Man darf gar nicht dran denken. Schon 878-mal ist das Kommissarduo über eine neblige Wiese zur Leiche gestapft, hat sich 878-mal vom Pathologen in aufgeplustertem Medizinalratsdeutsch belehren lassen, hat 878-mal wahlweise zu kalten, zu heißen oder zu schwachen Filterkaffee hinuntergestürzt und 878-mal den Fall dann doch irgendwie gelöst. Oder um statistisch korrekt zu bleiben: Seit 1970 gibt es den Tatort im deutschen Fernsehen, 878 Folgen wurden ausgestrahlt, jede davon weit teurer als eine Million Euro.

Jetzt ist endlich Sommerpause. Zeit eigentlich, um bei wohltemperiertem Espresso die letzte Krimisaison Revue passieren zu lassen. Aber anstatt verklärt auf die großen Quotenerfolge des vergangenen Jahres zurückzublicken und sich selig auf das Kommende zu freuen, möchte man doch eher um einen Platz in der Gummizelle bitten, damit's am Kopf nicht so schmerzt, wenn er immer wieder reflexartig gegen die Wand donnert.

Diese Bräsigkeit. Diese Geldverschwendung. Diese spießige Kleinstaaterei. Der Tatort möge geläutert zurückkehren oder auf immer im Sommerloch schmoren. Er könnte so fantastisch sein. Eine hochfinanzierte, wöchentliche Krimiserie, die vier Jahrzehnte überstanden hat. Welche Erzählstränge hätte man flechten können, wie tief ins Dickicht der Halbwelt sich schlagen können, welch komplexe Charaktere ausarbeiten. Was wäre in 878 Folgen Homeland, Wallander oder auch Im Angesicht des Verbrechens alles passiert?

Stattdessen schaltet sich der Fernsehdeutsche jeden Sonntag in eine andere ARD-Landeshauptstadt und lässt sich bedudeln mit der heimeligen Piefigkeit der durchföderalisierten Republik. Lokalkolorit, bis man vor lauter Brücken den Rhein nicht mehr sieht. Jeder Sendeanstalt ihre Irren, jedem Bürgermeister sein Ortsschild. Es ist geradezu lächerlich, wie sich SWR, MDR, BR, HR, RBB, RB, SR, WDR, NDR – und der Vollständigkeit halber auch ORF und SRF – in fortwährender Mittelmäßigkeit eingerichtet haben, anstatt zusammen etwas wirklich Großes zu stemmen. Insofern entspricht das Fernsehspiel der traurigen Realität: Polizei ist Ländersache.

Der Tatort aber ist Fiktion, er soll den Zuschauer spannend unterhalten. Die Serie krankt nicht nur an mangelnder dramaturgischer Kontinuität und Finesse, sondern auch an der unglaublich öden Behauptung polizeilicher Rechtschaffenheit. Befangenheit oder Alkoholismus sind schon beinahe die einzigen Ausrutscher, die sich ein Tatort-Kommissar leistet, bevor er in Minute 87 wieder aufs gewichste Linoleum der Beamtenwirklichkeit zurückgeholt wird. Wo bleiben die Sinnkrisen, die Zweifel an der eigenen Moral, die einen Ermittler jahrelang umtreiben können, wo der ehrliche, persönliche Zugang zum Charakter?

Weil sich diese Differenzierungen nicht alle paar Monate fortspinnen lassen, wenn eben mal wieder Bremen, Leipzig oder München, ein neuer Drehbuchautor und ein anderer Regisseur an der Reihe sind, braucht es eine Konzentration auf wenige Ermittler. Mal etwas mehr BKA und BND, anstatt demnächst auch noch die Erfurter und Weimarer Kommissare für anderthalb Stunden in regionalem Kleinkram wühlen zu lassen. Endlich den Kurzwarenladen schließen, die föderalistische Tragödie beenden zugunsten erzählerischer Qualität: Das allerdings erforderte eine gewisse Großzügigkeit der einzelnen Anstalten und die Einführung eines Krimi-Länderfinanzausgleichs.

Dann hätte der Tatort tatsächlich die Chance, über mehrere Wochen Fälle von kriminalistischer oder nationaler Tragweite zu erzählen, deren Lösung das Publikum nachhaltig beschäftigt und beeindruckt. Ach, man darf gar nicht dran denken.