieder spätabends bei Arte versendet.

"Gangsterläufer" wird am 19. Juni um 23.45 Uhr auf arte gezeigt.

Der Text ist im Tagesspiegel erschienen

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Genau

Er ist warscheinlich ein Parasit, der den deutschen Staat aussagen will, weil er von der eigenen Überlegenheit überzeugt ist und die Gutmütigkeit der Deutschen als Schwäche empfindet. Seine Kinder wird er in dieser Gedankenwelt großziehen, um maximal dem arischen Volk zu schaden. Das liegt in deren Natur.

So Ironie aus.

Das Aylrecht verbietet es Asylanten zu arbeiten. Wenn er als politischer Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, dann wird das warscheinlich der Grund sein. Hätten sie diesen Artikel gelesen, um zumindest eine minimal Rechtfertigung zu haben, warum sie hier ihre ausländerfeindlichen Anspielungen ablassen müssen, dann hätten sie gesehen, dass

"Was wollen die hier?" im Artikel dadurch beantwortet wurde, dass es eben Flüchtlinge sind und
"Hat irgendwer aus dieser Familie je gearbeitet?" damit beantwortet wird, dass sie in ihrer Heimat wohl recht wohlhabend war, also ja.