ZEIT ONLINE: Herr Wnendt, was hat Sie nach dem Film Die Kriegerin, der das Schicksal einer Rechtsradikalen erzählt, zu Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete getrieben? Das sieht ja zunächst einmal nach zwei sehr konträren Projekten aus.

David Wnendt: Der Erfolg von Die Kriegerin hat mir die Tür für dieses Filmprojekt geöffnet. Ich kannte und mochte den Roman, bevor es darum ging, daraus einen Film zu entwickeln. Ähnlich wie Die Kriegerin hat Charlotte Roches Buch eine weibliche, rebellische Hauptfigur, die viele Widersprüche und Facetten in sich trägt – und solche Figuren sind für mich eine Herausforderung. Deshalb liegen die beiden Projekte aus meiner Sicht näher beieinander, als es den Anschein hat.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist der Druck für einen jungen Filmemacher, wenn er ein Buch verfilmt, das 2,5 Millionen Mal verkauft wurde?

Wnendt: Durch die Verkaufszahlen des Buches gibt es die Erwartungshaltung, dass der Film viele Zuschauer in die Kinos zieht. Aber in der täglichen Arbeit ist man mit so vielen kleinen, konkreten Schritten beschäftigt, dass man nicht jeden Tag an diesen Druck denkt.

ZEIT ONLINE: Neben dem Lektor haben Sie die Feuchtgebiete wohl am genauesten gelesen. Was macht den Text so provokant und polarisierend?

Wnendt: Ich mag an dem Roman die weibliche Perspektive auf Erotik, aber auch den Humor, die brillanten Assoziationsketten und Beobachtungen des täglichen Lebens. Die öffentliche Reaktion auf das Buch hat teilweise losgelöst vom Inhalt stattgefunden. Das haben wir auch bei der Filmproduktion zu spüren bekommen. Als die Nachricht herumging, dass wir Feuchtgebiete verfilmen wollen, ging ein Sturm der Entrüstung durch die Kommentarseiten im Internet. Scheinbar hat Charlotte Roche durch ihre Persönlichkeit und durch das, was sie schreibt, einen wunden Punkt getroffen. Wenn eine Frau so offen über Sexualität oder Verdauungsprobleme schreibt, scheint das in unserer Gesellschaft vielen Männern gegen den Strich zu gehen.

ZEIT ONLINE: Halten Sie das für ein typisch deutsches Phänomen?

Wnendt: Die Resonanz, die das Buch ausgelöst hat, war in Deutschland schon sehr speziell. Feuchtgebiete wurde mittlerweile in viele Sprachen übersetzt, hat aber in keinem Land einen solch kontroversen Hype ausgelöst. Das Provokante an Charlotte Roche ist, dass sie sagt: "Mein Roman soll einfach nur eine Wichsvorlage sein." Dieser unverblümte Umgang mit Erotik eckt in Deutschland an. Im deutschen Kino zum Beispiel ist die Darstellung von Sexualität oft an einen moralischen Bringwert gekoppelt: Wenn eine Frau frei herumvögelt, dann muss danach gezeigt werden, dass sie an irgendeiner psychischen Störung leidet. Einen One-Night-Stand zu zeigen, ohne daraus ein Beziehungsdrama abzuleiten – das scheint eine Provokation zu sein.