ProstitutionEinigkeit und Recht und Freier

Als Folge des Prostitutionsgesetzes von 2001 führen sich Puffbetreiber wie Sparkassendirektoren auf. Die ARD-Dokumentation "Sex – Made in Germany" schildert das Gewerbe. von Nikolaus von Festenberg

Wenn Jürgen Rudloff sanft schwäbelnd vor der Kamera erzählt, breitet sich ein Gefühl von Gediegenheit aus. In der ARD-Dokumentation Sex – Made in Germany wirkt es, als wolle da einer beweisen, warum der deutsche Mittelständler so erfolgreich ist – solide Leistung, solides Angebot, solides "Sündigen", altdeutsch für "sich verwöhnen lassen".

Rudloff betreibt in Deutschland Großpuffs, einen ökonomisch attraktiven Importschlager. Wobei Betreiben heißt, er vermietet Arbeitsstätten für Prostituierte, kassiert gleichermaßen Eintritt von Freiern (der Ausdruck "Gast" ist ihm lieber) und von Huren (auch sie im Servicesprech "Gäste" genannt), sorgt für saubere Räumlichkeiten und hält sich im Übrigen aus dem erotischen Erfüllungsgeschäft heraus. Das ist Sache der Prostituierten.

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Denn die gelten seit dem 2001 von Rot-Grün verabschiedeten Prostitutionsgesetz als Kleinunternehmerinnen. Klingt nach Freiheit und Fortschritt: Frauen können in einem anerkannten, nicht mehr moralisch geächteten Gewerbe arbeiten, in die Rentenversicherung einzahlen und sind wie alle anderen Bürger steuerpflichtig. Mit einem Gläschen Sekt feierten rot-grüne Politikerinnen damals ihre Gesetzestat.

Zwölf Jahre danach zeigen die mit dem Thema seit Jahren vertrauten Doku-Autorinnen Tina Soliman und Sonia Kennebeck nun, dass das älteste Gewerbe der Welt das kälteste geblieben ist. Die deutsche Reform, vom idealistischen Wunsch getragen, die Autonomie der Körperverkäuferinnen zu stärken, ist tragisch verlaufen, sie hat Freiern und Bordellbetreibern genützt, den Frauen nicht. Das Ganze erinnert an die Abschaffung der Leibeigenschaft, die befreite Bauern in die Arme der Industrie trieb.

Dankenswerterweise wiederholen Soliman und Kennebeck keine bekannten Schicksalsgeschichten von ausgebeuteten Rumäninnen, sondern beobachten mit unterkühltem Zorn, was an der deutschen Lustfront durch blinde Philanthropie eingetreten ist: eine durch keine Skrupel gehemmte Überführung von Erotik in die Geld- und Warenwelt. Eine grundspießige, fantasietötende Sittenrevolution, die den Trieb industrialisiert und eine der größten Abwehrleistung der abendländischen Geschichte zunichte machen will: dass Liebe so wenig wie der Glaube zu kaufen ist. Sie, die da auftreten, sind ja alle so schrecklich effiziensfixiert: Herr Rudloff gibt sich froh, dass ihn nicht mehr zu interessieren braucht, ob die mietenden Liebesverkäuferinnen von Zuhältern gemartert werden, ja nicht einmal, ob sie gesund sind, der einst im Bordell obligatorische "Bockschein" ist abgeschafft.

Vom Ruch der Förderung der Prostitution befreit, dürfen sich Puffiers wie Sparkassendirektoren präsentieren, auf dem Cannstätter Was’n zusammen mit ihren Mieterinnen Reklamekärtchen verteilen und von künftigen Börsengängen munkeln. Ein neuehrenhaftes Gewerbe, dessen Vertreter Rudloff, ein alleinerziehender Vater, seine Kinder in die Waldorf-Schule schickt und fassungslos auf die Frage reagiert, wie er es fände, wenn seine Töchter eine Prostituiertenkarriere einschlügen.

Städte und Gemeinden verdienen mit - über die Steuer

Der "Besucher" dankt solche Scheinseriosität und kommt. Prostitution nimmt zu. Die restriktive Haltung der europäischen Nachbarländer treibt Touristen in unser Land. Dänen, in deren Land einst verklemmte Deutsche Sexshops kennenlernten, leben sich heute in Paradiesen gleich hinter der deutschen Grenze aus. Asiatische Männer sagen sich, wozu nach Bangkok, wenn das Gute zum Beispiel in Berlin, einem Bordellschwergewicht, per Flatrate viel preiswerter und bis zur physischen Erschöpfungsgrenze zu haben ist.

Und auch elektronisch ist hierzulande die Sau los. Pornostars lassen sich auf einschlägigen Internetforen für den Beischlaf ersteigern. Clou: Entjungferungsangebote: 10.000 Euro auf die Hand einer 19-Jährigen, eine Hotelnacht mit Champagner und die angeblich so wunderbare Erfahrung mit einem finanzstarken Lüstling, der es besser kann als ein jugendlicher Stümper. Wozu gibt es eigentlich noch eine Oper wie Figaros Hochzeit mit ihren vormonitären Problemen?

Information

Die Story im Ersten: Sex – Made in Germany, ARD, 22 Uhr 45.

Einigkeit und Recht und Freier – es sammelt sich aber im Land der Widerstand gegen den kommerziellen Ausverkauf der Gottesgabe Erotik. Denn den Prostituierten geht es nicht besser. Sie verdingen sich als Wanderarbeiter auf den Frischfleischrouten zwischen den Großbordellen. Wie fliegende Händler werden sie von geldgierigen Kommunen auf entwürdigende Weise besteuert. Manche singen in dieser Reportage trotzdem tapfer das Lied vom Spaß, den sie am Beruf haben, aber alle wissen, dass Prostitution keine dauerhafte Perspektive im Leben sein kann. Keine Instanz schützt die Kleinunternehmerinnen vor der seelischen und körperlichen Zerstörung durch sich selbst und durch die touristisch animierten Männer.

Soliman und Kennebeck fordern die Wiedereinführung der Gesundheitskontrolle, die Möglichkeit der Frauen, Peiniger über Beraterorganisationen bei der Polizei anzeigen zu können, ohne Angst vor Rache zu haben, und eine schärfere Überprüfung bei der Gewerbezulassung für Bordellbetreiber. Am letzten Punkt besonders arbeitet die Regierung. Made in Germany soll auch beim Sex wieder ein Wert werden.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Atan
    • 10. Juni 2013 15:36 Uhr

    einerseits das schwedisch-norwegische Modelle der Illegalisierung, andererseits das deutsche Modell der Kommerzialisierung. Vermutlich haben beide Extreme spezifische Schattenseiten, und zwar in dem Sinne, dass sie sich quasi als "endgültige" Lösung sehen, bei welcher der Staat bzw. die Gesellschaft sich nicht mehr um die Opfer dieser wohl weitgehend menschenunwürdigen Existenz kümmern müssen.

    Vielleicht wäre ein mittlere Ansatz, bei der alle Anreize sowohl zur grenzüberschreitenden Kriminalisierung als auch zur Kommerzialisierung vermieden werden und die ganze Sache eben als unvermeidliche Übel behandelt wird, das es ist, die bessere europäische Lösung.

    4 Leserempfehlungen
  1. Ich freue mich ja für Sie, Herr von Festenberg, dass Sie nicht wieder mit den "bekannten Schicksalsgeschichten von ausgebeuteten Rumäninnen" behelligt wurden. Allerdings halte ich die Perspektive des Artikels für etwas fragwürdig. Es hätte sicher nicht geschadet, noch einmal explizit darzustellen, inwiefern sich die Stellung der Sexarbeiterinnen durch den Entwurf verschlechtert hat. In diesem Zusammenhang wäre auch ein Hinweis auf den zunehmenden Menschenhandel nicht fehl am Platze gewesen.
    Diese Probleme werden aber nur angedeutet, stattdessen liest man im Artikel von einer schockierenden "Kommerzialisierung der Liebe", die das älteste Gewerbe (!) der Welt ja wohl nicht erst seit der Gesetzesänderung kennzeichnet. Unterm Strich gibt es hier eher inhaltsarme Romantisierungen statt dringend nötige Hinweise auf die wirklichen Probleme der Prostitution in Deutschland.

    Aber vielleicht hat der Autor dieses fragwürdige Konzept ja nur aus der ARD-Dokumentation übernommen?

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    "Es hätte sicher nicht geschadet, noch einmal explizit darzustellen, inwiefern sich die Stellung der Sexarbeiterinnen durch den Entwurf verschlechtert hat"

    Schon mal dran gedacht, dass die Situation der Damen vor dem Rot-Grünen Gesetz gar nicht besser war? Ich kenne nur Berichte, dass die Prostitution zugenommen hat. Dass sich die Situation der Frauen verschlimmert hat, behauptet noch nicht mal die Polizei.

  2. Genau das habe ich mir auch gedacht. Leider füllen den Artikel zu 90% Klischees und es wird sich darüber beschwert, dass Verkaufsangebote ja gar nicht wirklich was mit Liebe zu tun hat und die Prostituierte, die ihre Dienstleistungen übers Internet vesteigert gar nicht "die angeblich so wunderbare Erfahrung mit einem finanzstarken Lüstling, der es besser kann als ein jugendlicher Stümper" ernst meinen, sondern es ihnen ums Geld und nicht um den Erfahrenen Mann geht ... welch Überraschung.

    Unbearbeitet blieb: "Soliman und Kennebeck fordern die Wiedereinführung der Gesundheitskontrolle" <-- war die vorher gesetzlich festgeschrieben, oder geht es hier um eine Einführung nicht nicht wiedereinführung.

    "Peiniger über Beraterorganisationen bei der Polizei anzeigen zu können" <-- wurden die Beratungsorganisationen verboten, oder was ist deren Schicksal? Darf man heute seine Peiniger nichtmehr anzeigen?

    "und eine schärfere Überprüfung bei der Gewerbezulassung für Bordellbetreiber" <-- wogegen verstoßen die Zuhälter denn ihrer Meinung nach? Angeblich wäre doch das Gesetz murks und daher würden auch schärfere Kontrollen nix bringen, wenn die gesetzliche Regelung mist ist. Da muss man das Gesetz verschärfen.

    "Made in Germany soll auch beim Sex wieder ein Wert werden." Ehm wie bitte? Wie wärs damit, wenn wir versuchen würden in Deutschland die Prostitution zu bekämpfen, anstelle nur zuzusehen, dass wir hier eine tolle Weltmarke schaffen.

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    die ist Deutschland schon, nämlich als der 'Puff Europas' bekannt http://www.youtube.com/watch?v=ztPnvq5m55E seit dem lieb gemeinten und lausig schlecht gemachten rot-grünen Gesetz zur Legalisierung der Prostitution, das eigentlich die Frauen und nicht die Zuhälter und die Freier stärken sollte.

    Zu 'Sex – Made in Germany' fand ich die Ankündigung in der SZ http://www.sueddeutsche.de/medien/ard-dokumentation-sex-made-in-germany-... weit lesenswerter.

    Bei dem Satz zog es mir auch die Schuhe aus.

    Ich hoffe inständig, der war ironisch gemeint.

    Es geht nicht um die Qualitätssicherung einer Dienstleistung, sondern darum, daß Prostitution menschenverachtend und entwürdigend ist.

  3. ...also das Angebot für die Männer hat sich jedenfalls in den letzten Jahren deutlich gesteigert. Sexuelle Dienstleistung auch ohne Kondom werden im Internet z.T. offen beworben (ging früher meines Wissens nur unter der Hand). Die Preise sind gefallen. Alles in Butter für den deutschen Mann. Deutsche Clubs sind auch schon im europäischen Ausland der Hit und ziehen sogar Touristen an. Manche munkeln schon vom "Puff Europas".

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    ...wenn sie von Deutschland sprechen...

    • Chali
    • 10. Juni 2013 16:08 Uhr

    "Deutschland, so die Botschaft des Films, sei das Bordell Europas geworden. Selbst aus Japan, den USA und dem sittenstrengen Arabien reisen Männer in Gruppen an, um sich zu vergnügen. "

    Wir sind schliesslich Export-Weltmeister, oder etwa nicht?

    Entfernt. Bitte tragen Sie zum Thema des Artikels bei. Die Redaktion/mak

  4. ...wenn sie von Deutschland sprechen...

    Antwort auf "Angebot..."
    • Chali
    • 10. Juni 2013 16:05 Uhr

    Ich titiere aus der Vorab-Rezension der SZ

    http://www.sueddeutsche.de/medien/ard-dokumentation-sex-made-in-germany-...

    >> Was die Männer so daherreden, wirkt wie eine schrille Parodie auf die Heilsversprechen des Neoliberalismus. Der "Pressesprecher" eines Bordells lamentiert über staatliche Reglementierung, obwohl die Reglementierungen doch fast zur Gänze entfallen sind. <<

    4 Leserempfehlungen
    • deDude
    • 10. Juni 2013 16:07 Uhr

    ... auch nicht wenn man sie darbietet als seien sie eine.

    Solange ich nicht weiß ob die betreffende Person wirklich aus vollkommen freiem Willen und nicht etwa aus finanziellen Zwängen oder wegen dem Druck Anderer "anschaffen geht", geht das in meinen Augen gar nicht. Da kann die Fassade noch so gut einstudiert sein, glauben Sie wirklich das, bis auf wenige Ausnahmen vielleicht, dort irgendjemand wirklich freiwillig seinen Körper verkauft?

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    Im Artikel wurde es gemacht, Sie tun es: Das alte Klischee vom "Verkauf" des Körpers aufwärmen. Wahlweise heißt es auch gern über Prostituierte, sie "verkaufen sich".

    Diese Redensart stammt aus einer Zeit, als die keusche Unbeflecktheit der einzige nennenswerte Wert einer jungen Frau war, bevor sie als tugendsame Jungfrau in den Hafen der Ehe einschiffte.
    War dieser einzige Wert weg, war die Frau wertlos. Sie hatte "sich" verkauft.

    Zum Glück sieht man das heute anders. Frauen verkaufen nicht "sich", sondern eine Dienstleistung! Dabei *behalten* sie ihren Körper und 100% ihres Wertes, egal wie promisk sie sind, und unter welchen Vereinbarungen sie Sex haben.

    Und noch etwas: Die Vereinbarungen, aufgrund derer zwei Erwachsene Sex haben (sofern freiwillig getroffen, sonst griffen die Gesetze zum Schutz der sexuellen Selbstbestimmung) gehen niemanden außer den direkt Beteiligten etwas an. Ob Geld fließt, geldwerte oder sonstige Vorteile, hat nicht Sache der Öffentlichen Hand zu sein!

    Ich wäre daher dafür, die Prostitutionsgesetzgebung ersatzlos zu streichen.

    • Chali
    • 10. Juni 2013 16:08 Uhr

    "Deutschland, so die Botschaft des Films, sei das Bordell Europas geworden. Selbst aus Japan, den USA und dem sittenstrengen Arabien reisen Männer in Gruppen an, um sich zu vergnügen. "

    Wir sind schliesslich Export-Weltmeister, oder etwa nicht?

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    Antwort auf "Angebot..."

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  • Schlagworte Erotik | Flatrate | Berlin
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