Film "The Grandmaster"Nichts Schöneres als Kämpfen

Der Regie-Großmeister Wong Kar-wai zeigt in seinem Martial-Arts-Epos "The Grandmaster" wieder formvollendete Bilder. Doch diesmal wirken sie sinnüberfrachtet und monoton. von 

Der chinesische Regisseur Wong Kar-wai wurde berühmt mit seinen poetischen Geschichten von unerfüllter Liebe, mit Chungking Express sowie dem melancholischen Drama In the mood for love. Wie ein Großmeister beherrscht er die Kunst der perfekten Kameraeinstellung, der idealen Lichtführung, der formvollendeten Bewegungsabläufe. Sein jüngstes Werk eröffnete im Februar die Berlinale, das Martial-Arts-Epos The Grandmaster. Und plötzlich steht der Zuschauer vor Rätseln.

The Grandmaster ist die Geschichte von Ip Man (Tony Leung), einem Kung-Fu-Meister, der 1893 im südlichen China, in der Provinz Guangdong, als Sohn reicher Eltern geboren wurde und den damals noch sehr elitären Kampfsport erlernte. Während der japanischen Besatzung verarmte er völlig und ging schließlich nach Hongkong, wo er eine Martial-Arts-Schule leitete und unter anderem Bruce Lee unterrichtete. Diesen Ip Man gab es wirklich, der Film orientiert sich an seiner Lebensgeschichte. Daneben geht es auch um die Geschichte der Martial Arts in China, zu denen Kung-Fu gehört, und – das ist Wong besonders wichtig – um die Lebensphilosophie, die Kampfsportkünste vermitteln wollen.

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"Kung-Fu ist eine Waffe, die tödlich sein kann", betonte der Regisseur nach der Vorführung in Berlin. Daher sei das Wichtigste für einen Kung-Fu-Meister, sich beherrschen zu lernen. Kämpfen zu können erfordere Selbstdisziplin und Bescheidenheit! Wong, dieser zarte und stets freundlich wirkende Chinese, spricht mit Ausrufezeichen. Er kann gar nicht genug bekommen von "Demut" und "Großmut" und "Ehrenkodex". Immer wieder benennt er, wofür er im Film nach Bildern gesucht hat.

Er fand sie in Rauch und viel Nebel und noch viel mehr Regenwasser. In einer Musik, die, ähnlich seinem Erfolg In the Mood for love, ein Cross-over aus chinesischer Oper und westlicher Klassik ist. In ewig schönen Frauenfiguren. In Tony Leung als Bogart-Zitat. In Zitaten seiner eigenen Filme. Dialoge im Sinne natürlich wiedergegebener Sprache gibt es dabei so gut wie keine. Was die Figuren austauschen, sind Sentenzen: "Der Weg eines Großmeisters: Sein, Wissen, Handeln." Oder: "Manche entzünden Feuer, manche entzünden Lampen, um den Weg nach vorne zu weisen."

Wie in seinen früheren Filmen dehnt Wong auch diesmal Einstellungen bis zur Super Slow Motion – wenn ein Handkantenschlag trifft, wenn ein Geländer splittert, eine Glasscheibe birst – und beschleunigt die Aufnahmen dann, bis die Füße und Hände beim Treten und Schlagen in perfekter Choreografie gleichsam tanzen. Doch sein sonst so virtuoser Rhythmus bleibt diesmal monoton. Jede Einstellung gerinnt zu einem cineastischen Poster aus Licht und Schatten, wobei das Licht stets flackert und der Schatten stets wabert.

Nichts unterbricht diese Ästhetik. Nichts bricht sie. Die Handlung verläuft sich wie das viele Wasser. Man (wie übrigens auch frau) kämpft um einen bestimmten Stil des Kung-Fu, der an die nächste Generation weitervererbt werden soll. Am Ende macht Ip Man aus der höchst elitären Kampfkunst einen Volkssport. "Er trägt die Fackel weiter", sagt Wong.

Leserkommentare
    • Atan
    • 27. Juni 2013 10:25 Uhr

    Eine Frage, die sich eine erwachende Supermacht durchaus stellen sollte; schließlich wird sie auch bei uns ständig gestellt, wenn auch vor dem weitaus düstereren Hintergrund eines Kontinents im Niedergang.

  1. sind irgendwann gezwungen, sich selbst zu zitieren.

    Eine Leserempfehlung
  2. Liebe Redaktion,

    Wong Kar-Wai ist NICHT der Regisseur von "Tiger & Dragon" ("Crouching Tiger Hidden Dragon")!

    > Bildunterschrift (s.o.):
    > Auch in "The Grandmaster" übernimmt Zhang Zi-Yi wie zuvor schon > in den Filmen "Tiger & Dragon" und "2046" die weibliche Hauptrolle > für Wong Kar-wai.

    Anmerkung: Der von ihnen kritisierte Fehler in der Bildunterschrift wurde mittlerweile korrigiert. Danke, die Redaktion/jp

    2 Leserempfehlungen
  3. Redaktion

    Völlig korrekt! Dankeschön. Zhang Zi-Yi wurde im Westen hauptsächlich durch ihre Rollen in den großen Kinoerfolgen "Tiger & Dragon" (vom Regisseur Ang Lee), "Die Geisha" (von Rob Marshall) und "2046" (tatsächlich von Wong Kar-wai) bekannt. Erst heute hat sie in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" betont, dass sie noch viele andere Filme gedreht hat: "'Love for Live' zum Beispiel, einen Film über das Thema Aids von 2011, auf den ich sehr stolz bin. Oder diverse romantic comedies und Low-Budget-Projekte, coole, junge Filme, die außerhalb Asiens keinen zu interessieren scheinen."

    2 Leserempfehlungen
  4. Frau Husmann hat ihre Rezension in eine etwas unaufgeregtere Form überführt. Eine Rezension mit der man leben kann im Unterschied zu der Version vom 08.02. ( http://www.zeit.de/kultur... ).

    Zwei Punkte möchte ich hier aber nochmal herausheben - die gefühlte Monotomie und der unterstellte Nationalismus.

    Zur gefühlten Monotomie ... anstatt diesen Punkt sofort negativ aufzufassen, sollte ich der Zuschauer fragen: Wofür? Man sollte dabei bedenken, dass das Motiv von Wong Kar-Wai's Filmen bisher, wie Frau Husmann richtig darstellt, die unerfüllte, sehnsuchtsvolle Liebe ist. Liebe ist etwas aufregendes, etwas magievolles, etwas zutiefst menschliches. Entsprechend waren auch die Stilmittel.
    Worum geht es aber bei Kung-fu? Auch hier wird es bereits in der Rezension angesprochen: Es geht um Demut, Disziplin und Bescheidenheit. Es geht um die Ausgeglichenheit und gerade nicht um das wankelmütige Gefühl der Liebe, das einen entführt oder gar zerreißen kann.
    Ein anderes Motiv, ein anderer Film. Jemand, der Kung-fu sucht, soll eben nicht Aufgeregtheit und Abruptheit, sondern Kontinuität und Ausgeglichenheit finden... es ist eine andere Ästhetik gefragt.

    Zum Nationalismus ... ein Quentin Tarantino wird dafür gefeiert, wenn er in brutalster Manier das Abschlachten von Nazis in Szene setzt. Wenn sich aber ein Film aus China mit waffenloser Selbstverteidigung in Szene setzt, wird gleich die Nationalismuskeule geschwungen. not fair!

    5 Leserempfehlungen
  5. Das ist keine Werbung für Nationalismus. Das habe ich auch schon in meinem Kommentar zur Version im Februar geschrieben:

    >> Mit "And what's your style?" könnten bornierte Einzelkinder der wachsenden wohlhabenden Schicht angesprochen sein, die mehr Bescheidenheit, Selbstdisziplin und Demut lernen sollte. <<

    Und tatsächlich gibt Wong Kar-Wai eine Antwort auf die Frage, was er damit gemeint haben könnte, nämlich im Interview mit Katja Nicodemus ( http://www.zeit.de/2013/2... ):

    >> "China hat sich während der letzten Jahrzehnte sehr verändert", sagt er. "Ich dachte mir, dass diese Modernisierung nicht nur darin bestehen kann, dem Westen nachzueifern. Dass es wichtig ist, sich auf unsere eigenen traditionellen Werte zu besinnen. Beim Kung-Fu geht ja es nicht nur um Tritte und Schläge, sondern um eine Lebensform, Denkweise, Philosophie. Die Kampfkunst ist eine Waffe in deinen Händen. Aber du musst sie möglichst anders benutzen, als jemandem Gewalt anzutun." <<

  6. ...dass Ip Man ein Anhänger der Kuomintang war und China nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas in Richtung Hong Komg verließ, die Rolle der Alliierten beim Sieg über Japan und so einiges andere auch wurde schon im Film "Ip Man" von 2008 mit Donnie Yen geflissentlich übertüncht und umgedeutet. Allerdings wenig elegant. Dem kann und sollte man schon kritisch gegenüberstehen.

    Zu "Grandmaster" vermag ich noch nichts zu sagen, aber wenn der in China erfolgreich lief, wird es sich nicht unbedingt um eine historisch genaue Verfilmung handeln...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und die Rezension wird dem Film nicht gerecht.

    Man kann kritisch sein, aber der Film beschäftigt sich so gut wie gar nicht mit den Japanern. Der Film dreht sich um Kung Fu.

    Wenn man hier schon allein die Tatsache, dass es die japanische Invasion gegeben hat, als nationalistisches Gehabe interpretiert ... weiß ich auch nicht mehr, was ich sagen soll. Im Film tritt kein Japaner in Aktion.

    Was auf "Ip Man" von 2008 mit Donnie Yen zutrifft, ist hier völlig fehl am Platze.

    Ohuuuuu.
    Dann ist der Film eine klare Ansage seitens Wong Kar-wei´s und wenn er in China so gut ankommt, obwohl die Kuomintang nicht verteufelt werden...
    Der Film ist ein Wahnsinnsfilm.
    Ich hätte jetzt nicht erwartet, dass er Leben und Sterben des großen Vorsitzenden zeigt, ich hatte aber etwas Bedeutendes erwartet.
    Der Film löst das ein.

  7. und die Rezension wird dem Film nicht gerecht.

    Man kann kritisch sein, aber der Film beschäftigt sich so gut wie gar nicht mit den Japanern. Der Film dreht sich um Kung Fu.

    Wenn man hier schon allein die Tatsache, dass es die japanische Invasion gegeben hat, als nationalistisches Gehabe interpretiert ... weiß ich auch nicht mehr, was ich sagen soll. Im Film tritt kein Japaner in Aktion.

    Was auf "Ip Man" von 2008 mit Donnie Yen zutrifft, ist hier völlig fehl am Platze.

    Antwort auf "Nun ja..."

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  • Schlagworte Film | Wong Kar-wai | Berlinale | China | Besatzung | Regisseur
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