Isländer! Verschrobene, bärbeißige Typen, vollbärtig und schmerbäuchig, die betrunken aus der Kneipe torkeln und sich gleich nach der handfesten Schlägerei eine Zigarette anstecken. Andere Länder mögen Probleme mit den auf sie projizierten Klischees haben, auf der Insel hoch oben im Nordpolarmeer scheint man sich einen Spaß aus dem Image des Weltabgewandten zu machen. Bereits im Jahr 2000 bewies der Filmemacher Baltasar Kormákur mit seinem Film 101 Reykjavík die Liebe zu schlechtem Wetter und skurrilen Gestalten, zur Selbstironie.

In seinem neuen Film The Deep treten erneut vor allem Antihelden auf. Gulli lebt auf Vestmannaeyjar, einer der Südküste Islands vorgelagerten Inselgruppe. Phlegmatisch, aber herzensgut, lebt er bei den Eltern und trinkt im Morgengrauen brav sein Glas Milch aus, um der Mutter eine Freude zu machen. Anschließend geht er mit dem Rest der sechsköpfigen Besatzung seines Kutters auf Fischfang.

Unaufgeregt und mit sprödem Witz begleitet der Film das kleine Team auf die See, Männer mit einer Vorliebe für extrastarken Kaffee und lakonische Sprüche. Blaustichige Bilder lassen ihre Gesichter fahl erscheinen. Allein die gelegentlichen Unterwasseraufnahmen schüren die Ahnung, dass diese Fahrt einen unguten Ausgang nehmen wird.  

Eines der Netze verfängt sich unter Wasser, es reißt das Schiff zu Seite, die Besatzung geht über Bord und stürzt ins eiskalte Meer. Der Film inszeniert diese Schlüsselminuten mit beinahe dokumentarischer Gleichgültigkeit: Unterlegt von reduzierten Streicherklängen, bietet sich ein kraftloser, kein aufopferungsvoller Überlebenskampf.

Schnell bleibt Gulli allein zurück, treibt nun nachts im Ozean, ohne Aussicht auf Rettung. Anders als im Mann-im-Meer-Thriller Open Water braucht es keine Haie, um die Ausweglosigkeit der Lage vor Augen zu führen. Die hin und wieder eingeblendete Wasser- und Lufttemperatur spricht eine eigene, ruhigere Sprache.

Das Problem von The Deep ist das vieler Filme, die zu Beginn auf eine "wahre Begebenheit" verweisen. Das historische Geschehen gibt den erzählerischen Rahmen vor. Eine eigene Dramaturgie wird vernachlässigt.

Was sich 1984 vor Island zutrug, ist erzählenswert. Sicher. Und Kormákur kommt diesem Auftrag eilfertig nach: Denn Gulli gelingt das kaum Begreifliche, er schwimmt sechs Stunden und erreicht die Küste. Unterkühlt und entkräftet schleppt er sich über verschneite Lavafelsen und erreicht ein Dorf.