Matt Damon (l.) und Sharlto Copley in Neill Blomkamps "Elysium" © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

ZEIT ONLINE: Ihr Film Elysium erzählt von einer Zukunft, in der die Reichen die Erde verlassen und sich im Weltraum ein luxuriöses Refugium geschaffen haben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Neill Blomkamp: Der Ausgangspunkt war ein persönliches Erlebnis: Vor ein paar Jahren bin ich mit einem Freund nach Tijuana, direkt hinter der mexikanischen Grenze, gefahren. Wir sind abends angekommen, haben uns ein paar Flaschen Bier gekauft, als plötzlich zwei Polizisten herbeistürmten, uns in Handschellen legten, in ihren Streifenwagen packten und raus aus der Stadt fuhren. Sie behaupteten, dass es verboten sei, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken. Wir mussten ihnen fast 1.000 Dollar bezahlen. Sie nahmen das Geld und warfen uns aus dem Auto. Da standen wir mitten in der Nacht in den Slums von Tijuana und mussten zwei Stunden durch diese recht ungemütliche Gegend zurück in die Stadt laufen.

Vor den Hütten brannten überall Feuer, Hunde streunten herum, die Leute starrten uns an und im Hintergrund dieser ganzen Armutsszenerie erhob sich von einer Flutlichtanlage angestrahlt die riesige US-Grenzmauer, an der Hubschrauber entlang patrouillierten. Das sah aus wie in einem Science-Fiction-Film. Dieses Bild von den mexikanischen Slums und dem Schutzwall der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft hat mich nicht mehr losgelassen. Die Mauer zwischen den USA und Mexiko ist ein Symbol für die zunehmende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, die Elysium in einem Science-Fiction-Setting weiterdenkt.

ZEIT ONLINE: Zurzeit häufen sich Filme, die ein sehr düsteres Zukunftsszenario entwerfen. Wie kommt es zu dieser pessimistischen Sicht?

Blomkamp: Die Beweise dafür, dass wir hier auf unserem Planeten in echten Schwierigkeiten stecken, sind einfach erdrückend. Es fällt schwer, Themen wie Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Religionskriege oder die Kluft zwischen Arm und Reich zu umgehen. Diese Filme spiegeln nur wider, was im globalen Bewusstsein vor sich geht.

ZEIT ONLINE: Filme, die politische Themen in einem fantastischen Setting aufgreifen, werden zu Kassenerfolgen, während Filme, die direkt Bezug auf die gesellschaftliche Gegenwart nehmen, es besonders in den USA sehr viel schwerer haben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Blomkamp: Wenn Regisseure Themenfilme machen und glauben, damit die Welt verändern zu können, vergessen sie, dass das Publikum in den seltensten Fällen ins Kino geht, um belehrt zu werden. Im Kino geht es immer zuallererst um menschliche Emotionen. Das Publikum will auf eine Reise gehen und sich nicht direkt mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, denen sie schon in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Science-Fiction-Filme wie Elysium geben dem Publikum die ersehnte Fluchtmöglichkeit und beschäftigen sich gleichzeitig mit relevanten Themen, zu denen die Zuschauer reale Bezugspunkte herstellen können. Ich liebe Action- und Science-Fiction-Filme. Aber ein reiner Genrefilm fühlt sich für mich genauso hohl an wie ein trockener Politfilm.

ZEIT ONLINE: Wie in District 9 spielt auch in Elysium das Thema Immigration eine zentrale Rolle. Warum ist Ihnen dieses Sujet so wichtig?

Blomkamp: Das hat mit meiner Kindheit in Südafrika zu tun. Wenn man in einem Land aufwächst, wo Schwarze und Weiße durch das System der Apartheid strikt voneinander getrennt sind, entwickelt man ein verstärktes Interesse für das Abgrenzungsverhalten von sozialen Gruppen. Elysium ist in gewisser Weise eine Fortführung von District 9, der sich sehr stark auf Südafrika bezogen hat, indem er Fremdenfeindlichkeit und Apartheid metaphorisch thematisierte. Elysium ist im Grunde die globale Version dieser Geschichte. Wir befinden uns in einer weltweiten Immigrationskrise. Einerseits gehen die Ressourcen langsam zu Ende, andererseits steigt die Weltbevölkerung unkontrolliert an. Viele Menschen werden in Zukunft einige sehr schwerwiegende Entscheidungen über die Verteilung der verbleibenden Ressourcen treffen müssen. Und wenn man sich die Historie anschaut, sind diese Verteilungskämpfe selten mit friedlichen Mitteln ausgetragen worden.