Nachruf James GandolfiniEin kolossaler Verlust

James Gandolfini wirkt schon durch seine Physis unverwundbar. Im Leben wie als Mafiaboss Tony Soprano. Gestern starb Gandolfini, mit dem die TV-Serien-Revolution begann. von 

James Gandolfini im Januar 2011

James Gandolfini im Januar 2011  |  © Frederick M. Brown/Getty Images

Der Körper eines Menschen, sagt man, kann sein Tempel sein, ein Gebirge. Manchmal besteht es aus Muskeln, manchmal aus Fleisch, oft zu gleichen Teilen. Wie eine Wand steht dieses Massiv dann vor einem: mächtig, steil, oft zerklüftet, schier unüberwindbar, und nichts, so scheint es, kommt an ihm hinauf, nichts darüber weg, weder Gefahren noch Gegner, geschweige denn Gefühle.

So weit das Klischee.

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James Gandolfini ist so ein Tempel, Fels, Gebirge. Er ist es schon physisch, vor allem aber ist er es in all den Rollen seiner gar nicht mal langen, aber eindrücklichen Hollywoodkarriere. An dieser Wand namens Gandolfini prallten noch fast alle Gegner ab wie Fliegen. Sie taten es in Filmen, deren Wesenskern gern Feindschaft jeder Art bildete. Und falls nicht, dann brauchten sie schon stumpfe Gewalt. Diese Festung von einem Mann – fiktional war sie lange Zeit fast uneinnehmbar. Leider nur dort.

Gestern wurde bekannt, dass James Gandolfini tot ist, gestorben an einem Herzinfarkt mit 51 Jahren. Auf einer Urlaubsreise nach Rom, wie es sich für lebensfrohe Weltbürger irgendwie gehört. In Italien also, ausgerechnet dort. Ausgerechnet, weil Italien nicht allein die Heimat seiner Eltern ist, in Italien liegt auch der Ursprung seiner größten Rolle: Tony Soprano. Ein Tempel, ein Fels, ein Gebirge von einer Filmfigur. Und ein Stück Klischeebekämpfung in einem schablonensatten Genre.

Als Fixstern jener TV-Serie, die Kritiker und Zuschauer weltweit auch 14 Jahre nach der Pilotfolge zur besten aller Zeiten erklären, hat Gandolfini nämlich Geschichte geschrieben, und auch das hat natürlich mit seinem Körper zu tun. Das Mafia-Epos Die Sopranos war schließlich mehr als eine grandiose Erzählung, die das aufgeplusterte und doch oft limitierte Kino endgültig in den Schatten des Fernsehens stellte; im Clan-Chef Tony kreierte es einen gänzlich neuen Typus Gangster: den einfühlsamen Killer und familiären Großkriminellen.

So einen brutalen, unerbittlichen, selbstgerechten geld- wie machtgeilen Sympathieträger mit charmantem Lächeln hatte es bis dato nie gegeben. Tony Soprano war ein Alphatier, das morgens in Puschen die Zeitung vom Hoftor holt, mittags seinen Stripclub besucht, zum Abendbrot heimkehrt und nachts ein paar Feinde kaltmacht. Tony Soprano, das war Protagonist und Antagonist in Personalunion, eine menschlich unmenschliche Wand, die sich nur selbst zum Einsturz bringen konnte. Und niemand konnte das so spielen wie dieser Ostküstenamerikaner mit Wurzeln im Mafia-Land.

Dabei war Gandolfini, geboren 1961 in New Jersey, lange fest gebucht auf die schlagkräftigen, sehr präsenten, aber austauschbaren Nebenrollen im Dienste der Stars. Gleich im ersten Blockbuster True Romance prügelt er 1994 die zierliche Patricia Arquette so akkurat krankenhausreif, dass es für Actionproduzenten auf Brutalosuche wie ein Bewerbungsschreiben wirken musste. 

Leserkommentare
  1. 1. Addio!

    .

    2 Leserempfehlungen
    • das_m
    • 20. Juni 2013 18:20 Uhr

    "Der Körper eines Menschen, sagt man, kann sein Tempel sein, ein Gebirge. Manchmal besteht es aus Muskeln, manchmal aus Fleisch, oft zu gleichen Teilen."
    Hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, aber solcher Schwachsinn sollte den Lesern wirklich nicht zugemutet werden...

    5 Leserempfehlungen
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    .. diesen Kommentar glaub ich ja jetzt nicht..
    Sie hätten gut daran getan ihre Nase nicht nur in Bio relevante Themen zu stecken, das hätte ihren literarischen Horizont erweitern können..

    Lassen Sie uns alle ausgedienten, abgeschmackten Allegorien (Ups... Alliteration?) und Metaphern ausmerzen, um der Korrektheit willen!!!

    Ich würde Sie nur bitten, schon mal loszulegen, denn nach diesem sonst gelungenem Nachruf würde ich lieber etwas wirklich Wichtiges tun:

    Einen schönen Negroamaro öffnen und eine Staffel Sopranos sehen.
    Ciao James.

    Lieber Viertler, diese Metapher bzw. Allegorie ist nun aber wirklich misslungen, und den Leser "das_m", weil er darauf hinweist, als Nerd zu beschimpfen, finde ich daneben. Muskel und Fleisch ist ja nun mal dasselbe, was soll es uns also sagen, dass der Körper manchmal aus Muskel, manchmal aus Fleisch bestehe?

    Falls ich hier eine wichtige literarische Anspielung oder Zitat verpasst haben sollte, dann bitte ich um Aufklärung, man lernt ja immer gerne dazu!

  2. 3. NERD!

    .. diesen Kommentar glaub ich ja jetzt nicht..
    Sie hätten gut daran getan ihre Nase nicht nur in Bio relevante Themen zu stecken, das hätte ihren literarischen Horizont erweitern können..

    7 Leserempfehlungen
  3. Ich mochte die Sopranos sehr und hoffte aufgrund des offenen Endes der Serie, dass sich die Produzenten noch zu einer Fortsetzung oder einem Kinofilm durchringen können...

    Wer den Schauspieler James Gandolfini aufmerksam verfolgte, ahnte allerdings schon immer, dass es ihm aufgrund der Leibesfülle wohl nicht mehr lange gut gehen würde... womit er das Schicksal von John Candy teilt.

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    • Mavel
    • 20. Juni 2013 23:04 Uhr

    So dick war er nun aber auch nicht, dass er "zwingend" mit 51 bereits einen Herzinfarkt erleiden musste. Da sein Vater bereits mit 35 an einem Herzleiden gestorben ist, vermute ich hier eher genetische Faktoren, die letztlich den Ausschlag gegeben haben. Mein Großvater ist mit 60 an einem Herzinfarkt plötzlich verstorben...naja ist kein schlechter Tod.

    • DonQ69
    • 21. Juni 2013 2:09 Uhr

    "Ich mochte die Sopranos sehr und hoffte aufgrund des offenen Endes der Serie, dass sich die Produzenten noch zu einer Fortsetzung oder einem Kinofilm durchringen können..."

    Offenes Ende? Bitte nochmal gucken; da ist nicht das Geringste offen.

    Und selbst wenn's so wäre: Leider passiert es gar zu oft, daß Produzenten sich zu völlig überflüssigen Fortsetzungen "durchringen".
    Ich werd "The Sopranos" immer lieben (und dem ZDF die damalige Sendepolitik niemals verzeihen), aber wenn eine Geschichte auserzählt ist, sollte man sie nicht künstlich verlängern.

    Familie Soprano sitzt im Restaurant. Die Kamera zeigt auf verschiedene, fremde Männer, die Tony Soprano mustern und beobachten...

    Anhand der vorherigen Ereignisse vermutet der Zuschauer nun, dass auch Tony Soprano ausgeschaltet werden soll....

    ABER: Plötzlich endet die Serie und das Licht geht aus... Niemand weiß, ob Tony Soprano nun erschossen wurde oder nicht...

    Sie vermuten es, aber mit Gewissheit können Sie, DonQ69, es nicht sagen!!!

  4. 5. Danke

    Ein gelungener Nachruf Herr Freitag, danke dafür.

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  5. Lassen Sie uns alle ausgedienten, abgeschmackten Allegorien (Ups... Alliteration?) und Metaphern ausmerzen, um der Korrektheit willen!!!

    Ich würde Sie nur bitten, schon mal loszulegen, denn nach diesem sonst gelungenem Nachruf würde ich lieber etwas wirklich Wichtiges tun:

    Einen schönen Negroamaro öffnen und eine Staffel Sopranos sehen.
    Ciao James.

    2 Leserempfehlungen
  6. Ich habe ihn nie als Tony Soprano gesehen, aber in vielen anderen Rollen. Super Typ. Mehr als schade und traurig. Wollen wir hoffen, dass die anderen in seinem Alter, wie z.B. Brad Pitt und George Clooney uns noch lange erhalten bleiben. Achtet auf euer Herz Jungs.

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  • Schlagworte Blockbuster | Italien | Manhattan
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