ZEIT ONLINE: Ihr Film Elysium erzählt von einer Zukunft, in der die Reichen die Erde verlassen und sich im Weltraum ein luxuriöses Refugium geschaffen haben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Neill Blomkamp: Der Ausgangspunkt war ein persönliches Erlebnis: Vor ein paar Jahren bin ich mit einem Freund nach Tijuana, direkt hinter der mexikanischen Grenze, gefahren. Wir sind abends angekommen, haben uns ein paar Flaschen Bier gekauft, als plötzlich zwei Polizisten herbeistürmten, uns in Handschellen legten, in ihren Streifenwagen packten und raus aus der Stadt fuhren. Sie behaupteten, dass es verboten sei, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken. Wir mussten ihnen fast 1.000 Dollar bezahlen. Sie nahmen das Geld und warfen uns aus dem Auto. Da standen wir mitten in der Nacht in den Slums von Tijuana und mussten zwei Stunden durch diese recht ungemütliche Gegend zurück in die Stadt laufen.

Vor den Hütten brannten überall Feuer, Hunde streunten herum, die Leute starrten uns an und im Hintergrund dieser ganzen Armutsszenerie erhob sich von einer Flutlichtanlage angestrahlt die riesige US-Grenzmauer, an der Hubschrauber entlang patrouillierten. Das sah aus wie in einem Science-Fiction-Film. Dieses Bild von den mexikanischen Slums und dem Schutzwall der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft hat mich nicht mehr losgelassen. Die Mauer zwischen den USA und Mexiko ist ein Symbol für die zunehmende Diskrepanz zwischen Arm und Reich, die Elysium in einem Science-Fiction-Setting weiterdenkt.

ZEIT ONLINE: Zurzeit häufen sich Filme, die ein sehr düsteres Zukunftsszenario entwerfen. Wie kommt es zu dieser pessimistischen Sicht?

Blomkamp: Die Beweise dafür, dass wir hier auf unserem Planeten in echten Schwierigkeiten stecken, sind einfach erdrückend. Es fällt schwer, Themen wie Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Religionskriege oder die Kluft zwischen Arm und Reich zu umgehen. Diese Filme spiegeln nur wider, was im globalen Bewusstsein vor sich geht.

ZEIT ONLINE: Filme, die politische Themen in einem fantastischen Setting aufgreifen, werden zu Kassenerfolgen, während Filme, die direkt Bezug auf die gesellschaftliche Gegenwart nehmen, es besonders in den USA sehr viel schwerer haben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Blomkamp: Wenn Regisseure Themenfilme machen und glauben, damit die Welt verändern zu können, vergessen sie, dass das Publikum in den seltensten Fällen ins Kino geht, um belehrt zu werden. Im Kino geht es immer zuallererst um menschliche Emotionen. Das Publikum will auf eine Reise gehen und sich nicht direkt mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigen, denen sie schon in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Science-Fiction-Filme wie Elysium geben dem Publikum die ersehnte Fluchtmöglichkeit und beschäftigen sich gleichzeitig mit relevanten Themen, zu denen die Zuschauer reale Bezugspunkte herstellen können. Ich liebe Action- und Science-Fiction-Filme. Aber ein reiner Genrefilm fühlt sich für mich genauso hohl an wie ein trockener Politfilm.

ZEIT ONLINE: Wie in District 9 spielt auch in Elysium das Thema Immigration eine zentrale Rolle. Warum ist Ihnen dieses Sujet so wichtig?

Blomkamp: Das hat mit meiner Kindheit in Südafrika zu tun. Wenn man in einem Land aufwächst, wo Schwarze und Weiße durch das System der Apartheid strikt voneinander getrennt sind, entwickelt man ein verstärktes Interesse für das Abgrenzungsverhalten von sozialen Gruppen. Elysium ist in gewisser Weise eine Fortführung von District 9, der sich sehr stark auf Südafrika bezogen hat, indem er Fremdenfeindlichkeit und Apartheid metaphorisch thematisierte. Elysium ist im Grunde die globale Version dieser Geschichte. Wir befinden uns in einer weltweiten Immigrationskrise. Einerseits gehen die Ressourcen langsam zu Ende, andererseits steigt die Weltbevölkerung unkontrolliert an. Viele Menschen werden in Zukunft einige sehr schwerwiegende Entscheidungen über die Verteilung der verbleibenden Ressourcen treffen müssen. Und wenn man sich die Historie anschaut, sind diese Verteilungskämpfe selten mit friedlichen Mitteln ausgetragen worden.

"Ich bin ein Fan von Body Horror"

ZEIT ONLINE: Hat Ihre südafrikanische Herkunft auch Ihren filmkünstlerischen Stil beeinflusst?

Blomkamp: In District 9 und in Elysium spiegelt sich das urbane Gefühl von Johannisburg wider: das gleißend helle Licht, die Hitze, der Staub, die Townships und die Polizeihelikopter, die darüber kreisen. Aber genauso wie meine Vergangenheit in Südafrika ihre Spuren hinterlässt, hat mich auch mein Umzug nach Kanada stark beeinflusst. Dadurch habe ich einen gewissen Abstand und eine Draufsicht auf meine Herkunft bekommen und konnte in der Auseinandersetzung mit der nordamerikanischen Popkultur eine Sprache finden, die nicht nur in Südafrika, sondern auch im Rest der Welt verstanden wird.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie einen Film entwickeln – was steht da am Anfang: die Story, die Figuren oder bestimmte Bilder?

Blomkamp: Das kommt auf den Film an. Mein nächster Film wird komplett von der Figur angetrieben. Aber in Elysium lag das Anfangsinteresse eher auf der Welt, in der sich der Film bewegt, als auf den Charakteren. Ich wollte, dass das künstlerische Konzept die Story antreibt. Die Grundhypothese lautet: "Was wäre, wenn die Reichen die Erde verlassen und sich ihr eigenes Paradies auf einer Raumstation bauen". Wenn man dieses Konzept nimmt und anfängt es zu illustrieren, fallen einem viele visuelle Elemente ein, die man gern in der Story unterbringen möchte. Manche sagen, dass ein solches Vorgehen die Story vernachlässigt, aber mir geht es genau andersherum: Die Illustration wirft viele Themen auf, die die Geschichte mehr voranbringen als ausgeklügelte Plotstrategien.

ZEIT ONLINE: Wie schon in District 9 wird auch in Elysium der Körper des Helden mit recht drastischen Mitteln transformiert und ein Kampfgerüst direkt mit dem Körper verschraubt. Woher kommt Ihr Faible für diese Art von operativen Eingriffen?  

Blomkamp: Ich muss gestehen, dass ich ein Fan von Body-Horror bin. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich ein sehr ängstlicher Mensch bin. Ich habe Angst, krank zu werden oder auf der Straße von einem Auto angefahren zu werden. Ich sehe die gebrochenen Knochen und das Blut, das aus den Adern spritzt, förmlich vor mir, wenn ich hier mit Ihnen darüber spreche. Ich glaube, wir müssen unsere ganze psychische Kraft aufwenden, um auszublenden, was alles mit uns passieren könnte. Normalerweise denkt man nicht daran, bis ein Freund oder Verwandter nach einem Unfall ins Krankenhaus kommt und man mit der Verletzlichkeit des menschlichen Körpers konfrontiert wird. Ich habe diese Ängste permanent im Kopf und solche Horrorszenen sind für mich wie eine Katharsis.

ZEIT ONLINE: Der Film zeigt aber auch, wie sich die Grenzen zwischen Körper und Technologie zunehmend auflösen …

Blomkamp: Ja, ich habe mich ein wenig mit der Theorie des Transhumanismus beschäftigt, die davon ausgeht, dass unser genetisches Design im Grunde nur dafür ausgelegt ist, als Jäger in der Wildnis zu überleben. Aber all die Dinge, wie Gier und Aggression, die zum Überleben in der Wildnis notwendig waren, werden in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr gebraucht und wirken sich sogar kontraproduktiv auf unser Leben aus. Wir sind heute an den Grenzen unserer Möglichkeiten angelangt. Die Probleme, vor denen wir stehen, sind mit unserem Intellekt allein nicht mehr zu lösen, sondern bedürfen einer Technologie, die sich mit dem menschlichen Gehirn verbindet und dessen Begrenztheit überwindet. Das ist eine sehr interessante Theorie – und ein wenig davon wollte ich auch in den Film einfließen lassen.

ZEIT ONLINE: Das Action- und Science-Fiction-Genre, in dem Sie sich mit Ihren Filmen bewegen, lebt heute oftmals mit Zitaten und Verweisen allein vom Recycling bewährter Elemente. Sie scheinen mit Ihren Filmen einen anderen Weg zu gehen …

Blomkamp: Die meisten Regisseure, die heute einen Genrefilm machen, arbeiten sich erst einmal durch die ganzen Formatvorlagen und eine riesige Menge an Datenmaterial durch, bevor sie überhaupt eine eigene Idee entwickeln. Gegen diese Art der Genrekultur rebelliere ich richtiggehend. Wenn ich zum Beispiel einen Designer suche, der mir ein Raumschiff entwirft, kann ich im Internet Millionen Konzeptkünstler finden, die das machen könnten. Aber statt irgendeinen Filmschulabsolventen einzustellen, der keine Ahnung davon hat, wie eine Flugmaschine funktioniert und noch nie in einem Hubschrauber saß, wende ich mich lieber an jemanden wie Syd Mead, der schon über achtzig Jahre alt ist, noch von Hand mit Tinte zeichnet und mir ein Raumschiff entwirft, bei dem jede Linie stimmt. Ich lege großen Wert darauf, dass in jedem kreativen Bereich der Produktion Leute arbeiten, die ihren eigenen Ideen folgen. Ich will nicht in diese modrige Grube fallen, wo jeder das tut, was alle schon getan haben.