Dokumentarfilm "Orania"Das weiße Dorf in der Regenbogen-Nation

In dem südafrikanischen Dorf Orania wollen Afrikaander unter sich bleiben. Ein Dokumentarfilm zeigt: Dort ist dennoch nicht alles schwarz-weiß. von 

Wenn ein Weißer in Südafrika 10, 20, 30 schwarze Arbeiter beschäftige, dann würden deren Enkel das Land übernehmen und auch die Macht – das dürfe nicht passieren. Davon ist Carel Boshoff überzeugt. Der ältere Herr mit weißer Haut und weißen Haaren ist der Gründer des Dorfes Orania. Hier, im südafrikanischen Hinterland, auf halber Strecke zwischen Kapstadt und Johannesburg, weigert man sich, Teil der Regenbogen-Nation zu werden. Die 1990 gegründete Kommune erschafft lieber ihre eigene Kulturheimat und träumt vom weißen Volkstaat. Hier leben und arbeiten nur Arikaander. Also melkt der in die Jahre gekommene Carel Boshoff seine Kühe selbst.

Boshoffs Vorfahren waren Niederländer wie jene, die Mitte des 17. Jahrhundert Südafrika kolonialisierten und 1948 die Apartheid einführten, allen voran Boshoffs Schwiegervater Hendrik Verwoerd, der später Premierminister Südafrikas wurde. Doch das erzählt der Film Orania – Das Dorf des weißen Mannes nicht, denn es gibt keine Off-Stimme und keine Wissenschaftler, die einiges erklären, ja, zurechtrücken könnten. 

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In dem Film gibt es nur: die Innenansicht – und das mit Absicht. Der Zuschauer soll sich auf Orania einlassen. So wird aus dem vermeintlichen Nachteil der Einseitigkeit ein Vorteil. Denn wer sich tatsächlich 94 Minuten lang einlässt, der bemerkt, dass sich die Oranier mitunter selbst entlarven und dass ihre Visionen vom eigenen Verhalten konterkariert werden.

Da betont zum Beispiel der Dorfgründer Boshoff, dass sich die Gemeinschaft selbst versorge. Doch kurz darauf sieht man, wie ein Lieferwagen vorfährt, um Snacks für den Kiosk des dorfeigenen Schwimmbads zu bringen. Die zwei Lieferanten sind schwarze Südafrikaner. Einer der beiden erzählt, er beliefere den Kiosk seit gut 20 Jahren, das Schwimmbad habe er aber noch nie gesehen – immer komme einer von Orania heraus, um die Waren schon am Dorfeingang in Empfang zu nehmen. "Ich weiß nicht, was die da drinnen machen. Ich habe kein Problem damit", sagt der  Lieferant und lacht ein Lachen, mit dem man eher Unsicherheit überspielt, als sich über etwas lustig macht. Vielleicht trainieren sie ja auch Soldaten, scherzt er noch.

In Orania werden keine Soldaten trainiert, da ist sich der junge deutsche Regisseur Tobias Lindner sicher. Drei Monate hat er für diesen Film in der Kommune gelebt. Obwohl hier und da versucht worden sei, ihn zu instrumentalisieren, lässt der Filmemacher in einer Diskussionsrunde durchblicken. Lindner verfällt jedoch nicht dem Schwarz-Weiß-Denken. Vielmehr gelingen ihm gewissermaßen Grautöne.

Da sieht man zum Beispiel Baksteen, den jugendlichen Möchtegern-Gangster aus Johannesburg, der sich im "Dorf des weißen Mannes" nicht so richtig einlebt. Er gibt den Clown, mokiert sich über Dorfregeln, hat Bilder halbnackter Frauen an eine Wand in seinem Zimmer gehängt.

Oder man sieht, wie der neu hinzugezogene Johan hadert: Er ist enttäuscht, dass die Dorfbewohner seinen Shuttle in die nächstgelegenen (schwarzen) Dörfer so gut wie gar nicht nutzen. Zugleich ermahnt er seinen Stiefsohn Christo, dieser möge sich besser an die Regeln von Orania anpassen.

Leserkommentare
  1. Da fällt mir nur eins zu ein: "Die Antwoord"

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    für die Erwähnung von Die Antwoord! Kannte bisher nur dieses "I Fink U Freeky", hatte die Südafrikaner aber mittlerweile schon wieder vergessen.

    Ich stöbere gerade auf Youtube. Die Musik ist zwar nicht mein Ding aber diese Videos!

    Anmerkung: Bitte kehren Sie zur Diskussion des konkreten Artikelinhalts zurück. Danke, die Redaktion/jp

  2. 3. Danke

    für die Erwähnung von Die Antwoord! Kannte bisher nur dieses "I Fink U Freeky", hatte die Südafrikaner aber mittlerweile schon wieder vergessen.

    Ich stöbere gerade auf Youtube. Die Musik ist zwar nicht mein Ding aber diese Videos!

    Anmerkung: Bitte kehren Sie zur Diskussion des konkreten Artikelinhalts zurück. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "Die Antwoord"
  3. denn er wendet hier ein deutlich unterschiedliches Maß an Beurteilung der Lebensweise der Menschen im Dorf gegenüber anderen Menschen an.

    Beispiel; "Er ist Niederländer ..." - in der selben Presse, welche im Wochentakt neue Formulierungen für Straftäter nichtdeutscher Herkunft der 2., 3. Generation herausquetscht ist es schon eine "Meisterleistung" hier bis ins 17.Jh. zurückzugehen.

    Es ist des weiteren schon ein Schwerpunkt, lebt die Bevölkerung durch das Ausnutzen der Arbeitsleistung Anderer oder versucht weitesgehend aus eigener Kraft zu wirtschaften. Dies ist gegenüber der historischen Praxis der Apartheid, in der von der Unterdrückung anderer Menschen gelebt wurde durchaus ein deutlicher Fortschritt.

    Man kann durchaus die Gründe hinterfragen, welche diesem Lebensstil zugrundeliegen. Der Autor jedoch hinterfragt den Lebensstil. Wer jedoch völlig zurecht einem Indianerstamm im Amazonas ein Leben innerhalb der eigenen Kultur und eigenen Stammesangehörigen zubilligt, kann dies anderen Menschen nicht einfach aufgrund ihrer Hautfarbe absprechen.

    Vereinbareit mit Recht und Menschenrechten sind hier deutlich wichtiger.

    PS: Der Einkauf von Süßwaren ist in der Regel eine bessere Kontaktform zwischen Menschengruppen als die Sklavenhaltung.

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    Da haben Sie einen guten Punkt angesprochen; daß der Artikel so nonchalant die X Generationen der Buren einfach mal ausfallen lässt, ist mir erst gar nicht aufgefallen, als Bundesdeutscher Leser ist ist mir die Abstrusität der medialen Benennungs-Verschwurbelungen wahrscheinlich schon zur selektiven Normaltität geworden...!
    Was die Separation und das Bemerkenswerte daran angeht, so denke ich, der Autor sieht durchaus einen Unterschied zwischen Indianerstämmen, die "schon immer" auf einem Fleck X neben- und beieinander gelebt haben und dem Anteil der Weißen, die sich mit ihrer ganz besonders unschönen Siedlungs-Historie im Schlepptau nun den allgemeinen Entwicklungen in Südafrika zum Trotz weiter oder schon wieder separieren.
    Diesen Unterschied sehe ich im Übrigen auch...!

    Ganz bei Ihnen bin ich wieder bei Ihrem Post Skriptum; Be sweet with each other !

    • tabean
    • 12. Juni 2013 10:03 Uhr

    "...und die Städte und Dörfer sind dabei noch heute größtenteils weiß." - Wie kann das sein, wenn der Anteil der Weißen an der Gesamtbevölkerung Südafrikas knappe 9% beträgt?

    Antwort auf "Das weiße Dorf"
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    Das kommt daher, dass zu Apartheidszeiten die Rassen nicht nur gesellschaftlich sondern auch lokal getrennt wurden. Weiße durften nur in bestimmten Gebieten leben, genauso wie Farbige, Schwarze und Inder. So entstanden getrennte Wohnsiedlungen, meist mit größerer räumlicher Trennung.
    Die Stadt A hatte also 10.000 weiße Einwohner, Township B 90.000 Schwarze. Mit dem Ende der Apartheid wurden diese dann als eine Gemeinde zusammengelegt, sodass der Anteil Weiße in diesem Beispiel 10% ergibt, trotzdem in der Stadt noch immer Weiße die absolute Mehrheit stellen.
    Besuchen Sie Südafrika, und sie werden unter Umständen überrascht sein, denn das gilt insbesondere für kleinere Städte aber auch für Kapstadt oder Pretoria.

  4. Wissentschaftliche Aufklaerung tut Not :.........die Autorin und der Filmemacher sind Deutscher Abstammung, also Teil jener Herrenrasse die der Welt den Holocaust, jenen Voelkermordenden rassistischen Vorlauefer der Apartheid bescherten.........

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    "jenen Voelkermordenden rassistischen Vorlauefer der Apartheid"

    Wie bitte??? Ist diese Einlassung nicht selbst ein Indiz von Rassismus? Weil jemand weiß ist und noch dazu ein Deutscher kann er sozusagen von Natur aus nichts Richtiges zur Situation in Südafriak sagen?

    Vielleicht täte doch ein Blick in die ein Geschichtsbuch zu Südafrika gut.

    Ausserdem: den (moderne) Rassismus (Hitlers u.a.) hat seine Vorläufer u,a. in Comte J. A. de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain
    (beide 19 Jhh.)

    Weiterhin:: daß man in Südafrika gerne unter sich bleibt, ist dort weit verbreitet; auch unter Weißen verschiedener Herkunft. Versuchen Sie mal mit einem echten Buren Englisch zu reden.
    Und Rassismus, die Ablehung des Anderen aus einem anderen Volk als minderwertig, ist unter schwarzen Völkern auch sehr kräftig verbreitet.
    Rassismus in diesem Sinn ist keine Erfindung von Weißen.

  5. Da haben Sie einen guten Punkt angesprochen; daß der Artikel so nonchalant die X Generationen der Buren einfach mal ausfallen lässt, ist mir erst gar nicht aufgefallen, als Bundesdeutscher Leser ist ist mir die Abstrusität der medialen Benennungs-Verschwurbelungen wahrscheinlich schon zur selektiven Normaltität geworden...!
    Was die Separation und das Bemerkenswerte daran angeht, so denke ich, der Autor sieht durchaus einen Unterschied zwischen Indianerstämmen, die "schon immer" auf einem Fleck X neben- und beieinander gelebt haben und dem Anteil der Weißen, die sich mit ihrer ganz besonders unschönen Siedlungs-Historie im Schlepptau nun den allgemeinen Entwicklungen in Südafrika zum Trotz weiter oder schon wieder separieren.
    Diesen Unterschied sehe ich im Übrigen auch...!

    Ganz bei Ihnen bin ich wieder bei Ihrem Post Skriptum; Be sweet with each other !

  6. Redaktion

    Wenn dem so ist, dann ist auch der Duden veraltet. Der kennt nämlich nur Afrikaander. http://www.duden.de/suche... Und wir schreiben nach dem Duden. Gruß aus der Redaktion.

    Antwort auf "Das weiße Dorf"
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    Dann ist der Duden tatsächlich veraltet. Meines Wissens kam Afrikaander über das Englische ins Deutsche, und dort ist der Begriff auch veraltet. Niemand spricht vom Afrikaanderkrieg, von den Afrikaanderrepubliken oder Afrikaandertrek.
    Im Duden steht übrigens auch das Wort Bure.
    Aber letztendlich wissen wir ja, welches Volk gemeint ist, ich dachte nur, ich trage hier zur Allgemeinbildung bei, wo ich es schon kann.

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