Film "Kid-Thing"Nahrung gegen Zuneigung

Die Regisseure David und Nathan Zellner erzählen in "Kid-Thing" ein bitterböses Independent-Märchen: Annie geht in den Wald und findet ein Loch, in dem eine Frau spricht. von Andreas Busche

Alle in Deckung, hier kommt Annie! Das zehnjährige Mädchen aus David und Nathan Zellners Film Kid-Thing verfügt über eine unbändige Neugier, auch wenn ihr noch die moralischen Kategorien für ein sozial verträgliches Handeln fehlen. Annie will hinter die Dinge blicken und dafür nimmt sie meist den direkten Weg. Sie haut die Welt in Stücke. Nichts ist vor ihr sicher: Geburtstagstorten, tote Baumstämme, Bücherregale, psychedelisch bunte Lollis, eine Kloschüssel, die achtlos in der Landschaft rumsteht. Alles wird in Einzelteile zerlegt. Einen Kuhkadaver beschießt sie mit Farbkugeln, eine Made zerdrückt sie in der Hand, bis dickflüssiger, weißer Saft zwischen ihren Fingern hervorquillt.

Doch nie zeichnet sich in dieser Zerstörungslust ein Ausdruck von Wut oder Befriedigung auf Annies Gesicht ab. Die zwölfjährige Sydney Aguirre spielt das Mädchen mit teilnahmslosem Gleichmut, als müsse sie sich grundlegende Formen des sozialen Umgangs erst noch aneignen. Der Anarchist versucht, die gesellschaftliche Ordnung zu zerstören, um auf den Überresten etwas Neues zu errichten. Er ist ein Utopist. Annie hingegen hat noch keine Vorstellung von einer gesellschaftlichen Ordnung, auch weil sie in einem Milieu aufwächst, in dem sich niemand als Vorbild aufdrängt.

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Der Vater ist da keine Ausnahme. Von ihm kann sie bestenfalls lernen, wie man eine Ziege melkt oder ein Huhn hypnotisiert. Frappierend einfach ist das übrigens, schenkt man den beiden Regisseuren Glauben. Diese Art nutzlosen Spezialwissens verleiht Kid-Thing einen obskuren Charme, der die Welt des Vaters – Demolition Derbys etwa, in denen erwachsene Männer Autos aus Spaß zu Schrott fahren – für kurze Momente mit der kindlichen Fantasie des Mädchens kurzschließt. Aber Annie macht bereits einen helleren Eindruck als die Erwachsenen. Zumindest hat sie verstanden, dass die Treue, die die Hoftiere dem Vater entgegenbringen, nur Teil einer unausgesprochenen Übereinkunft ist. Nahrung für Zuneigung, so lautet der Deal.

Der Vater (gespielt von Nathan Zellner, einem der beiden Regisseure) liest Ratgeber, um zu verstehen, wie man ein besserer Mensch wird. Annie sammelt ihre Erfahrung lieber selbst. Sie geht, wie im Märchen, in den Wald, der von der Zivilisation allerdings schon reichlich in Mitleidenschaft gezogen ist, und findet dort im Boden ein Loch, aus dem eine Stimme in höchster Not zu ihr spricht. Esther heißt die Frau, zu der die Stimme gehört, und sie fleht Annie an, sie aus ihrem Gefängnis zu befreien. Das Mädchen flieht zunächst erschrocken. Am nächsten Tag kehrt es allerdings zu dem Loch zurück.

Ob diese Stimme Realität oder nur eine Allegorie ist, lässt Kid-Thing lange in der Schwebe, schon weil sich die Zellner-Brüder einer Ästhetik bedienen, die wie so viele US-Independentfilme der jüngsten Zeit – Beasts of the Southern Wild, Bombay Beach – eine märchenhafte Unschärfe mit einem harschen und gleichzeitig lyrischen Sozialrealismus verbinden. Annie fühlt sich von dem Loch angezogen, weil darin etwas sitzt, dass mit ihr wenigstens noch zu kommunizieren versucht. Ob es sich dabei um den Teufel (wie sie erst vermutet), eine böse Hexe oder eine Frau in Not handelt, ist für das Mädchen zweitrangig. Ihre Beziehung zu der Stimme betrachtet sie ganz pragmatisch, die Vorgeschichte der Frau interessiert Annie nicht. Sie bringt ihr Essen, Trinken und ein Walkie-Talkie, aber die Hilfe eines Erwachsenen holt sie nicht. Nahrung für Zuneigung. Annies Verhältnis zu Esther beruht auf derselben Prämisse wie das der Tiere zum Vater.

Leserkommentare
  1. Sehr, sehr cool!!!

    • rbrf
    • 22. August 2013 23:56 Uhr

    ...ist mir dazu sofort eingefallen. ob sich die regisseure davon haben inspirieren lassen? hier jedenfalls zum nachlesen, es ist der zweite akt: http://www.thisamericanli...

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  • Schlagworte Film | Erwachsene | Mädchen | Märchen
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