Geiselnahme von GladbeckDer journalistische Sündenfall

Die Geiselnehmer von Gladbeck wurden vor 25 Jahren nicht nur von der Polizei, sondern auch von einer Pressemeute verfolgt. Die gesamte Medienbranche machte sich schuldig. von 

Der Entführer Hans-Jürgen Rösner beantwortet am 17. August 1988 in Bremen mit einer Pistole in der Hand Fragen von Journalisten.

Der Entführer Hans-Jürgen Rösner beantwortet am 17. August 1988 in Bremen mit einer Pistole in der Hand Fragen von Journalisten.   |  © Thomas Wattenberg/dpa

Jung sieht Frank Plasberg aus, sein Schnauzer ist zeitgemäß und das Mikro schmucklos. Doch er hält es schon mit jener drängelnden Lässigkeit, die ihn noch heute kennzeichnet. Kaum zu glauben, dass der harte, aber faire Talkshowhost im August 1988 Akteur einer echten Katastrophe der Medienkultur war. "Es hatte was von einem geordneten Verfahren", schilderte Plasberg in einer Dokumentation zu Gladbeck, wie er sich vor 25 Jahren artig in die Reihe enthemmter Reporter zum Interview mit Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner samt ihrer zwei Gefangenen einreihte.

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Um eine Fotostrecke zum Gladbecker Geiseldrama zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um eine Fotostrecke zum Gladbecker Geiseldrama zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Thomas Wattenberg/dpa

Es war ein journalistischer Sündenfall. Die Disziplin der Presse war das einzig Geordnete in diesen 54 Stunden zwischen einem Bankraub und seinem blutigen Ende. Ansonsten herrschte blankes Chaos: Polizisten ohne Konzept, Politik ohne Einfluss und Medien ohne Ethos machten den Fall zum "spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit", wie es Bremens damaliger Innensenator Bernd Meyer beschreibt. "Sowohl von der kriminellen Energie als auch von der Öffentlichkeitswirkung her."

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In der Tat. Denn das erste fast vollständig gefilmte Verbrechen der Bundesrepublik, im Osten nur eine Randnotiz wert, war mit drei Toten und dem Urteil "lebenslang" für Degowski und Rösner nicht nur besonders spektakulär; erstmals standen in der Mediengesellschaft die Medien selbst derart im Fokus der Kritik. Nicht einzelne Genres wie der Boulevard oder einzelne Magazine wie der Stern, sondern die ganze Branche.

Hätte das Flugunglück von Ramstein zehn Tage nach dem Ende der Geiselnahme nicht die mediale Aufmerksamkeit wieder umgelenkt, hätte es vielleicht gar einen Reinigungsprozess gegeben. So aber ersetzte eine Sensation die andere und es blieb bei der Ergänzung des Pressekodexes um die Selbstverpflichtung, künftig kein "Werkzeug von Verbrechern" mehr zu sein.


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Ein Fall wie Gladbeck schien davor undenkbar zu sein: Rasende Reporter zwischen Verfolgten und Verfolgern, Bankräuber im Interview in überfüllten Fußgängerzonen. Nachdem Hans Meiser in der besetzten Bank angerufen und nach dem Fluchtauto gefragt hatte, heftete sich ein Pressemob ans Heck und behinderte die Polizei. Der Geiselnehmer Rösner sagte vor laufenden Kameras: "Ich scheiß' auf mein Leben", und 13 Millionen Zuschauer waren live dabei.

Leserkommentare
  1. Die Polizei-Taktik war vor Gladbeck ganz einfach und für die Geiseln auch relativ ungefährlich: Auf die Forderungen der Geiselnehmer eingehen (falls es sich lediglich um monetäre Forderungen handelte), präpariertes Lösegeld und Fluchtauto bereitstellen und abwarten bis die Täter die Geiseln freigelassen hatten. Die Aufklärungsquote lag bei 100%. Es bestand keinen Grund das Leben der Geiseln durch irgendwelche Aktionen zu gefährden.

    Bei Gladbeck hatten, durch die dilletantischen Aktionen der Presse, die Geiselnehmer zu keinem Zeitpunkt das Gefühl unbeobachtet zu sein und die Geiseln freilassen zu können.

    Das ganze Herumgeiere. Die Fahrt in die Kölner Innenstadt und die Kaperung des Linienbusses sind alles letztendlich nur hilflose Aktionen der Geiselnehmer mit den dann ebenso hilflosen Maßnahmen der Polizeiführung. Ich kann mich noch an den merkwürdigen Konvoi von Einsatz- und Pressefahrzeugen erinnern, die hinter dem Bus hergedackelt sind. Das erlösende politische Signal, einen Zugriff durchzuführen und dabei auch den Tod der Geiseln in Kauf zu nehmen, kam erst sehr spät, als die Gefahr bestand, das die Geiselnehmer bei ihrer Flucht in Hessen dort wieder Geiseln nehmen würden. Die Toten gingen eindeutig auf das Konto von Plasberg und Co.

    Hinterher wurde ausgiebig über das Thema "finaler Rettungsschuss" diskutiert.

    Also immer schön daran denken: Das Leben als Geisel eines Raubüberfalls ist gefährlicher geworden seit diesen Tagen.

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    die die Zurückhaltung der Polizei durch einer unfähigen Führung, eigentlich mehr eine Behinderung der Polizei, durch den Innenminister als ursächlich für die getöteten Geiseln ansehen.
    Es soll einige Zugriffsgelegenheiten gegeben haben, wobei die Erfolgsaussichten recht hoch gewesen sein sollen. Nur bestand eben immer ein Restrisiko für die Pressemeute...begründet in der überwiegend unbrauchbaren Polizeimunition.

    Letzteres übrigens auch Dank der Verhinderung der einführung zweckmäßigerer Polizeimunition durch den Herrn Schnoor, denn dieser war aus politischen Motiven Teil einer Blockade solcher Modernisierungsbestrebungen. Das dabei ein verbesserter Schutz für Unbeteiligte erreichtw erden kann, war den Politikern scheinbar gleichgültig.
    Kein Wunder also, wenn man sich mit bewußt schlecht gehaltener Ausrüstung einen erfolgreichenZugriff nicht zutraut.

    Die Verantwortung für den Tod der Geiseln ist also klar in der Politik zu suchen, das Fehlverhalten der Pressevertreter soll nicht kleingeredet werden, aber die Verantwortung für den Tod Unbeteiligter lag definitv woanders.

    Peter

    ...bzw. gestern Abend wurden genau die gleichen Bilder noch einmal im WDR-Fernsehen im Rahmen einer Doku aus dem Jahr 2006 gezeigt!

    Ich sah diese Bilder zum ersten Mal überhaupt und diese Art der polizeilichen Zurückhaltung, der bürgerlichen Neugier-Geilheit und des unglaublich brutalen Boulevard-Journalismus, der den Mördern eine Plattform in der Öffentlichkeit bot, widerte mich an!!!

    Ich fragte mich, warum solch eine Doku, in der all die visuellen Grausamkeiten und Unfassbarkeiten der damaligen Ereignisse noch einmal rausgewühlt werden mussten??? Ist das heute besser als damals??????? :-(

    Vollste Zustimmung. Darüberhinaus ist es traurig, dass es bei den Medien keine "Selbstreinigung" gab. Es ist traurig, dass viele der Journalistischen Haupttäter später große Karrieren bei Bild und RTL machen konnten.

  2. Gladbeck. Das ist doch dieses Dörfchen im Pott irgendwo? Faszinierend, dass der Artikel offenbar keine Lust hat für jüngere Semester zu erläutern, was damals dort vorgefallen ist. Oder in Ramstein? Dann wüsste man vielleicht wieso das hier Geschilderte so skandalös ist. Ohne die Eingangserklärung tangiert mich das aber noch weniger als der berühmte Sack Reis in China.

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    Es handlet sich hier um geschichte der bundesrepublik. falls sie keine ahnung hane, lesne sie einfach nach. [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen angemessenen, respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/ls

    • Infamia
    • 17. August 2013 10:38 Uhr

    Von einem "Digital Native" hätte ich die Fähigkeit erwartet, einfach mal ein zweites Fenster und Google zu öffnen, "Gladbeck", "Geiseln", "1988" einzugeben, um zu erfahren, was damals vorgefallen ist. Wir Älteren müssen Ihnen doch hoffentlich nicht alles wohl portioniert vorkauen, oder?

    • Atan
    • 17. August 2013 9:53 Uhr

    Ich kann es nicht erkennen, wieso auch? Für einen Frank Plasberg war es doch letztlich ein weiterer Trittstein seiner Karriere, warum sollte es heute irgendeinem journalistischen Nobody anders gehen? Letztlich bleibt die rasante Reportage, die teuer verkauften Bilder etc.
    Geändert hatte sich v.a. die Konkurrenz durch Laien, die Mobilfunktechnik, Internet und Handykameras machen sendefähige Aufnahmen und "Reportagen" für jede und jeden möglich.
    Und geändert hat sich die Taktik der Polizei, die gelernt hat, der Meute die "Jagd" unmöglich zu machen.
    Worin die Medien besser geworden sind, ist ihre eigene Rolle zu verbergen: es wird schneller skandalisiert und angeklagt, dadurch wird die Rolle der Journalisten allenfalls in der dritten oder vierten Stufe eines aufsehenerregenden Ereignisses problematisiert. Warum, ob und wie ein Ereignis dargestellt wird, ist inzwischen völlig undurchsichtig. Sind es Klickzahlen, Relevanz, Werbeschaltungen, Werthaltungen von Medienschaffenden, all das ist heute sehr viel schwerer zu durchschauen, weil die meisten Akteure multimedial agieren und die Aufgabenteilung gewachsen ist.

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  3. Etwas derartiges ist in den letzten 25 Jahren nie mehr passiert, diese Gladbeck-Story blieb einzigartig.

    Anscheinend haben die Journalisten doch etwas aus diesem Desaster gelernt.

    Offensichtlich sind Menschen also doch lernfähig ! Oft zweifelt man ja daran...

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    • fx66
    • 17. August 2013 13:58 Uhr

    Es sind vor allem die Geiselnehmer, die die Aufmerksamkeit gesucht haben. Es würde genauso wieder passieren. Doch in der Regel suchen Verbrecher Journalisten nicht so direkt auf wie in diesem Fall.

  4. die die Zurückhaltung der Polizei durch einer unfähigen Führung, eigentlich mehr eine Behinderung der Polizei, durch den Innenminister als ursächlich für die getöteten Geiseln ansehen.
    Es soll einige Zugriffsgelegenheiten gegeben haben, wobei die Erfolgsaussichten recht hoch gewesen sein sollen. Nur bestand eben immer ein Restrisiko für die Pressemeute...begründet in der überwiegend unbrauchbaren Polizeimunition.

    Letzteres übrigens auch Dank der Verhinderung der einführung zweckmäßigerer Polizeimunition durch den Herrn Schnoor, denn dieser war aus politischen Motiven Teil einer Blockade solcher Modernisierungsbestrebungen. Das dabei ein verbesserter Schutz für Unbeteiligte erreichtw erden kann, war den Politikern scheinbar gleichgültig.
    Kein Wunder also, wenn man sich mit bewußt schlecht gehaltener Ausrüstung einen erfolgreichenZugriff nicht zutraut.

    Die Verantwortung für den Tod der Geiseln ist also klar in der Politik zu suchen, das Fehlverhalten der Pressevertreter soll nicht kleingeredet werden, aber die Verantwortung für den Tod Unbeteiligter lag definitv woanders.

    Peter

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    Politik kann solche Sachen konstruktiv beinflussen. Hierfür ist aber ein entsprechender Vorlauf erforderlich.

    Einen Täter ohne direkte Lebensgefahr durch einen Kopfschuss hinzurichten war damals als nicht zulässig/ nicht wünschenswert betrachtet worden. Zusätzlich besteht dabei immer die Gefahr, das so etwas auch schief gehen kann. Nüchtern betrachtet, kam der Zugriff erst, als dies die letzte Alternative gewesen ist.

    Die Entsprechenden Diskussionen und Änderungen der Taktik kamen erst nach dem Einsatz und hatten dann auch entsprechende Auswirkungen auf Ausbildung, Taktik und Ausstattung.

  5. Es handlet sich hier um geschichte der bundesrepublik. falls sie keine ahnung hane, lesne sie einfach nach. [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen angemessenen, respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/ls

    6 Leserempfehlungen
    • Infamia
    • 17. August 2013 10:38 Uhr

    Von einem "Digital Native" hätte ich die Fähigkeit erwartet, einfach mal ein zweites Fenster und Google zu öffnen, "Gladbeck", "Geiseln", "1988" einzugeben, um zu erfahren, was damals vorgefallen ist. Wir Älteren müssen Ihnen doch hoffentlich nicht alles wohl portioniert vorkauen, oder?

    8 Leserempfehlungen
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    • fx66
    • 17. August 2013 14:03 Uhr

    Der Schreiber ist doch offenbar selbst älteren Semesters. So würde ich das deuten:

    > Faszinierend, dass der Artikel offenbar keine Lust hat für jüngere Semester
    > zu erläutern, was damals dort vorgefallen ist.

  6. Gladbeck war tatsächlich eine einzigartige Show, typischerweise in der 1980er Jahren, in denen die öffentlich-rechtliche Berichterstattung private Konkurrenz erhielt und viele Tabus, die bis dahin galten, gebrochen wurden.
    Aber der Antrieb der Medien, zwecks Einschaltquote oder clicks masslos zu übertreiben, aus Mücken quotenträchtige Elefanten zu machen, mit Ankündigung zur Sondersendung, eingeblendeten Eilmeldungen, gilt bis heute. Beispiele medial extrem aufgebauschter Stories aus jüngerer Zeit:
    - Herr und Frau Wulff, nachdem er zum Bundespräsidenten wurde
    - Doping: Jan Ullrich, Armstrong, Telekom-Geständnisse, Tour de France-Razzien
    - etc.

    Wenn Gladbeck unglückseligerweise nicht mit Toten geendet hätte, wäre die Entrüstung und betroffene Selbstreflexion der Medien nur halb so gross ausgefallen...

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