Die neue untere brasilianische Mittelschicht, die sogenannte C-Klasse, hat in den vergangenen zehn Jahren einen erstaunlichen Weg hinter sich gelegt: Zuerst tauchte sie als Zielgruppe der Werbung auf, dann als Protagonistin der sonst reichen Figuren vorbehaltenen Telenovela, nun ist sie zum ersten Mal als sich eigenständig artikulierendes Subjekt auf der Straße.

An diese sogenannte C-Klasse richtet sich der Großteil der Produktionen des berühmten Telenovela-Senders Globo. Der Medienriese ist mit gefälligen Liebes- und Familiengeschichten, die ab und zu Funken von Subversivität in sich tragen, zur Zeit der Militärdiktatur groß geworden. Inzwischen ist der Privatsender verschuldet und wird teilweise vom Staat finanziert – eine Entwicklung, die in Brasilien misstrauisch beobachtet wird.

In den vergangenen Jahren versuchte sich der Sender dem neuen Klima der sozialen Wärme der Lula-Ära anzupassen und begann, vermehrt Protagonisten einzuführen, die gerade der Armut entflohen sind. Der Aufstieg in eine höhere Gesellschaftsschicht, der in der Realität zumindest bei den auffallend steilen Karrieren häufig mit nicht ganz sauberen Methoden einhergeht, bietet wunderbaren TV-Stoff. Besonders für ein Format mit solch moralischem Anspruch wie die Telenovela.

Brasiliens neue Konsumbürger

In der aktuellen Produktion Avenida Brasil ist es die ambitionierte Carminha, die den Tod ihres Mannes provoziert und durch Lügen und eine neue Heirat den Sprung in die High Society schafft. Ihr Sohn steigt zeitgleich zur neuen Hoffnung des brasilianischen Fußballs auf. In einer weiteren Produktion des vergangenen Jahres, Cheias de Charme, begleiten die Zuschauer das Pop-Trio As Empreguetes. Eine Wortschöpfung aus Hausangestellter (empregada) und einer Frau aus armen Verhältnissen, die sich einen reichen Mann angeln will (periguete). Diese drei Frauen sind ehrgeizige Aufsteigerinnen, sie verwalten ihr Geld klug und werden von charmanten und schönen Männern geliebt und bewundert. Sie haben den Einstieg in die Welt des Konsums geschafft, ebenso wie 30 Millionen Brasilianer, die zwischen 1999 und 2009 aus der Armut in die Mittelschicht aufgestiegen sind. Seitdem zählen insgesamt über 90 Millionen Brasilianer zur C-Klasse, die somit die größte Einkommensgruppe des neuen Konsumentenmarkts Brasilien stellt.

Das Liebesleid der Noch-nicht-Reichen

Das schlägt sich nicht nur in der Werbung nieder, sondern auch in den Konsumangeboten, die in die Narration der Telenovelas eingebaut werden. Es gibt kaum noch eine Novela, in der nicht einige Protagonisten in einer Favela leben. Das Leben dort scheint okay, alle haben einen Kühlschrank und ein Motorrad und die gleichen Liebesleid-Sorgen, mit denen sich bisher nur die oberen Schichten herumschlugen.

Bei aller Aufstiegseuphorie, die die brasilianische Gesellschaft spätestens seit der Zusage der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 erfasst hat, wurde übersehen, dass der reale Lebensstandard dieser Einkommensgruppe kaum oder gar nicht gestiegen ist.

Immobilienspekulation, Kartellbildung, Korruption sowie hohe Steuern haben die Preise um ein Vielfaches der Inflation steigen lassen. Nicht wenige Brasilianer aus der Mittelschicht sehen sich sogar gezwungen, zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Armenviertel zu ziehen. Wenn selbst dort die Miete 200 Euro kostet, muss die Mittelschicht in der Favela leben, von wo sie brav ihre Konsumschulden abbezahlt. Denn nur durch Ratenzahlungen und Überziehung der von Banken großzügig verteilten Kreditkarten kann sie sich den Traum vom Konsum auf Niveau der europäischen oder nordamerikanischen Mittelschicht leisten. Geschäfte werben mit dem Preis eines Produkts pro Monat bei einer Ratenzahlung, um eben diesen Käufern zu signalisieren: Du kannst es dir leisten. Viele Millionen Brasilianer hat das in die Privatverschuldung getrieben.