Alain-Resnais-FilmEin alter Schelm lässt seine Puppen tanzen

Der Kino-Großmeister Alain Resnais treibt mit seinem Film "Ihr werdet euch noch wundern" ein Spiel im Spiel. Unterstützt wird er von einem französischen Star-Ensemble. von 

Alain Resnais, immerhin 91 Jahre alt, ist ein Phänomen: Er gehört seit Jahrzehnten zu den Großen des französischen Films, und seit seinen ersten Langfilmen Hiroshima, mon Amour (1959) und Letztes Jahr in Marienbad (1961), die Filmgeschichte geschrieben haben, ist der Autorenfilmer ungebrochen aktiv: ein Solitär des Weltkinos, vergleichbar nur mit dem ebenfalls noch arbeitenden Portugiesen Manoel de Oliveira (Jahrgang 1908). Ihr werdet euch noch wundern ist nun – nach  Herzen (2006) und Vorsicht Sehnsucht (2009) – die jüngste Arbeit des unermüdlichen Filmliteraten.

Ein Theaterautor, Antoine D'Anthac, ist gestorben, und hat in seinem letzten Willen verfügt, dass seine alten Freunde und Weggefährten sich ein letztes Mal versammeln mögen, um Abschied zu nehmen. In einem Landhaus treffen sie nun sukzessive ein, reale Schauspieler, die sich selbst spielen: Michel Piccoli etwa stellt sich als Michel Piccoli vor und spielt fortan auch Michel Piccoli. Des Weiteren die beiden langjährigen Resnais-Darsteller Sabine Azéma und Pierre Arditi (Das Leben ist ein Chanson, 1997), sowie Lambert Wilson, Mathieu Amalric, Anne Consigny, Hippolyte Girardot und andere mehr. 13 an der Zahl. Alle verbindet sie, neben der Freundschaft zu Antoine, die Mitarbeit in dessen Stück Eurydike. Nachdem sie in einem mit schwarzen Sesseln und Sofas ausstaffierten großen Saal Platz genommen haben, drückt Antoines treuer Diener Marcellin auf die Fernbedienung, und vor ihnen öffnet sich eine Leinwand, auf der nun Antoine via Videobotschaft zu allen spricht.

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Es geht ihm um die Stücke Eurydike (1941) und Cher Antoine (1969) des französischen Dramatikers und Theaterautors Jean Anouilh (1910 – 1987), dessen Werke zum Kanon europäischer Theater-Literatur zählen. Der Video-Ansprache des Verblichenen folgt die modernistische Neuinszenierung eben jener Anouilh'schen  Eurydike. Dieser Antoine D'Anthac ist ein Alter Ego Jean Anouilhs – und dahinter versteckt sich wiederum der Regisseur Alain Resnais.

Ihr werdet euch noch wundern – der im Original präziser Vous n'avez encore rien vu heißt (in etwa: "Sie haben noch nichts gesehen") – ist ein vielschichtiges Theater-im-Film-Drama, in dem sich verschiedene Realitäts- und Fiktionsebenen überlagern, der Film zur Realität, die Realität zum Film wird, und das Theater wiederum beiden die Dramaturgie vorgibt. Das ist komplex und anspruchsvoll, und es erfordert eine ungefähre Kenntnis von Anouilhs ursprünglichem Eurydike-Stück, das 1941 wiederum auf den antiken Urstoff von Ovid und Vergil zurückgriff.

Hinzu kommt, und dies ist der eigentliche Kunstgriff Resnais', dass die hier versammelten Schauspieler, die zunächst sich selbst spielen, allesamt auch Rollen in dem Eurydike-Stück innehatten, und, ausgelöst durch die Videoübertragung, allmählich in diese Theater-Rollen zurückfallen. Die abgefilmte Theaterinszenierung auf der Leinwand und die gelebte Realität im Raum vermischen sich: Sabine Azéma und Anne Consigny werden zu Eurydike, Pierre Arditi und Lambert Wilson werden zu Orpheus. Michel Piccoli wird zum Vater. Ein Reigen beginnt. Das Spiel im Spiel.

Eines der Resnais'schen Themen ist seit ehedem – man denke nur an seinen 32-minütigen schwarzweißen Auschwitz-Film Nacht und Nebel (1956) – das Erinnern und Vergessen, deren gleichzeitige Nähe und Widersprüchlichkeit. Resnais spielt mit der Gleichzeitigkeit alles Zeitigen, mit der Aufhebung aller Zeitebenen. In seinem Kunstwerk Letztes Jahr in Marienbad etablierte Resnais diese Vorstellung ästhetisch wie strukturell wie inhaltlich. In Ihr werdet euch noch wundern greift er sie abermals auf. Das Gestern ist das Heute ist das Morgen ist das Gestern.  

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Das nahezu hermetisch angelegte Kammerspiel – es wurde bis auf wenige Außenaufnahmen fast vollständig in einem artifiziell überhöhten, sich ständig verändernden Studio-Dekor gedreht – ist zweifelsohne eine von Alain Resnais' intellektuellsten und zugleich verspieltesten filmliterarischen Arbeiten überhaupt, mit behender Leichtigkeit in Szene gesetzt. So entsteht der Eindruck, als blicke der Meister selbst auf dieses Reigen-Treiben: Ein Schelm, der als Zuschauer am Rande steht, während er die Puppen tanzen lässt.

Zu guter Letzt nimmt schließlich alles eine vollkommen unverhoffte überraschende Wendung, und über dem Abspann liegt der eigentlich so heiter-leichte, und doch so melancholisch-wehmütige Song It Was a Very Good Year (1965) von Frank Sinatra, der mit dem Blick zurück davon singt: "When I was seventeen, it was a very good year. … When I was twenty-one, it was a very good year. … When I was thirty-five, it was a very good year. … But now the days grow short, I'm in the autumn of the year. …" Die Zeit verstreicht, das Leben vergeht. Alles ist endlich, auch alle Liebesbemühungen, die dem Tod entgegen wirken sollen. Alain Resnais, dieser Dichter der Kinematographie, erzählt uns hier davon. Er allerdings arbeitet längst an seinem nächsten Film, der schön-prosaisch Lieben, trinken und singen heißen soll.

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Leserkommentare
    • tb
    • 04. Juni 2013 18:50 Uhr

    Clint Eastwood, 83 Jahre!

  1. Die Zeit verstreicht, das Leben vergeht. Mit 91 Jahren noch so einen Film drehen! C'est la France! Aber mit fast 60 Jahren noch eine Karriere als Pop-Star zu starten, ganz im Sinne von Jamie Cullums Song, das gibt es nur im Land der Rodgau Monotones: https://www.youtube.com/watch?v=iVNhvxvDCQY

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alain Resnais | Jean Anouilh | Alter | Tanzen
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