Nebliges Holland, aschenbechergrau, Matsch und Schilf, irgendwo darin ein Hof. Sein Besitzer Helmer räumt auf und wir sehen ihm zu: Die Blumen müssen raus, dann die vergilbten Matratzen, dann wuchtet Helmer den kranken Vater unters Dach, dem Himmel ein Stück näher, damit es dieser zerfurchte Mann nicht mehr soweit hat. Damit er endlich stirbt.

Darauf wartet Helmer schon lange. Er muss es nicht sagen, das verrät sein Gesicht.

Der Milchwagen kommt, Bauer Helmer fegt Kuhmist, duscht, trinkt ein Glas Wasser und löscht das Licht, ab und zu fallen ein paar Worte. Nie mehr als nötig. Vermutlich käme Oben ist es still ganz ohne sie aus. Verblüffend, da es sich um eine Literaturverfilmung handelt. Nanouk Leopolds Film ist die Adaption von Gebrand Bakkers Erfolgsroman, der vor fünf Jahren große Teile der Literaturkritik überrascht hatte: mit seiner liebenswürdigen Kargheit, der fatalistischen Ruhe, in der Bakker von Vater und Sohn erzählte, in Hollands regnerischer Provinz, wo die Schafe auf dem Damm Spalier stehen und niemand sonst vorbeikommt.

In ihrer Verfilmung hat sich Leopold einige Freiheiten herausgenommen, manche Handlungsstränge umgeleitet, andere ganz gekappt. Auf die vielgelobte Situationskomik der literarischen Vorlage verzichtet sie ganz. Geschadet hat das nicht. Leopold konzentriert sich auf die wesentlichen Motive des Buchs: auf das Sterben des Vaters und das Warten des Sohnes. Eine flirrende Grabesruhe liegt von Anfang an über Helmers Stall, der Küche mit der abwischbaren Tischdecke, dem gesamten Haus, das er nie haben wollte. Die Standuhr tickt. Wenn es nicht schon zur serienmäßigen Phrase verkommen wäre: Ja, es ist ein ruhiger Film.

Seine gesamte Dramaturgie schöpft er aus dem Tagwerk seines Helden, dem mechanischen Gleichmut, mit dem Helmer seine tägliche Arbeit verrichtet, unten beim Vieh, oben beim hustenden, röchelnden Vater im Pyjama –  alles ist gleich, solange es unterm Dach noch nicht ganz still ist, solange der Vater noch atmet und Helmer nicht aus diesem seltsamen Moratorium erlöst, das er sich selbst auferlegt hat: keine Beziehung, keine Liebe, nur Kühe, Mist, Stroh, Spaten, Schubkarre, ein paar Schafe als Hobby, manchmal kommen die Nachbarskinder vorbei, zwischendurch wird ein Nachbar beerdigt. Viel mehr ist nicht.

Jeroen Willems als Hauptdarsteller von trauriger Körperlichkeit

Und es ist tatsächlich beeindruckend, wie rhythmisch und drängend die Regisseurin die Routine, die Monotonie von Helmers Leben verdichtet. Es ist kein Film der großen Metaphern, nichts ist codiert oder poetisch überhöht. Wie gnadenlos er zuweilen ist: "Ich hab Hunger", sagt der Vater einmal. "Ich habe manchmal auch Hunger", antwortet Helmer und verlässt das Sterbezimmer, wo die Heizung nicht geht und man sich nichts mehr zu sagen hat.

Helmer, ein Schweiger mit Troyer und Augenringen und dessen größtes Glück es ist, von Jeroen Willems gespielt zu werden. Er gibt der Figur diese traurige Körperlichkeit, den sonderbar gebrochenen Stolz. Wo dem Film die Worte fehlen, erzählt Willems Gesicht: von Helmers lebenslangen Entbehrungen, dem Hass auf seinen Vater, seiner eigenen unterdrückten Homosexualität, die er vor dem Milchbauern verbergen muss und vor dem neuen Knecht Henk, der sich Helmer bald zaghaft annähert. Willems aphoristische Mimik trägt diesen Film von Andeutung zu Andeutung, nichts wird auserzählt.

Auf jede Geschichte übers Leben, schrieb einmal der Germanist Peter von Matt, kämen etwa 100.000 über das Sterben. Und unter dieser Vielzahl ist Nanouk Leopolds Film eine ganz besondere. Allerdings hat sie eine tatsächlich tragische Wendung: Im vergangenen Dezember erlag Jeroen Willems während einer Theaterprobe einem Herzinfarkt. Helmer war seine letzte Rolle.