Prostitution : Einigkeit und Recht und Freier

Als Folge des Prostitutionsgesetzes von 2001 führen sich Puffbetreiber wie Sparkassendirektoren auf. Die ARD-Dokumentation "Sex – Made in Germany" schildert das Gewerbe.

Wenn Jürgen Rudloff sanft schwäbelnd vor der Kamera erzählt, breitet sich ein Gefühl von Gediegenheit aus. In der ARD-Dokumentation Sex – Made in Germany wirkt es, als wolle da einer beweisen, warum der deutsche Mittelständler so erfolgreich ist – solide Leistung, solides Angebot, solides "Sündigen", altdeutsch für "sich verwöhnen lassen".

Rudloff betreibt in Deutschland Großpuffs, einen ökonomisch attraktiven Importschlager. Wobei Betreiben heißt, er vermietet Arbeitsstätten für Prostituierte, kassiert gleichermaßen Eintritt von Freiern (der Ausdruck "Gast" ist ihm lieber) und von Huren (auch sie im Servicesprech "Gäste" genannt), sorgt für saubere Räumlichkeiten und hält sich im Übrigen aus dem erotischen Erfüllungsgeschäft heraus. Das ist Sache der Prostituierten.

Denn die gelten seit dem 2001 von Rot-Grün verabschiedeten Prostitutionsgesetz als Kleinunternehmerinnen. Klingt nach Freiheit und Fortschritt: Frauen können in einem anerkannten, nicht mehr moralisch geächteten Gewerbe arbeiten, in die Rentenversicherung einzahlen und sind wie alle anderen Bürger steuerpflichtig. Mit einem Gläschen Sekt feierten rot-grüne Politikerinnen damals ihre Gesetzestat.

Zwölf Jahre danach zeigen die mit dem Thema seit Jahren vertrauten Doku-Autorinnen Tina Soliman und Sonia Kennebeck nun, dass das älteste Gewerbe der Welt das kälteste geblieben ist. Die deutsche Reform, vom idealistischen Wunsch getragen, die Autonomie der Körperverkäuferinnen zu stärken, ist tragisch verlaufen, sie hat Freiern und Bordellbetreibern genützt, den Frauen nicht. Das Ganze erinnert an die Abschaffung der Leibeigenschaft, die befreite Bauern in die Arme der Industrie trieb.

Dankenswerterweise wiederholen Soliman und Kennebeck keine bekannten Schicksalsgeschichten von ausgebeuteten Rumäninnen, sondern beobachten mit unterkühltem Zorn, was an der deutschen Lustfront durch blinde Philanthropie eingetreten ist: eine durch keine Skrupel gehemmte Überführung von Erotik in die Geld- und Warenwelt. Eine grundspießige, fantasietötende Sittenrevolution, die den Trieb industrialisiert und eine der größten Abwehrleistung der abendländischen Geschichte zunichte machen will: dass Liebe so wenig wie der Glaube zu kaufen ist. Sie, die da auftreten, sind ja alle so schrecklich effiziensfixiert: Herr Rudloff gibt sich froh, dass ihn nicht mehr zu interessieren braucht, ob die mietenden Liebesverkäuferinnen von Zuhältern gemartert werden, ja nicht einmal, ob sie gesund sind, der einst im Bordell obligatorische "Bockschein" ist abgeschafft.

Vom Ruch der Förderung der Prostitution befreit, dürfen sich Puffiers wie Sparkassendirektoren präsentieren, auf dem Cannstätter Was’n zusammen mit ihren Mieterinnen Reklamekärtchen verteilen und von künftigen Börsengängen munkeln. Ein neuehrenhaftes Gewerbe, dessen Vertreter Rudloff, ein alleinerziehender Vater, seine Kinder in die Waldorf-Schule schickt und fassungslos auf die Frage reagiert, wie er es fände, wenn seine Töchter eine Prostituiertenkarriere einschlügen.

Städte und Gemeinden verdienen mit - über die Steuer

Der "Besucher" dankt solche Scheinseriosität und kommt. Prostitution nimmt zu. Die restriktive Haltung der europäischen Nachbarländer treibt Touristen in unser Land. Dänen, in deren Land einst verklemmte Deutsche Sexshops kennenlernten, leben sich heute in Paradiesen gleich hinter der deutschen Grenze aus. Asiatische Männer sagen sich, wozu nach Bangkok, wenn das Gute zum Beispiel in Berlin, einem Bordellschwergewicht, per Flatrate viel preiswerter und bis zur physischen Erschöpfungsgrenze zu haben ist.

Und auch elektronisch ist hierzulande die Sau los. Pornostars lassen sich auf einschlägigen Internetforen für den Beischlaf ersteigern. Clou: Entjungferungsangebote: 10.000 Euro auf die Hand einer 19-Jährigen, eine Hotelnacht mit Champagner und die angeblich so wunderbare Erfahrung mit einem finanzstarken Lüstling, der es besser kann als ein jugendlicher Stümper. Wozu gibt es eigentlich noch eine Oper wie Figaros Hochzeit mit ihren vormonitären Problemen?

Einigkeit und Recht und Freier – es sammelt sich aber im Land der Widerstand gegen den kommerziellen Ausverkauf der Gottesgabe Erotik. Denn den Prostituierten geht es nicht besser. Sie verdingen sich als Wanderarbeiter auf den Frischfleischrouten zwischen den Großbordellen. Wie fliegende Händler werden sie von geldgierigen Kommunen auf entwürdigende Weise besteuert. Manche singen in dieser Reportage trotzdem tapfer das Lied vom Spaß, den sie am Beruf haben, aber alle wissen, dass Prostitution keine dauerhafte Perspektive im Leben sein kann. Keine Instanz schützt die Kleinunternehmerinnen vor der seelischen und körperlichen Zerstörung durch sich selbst und durch die touristisch animierten Männer.

Soliman und Kennebeck fordern die Wiedereinführung der Gesundheitskontrolle, die Möglichkeit der Frauen, Peiniger über Beraterorganisationen bei der Polizei anzeigen zu können, ohne Angst vor Rache zu haben, und eine schärfere Überprüfung bei der Gewerbezulassung für Bordellbetreiber. Am letzten Punkt besonders arbeitet die Regierung. Made in Germany soll auch beim Sex wieder ein Wert werden.

Erschienen im Tagesspiegel

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