Filmfestival"Feuchtgebiete" begeistert Publikum in Locarno

Der deutsche Film erntet Anerkennung beim 66. Filmfestival von Locarno. Die Verfilmung von Charlotte Roches Skandalroman "Feuchtgebiete" hat Chancen auf den Hauptpreis.

Zuschauer des 66. Filmfestivals von Locarno

Zuschauer des 66. Filmfestivals von Locarno   |  ©Fiorenzo Maffi /Reuters

Die Halbzeitbilanz des 66. Internationalen Filmfestivals von Locarno fällt gut aus. Der Wettbewerb überzeugt mit Qualität. Die abendlichen Freiluftaufführungen von Filmen außerhalb der Konkurrenz für rund 8.000 Zuschauer auf der Piazza Grande locken selbst bei Regen ein großes Publikum an.

Starken Beifall gab es für den deutschen Wettbewerbsbeitrag Feuchtgebiete. Der Film wurde nach der Aufführung von mehr als 3.500 Zuschauern bejubelt. Beim anschließenden Publikumsgespräch gab es Zustimmung. Die Adaption des bei seinem Erscheinen 2008 als Skandal gehandelten Romans von Charlotte Roche gilt als Anwärter auf den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden.

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Bei der international besetzten Pressekonferenz zum Film gab es auch einige Stimmen, die Roman und Film pauschal als "ekelhaft" klassifizierten. Roche, die zur Aufführung des Films nach Locarno kam, sagte: "Vor Jahrzehnten haben Frauen öffentlich ihre Büstenhalter verbrannt, um die Emanzipation voranzutreiben. Das muss man leider immer mal wiederholen."

Neben Feuchtgebiete werden auch dem französischen Wettbewerbsbeitrag Gare du Nord gute Chancen auf den Goldenen Leoparden eingeräumt. Regisseurin Claire Simon taucht mit dem Film in das alltägliche Geschehen auf dem berühmten Pariser Bahnhof ein. Die von einem melancholischen Grundton getragene Erzählung enthüllt episodenhaft Sorgen, Hoffnungen und Träume von Menschen aus allen sozialen Schichten. 

Am Donnerstag wird Mr. Morgan's Last Love gezeigt, ein Film der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck, der außerhalb des Wettbewerbs läuft. Darin spielt Michael Caine einen Witwer, der in späten Jahren ein neues Glück findet. Am Freitag wird Werner Herzog auf der Piazza mit einem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Das Filmfestival endet am Samstagabend mit der Preisverleihung.

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Leserkommentare
  1. Nein, feucht macht nicht froh, jedenfalls nicht in dem Sinne , das "Feuchtgebiete" froh macht, muss ich noch irgendwelche Worte über dieses "Kunstwerk" verlieren?

    Es sagt schon einiges über unsere westliche Gesellschaft aus, dass dieser Roman ein Topseller war und jetzt die Verfilmung auch noch nominiert ist.

    Der Roman wäre wahrscheinlich vor 10 Jahren noch auf dem Index gelandet.

    Aber die Dekadenz schreitet voran, nach dem Motto: gestern ein schritt vor dem Abgrund, heute schon einen Schritt weiter.

    Mit Kunst hat das für mich nicht im geringsten zu tun.
    Bin ich jetzt "reaktionär"? "ewiggestrig"?
    Ich warte schon auf die Schlagworte, mit denen man eine Diskussion um Werteverfall im Keim ersticken kann.

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    de Sade, Georges Bataille, Henry Miller, Anaïs Nin, William S. Burroughs - wenn Sie es aktueller wollen Jelinek, Houellebecq, Bret Easton Ellis, Sarah Kane - alles "Schlagworte" oder eben übliche Verdächtige, um spontan nur einige zu nennen.

    Gegen so manche Texte derer wirkt Roches Roman wie ein Ausflug ins Schullandheim - ich spreche hier bewusst nicht von literarischen Qualitäten. Charlotte Roche hat durchaus viele Talente - das Schreiben gehört meiner Meinung nach allerdings nicht zu ihren großen Stärken. Ist ja auch egal.

    Ich jedenfalls bin froh darüber, dass (obszöne) Literatur - gut oder auch nicht - heute nicht mehr auf dem Index landet. Über den vielfach postulierten Werteverfall kann ich bestenfalls nur schmunzeln, deckt es sich doch ganz wunderbar mit dem Loriot-Zitat: "Früher war mehr Lametta!"

    Und um jetzt noch eine kleine Brücke zur Verfilmung zu schlagen: als die Bilder laufen lernten, war so mit das Erste was begeistert auf Zelluloid gebannt wurde, die ein oder andere anstößig rhythmische Bewegung zweier Menschen.

    Mit Dekadenz hat das wohl weniger zu tun, mit allzu menschlicher Natur vermutlich schon.

    ob man den Roman jetzt mag oder nicht.

    Die Schilderungen sind eher süß, für die einen befreiend komisch, für die anderen ekelhaft. Im besten Fall sorgt er für eine Diskussion, die uns etwas unverkrämpfter mit intimen Themen umgehen lässt.

    Eine Wertediskussion bezüglich Sexualität kann man führen, wenn es um bestimmte Inhalte von Youporn und Konsorten geht.

    Was Menschen jeden Alters zu jeder Zeit dort sehen können, rüttelt eher an gesellschaftlichen Werten.

    geben Sie doch vor - ohne inhaltlich konkret zu werden - eine Wertediskussion führen zu wollen. Das ist schon nicht ohne Ironie.

    Kleiner Tipp: Eine Diskussion ist ein Austausch von Argumenten der Form: ..., weil ... Über die Qualität der einzelnen Argumente kann man dann im Weiteren auch noch begründet (..., weil ...) räsonieren. Falls Sie also an einer Diskussion interessiert sein sollten, sollten Sie auch Argumente (..., weil ...) bringen.

    Formatvorlage: Ich finde ... am Roman/Film schlecht, weil ...

    gar nichts mehr. Wenn sich genügend Schwachköpfe finden, die eine geschmacklose Provokation toll finden, dann finden sich auch ein Regisseur, eine Produktionsfirma, willfährige Medien und am Ende sogar eine Jury, die das Ganze zur "Kunst" hochstilisieren. Eine Milliarde Fliegen können sich nicht irren ...

    Mit Moral hat meine Bewertung im übrigen nichts zu tun, eher mit Ekel und Widerwillen. Es bleibt die tröstliche Gewissheit, daß die Phase der Dekadenz historisch gesehen stets das Ende einläutete. Nicht das der Welt natürlich, nur das der jeweiligen Gesellschaften.

    • Burmuda
    • 12. August 2013 23:22 Uhr

    Wir foltern, lassen Flüchtlinge verrecken, Jagen ganze Hochzeitsgesellschaften mit Dronen auf Verdacht in die Luft, die NSA macht einen auf Stasi - nur schlimmer....

    Und du erdreistest Dich ernsthaft an einem Buch/Film über den "Werteverfall" zu philosophieren - und dann noch nicht mal mit Argumenten? HACKT'S BEI DIR?

    • kael
    • 16. August 2013 14:48 Uhr

    Ihre Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt das Verständnis.

    Vielleicht erklären Sie mir einfach mal, nach welchen Kriterien ein "Kunstwerk" oder "Kunst" im Allgemeinen fest gemacht werden.

    Würden Sie mir im gleichen Zusammenhang auch einmal den Begriff "Dekadenz" in Ihrem Sinne definieren?

    • kael
    • 16. August 2013 15:07 Uhr

    "Der Roman wäre wahrscheinlich vor 10 Jahren noch auf dem Index gelandet." (Zitat Ende)

    Dann hat der "Index" in der Zwischenzeit wohl etwas dazu gelernt.

    "Ich warte schon auf die Schlagworte, mit denen man eine Diskussion um Werteverfall im Keim ersticken kann." (Zitat Ende)

    Es ist schon beeindruckend, anhand welcher Peanuts Sie "Werteverfall" nachweisen. Geht's nicht noch eine Nummer kleiner? Schauen Sie doch besser mal in die Aufreißer der Medien, um wirklich etwas über gesellschaftlichen "Werteverfall" zu erfahren.

  2. und sich das öffentlich zu trauen, reicht also vollständig in diesem Falle, um nicht nur Knete, sondern auch Preise einzuheimsen. Normalerweise vermeidet ein gesunder Erwachsener so ein Verhalten, er will ja geliebt werden. C. Roche ist in einer regressiven Phase (gewesen) und trotzdem millionenschwer belohnt worden. Ob sie geahnt hat, dass son Müll paradoxerweise so einschlägt? Das wäre geschäftstüchtig und schon fast genial (geschäftlich gesehen, literarisch natürlich keineswegs).

    5 Leserempfehlungen
  3. in diesem Film/Buch werden Dinge (überzeichnet) thematisiert, die jede Frau erlebt, in der Regel aber nicht mal mit Freundinnen teilt, weil es sich mit dem unbehaarten, auch unten'rum allzeit hübschen und duftendem Frauenbild nicht deckt. Daher halte ich dieses Thema durchaus für einen wichtigen Schritt zur Emanzipation.
    "Werteverfall" und "Dekadenz" kann ich in diesem Zusammenhang wirklich nicht nachvollziehen.
    Allerdings bin auch ich überrascht, dass dieses künstlerisch absolut gewöhnliche Werk für Preise gehandelt wird - vielleicht wären diese dann eher ideologisch zu verstehen.

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    Ach ja? Angenommen, der Protagonist wäre ein Mann mit ähnlich außergewöhnlichen Praktiken - wäre es dann immer noch ein wertvoller gesellschaftlicher Beitrag oder dann doch "pervers", "Pornografie"? Ich finde Roches Buch legitim, aber das hat mit Emanzipation doch nichts zu tun. Mal abgesehen davon, dass sie nicht nur überzeichnet, sondern weit über das hinausgeht, "was jede Frau erlebt" (Ihr Zitat), wird die Beschreibung weiblicher Sexualität in der Öffentlichkeit längst stärker akzeptiert als die männliche.

    Allerdings bin auch ich überrascht, dass dieses künstlerisch absolut gewöhnliche Werk für Preise gehandelt wird

    Es wäre nicht das erste Mal, dass die Verfilmung eines durchschnittlichen bis trivialen Buches einen wertvollen Film ergibt und umgekehrt.

    Wieviele glänzende Verfilmungen erstklassiger Romane fallen Ihnen denn ein (dünne Novellchen mal ausgenommen, bei denen scheint es besser zu gehen)?

  4. Ach ja? Angenommen, der Protagonist wäre ein Mann mit ähnlich außergewöhnlichen Praktiken - wäre es dann immer noch ein wertvoller gesellschaftlicher Beitrag oder dann doch "pervers", "Pornografie"? Ich finde Roches Buch legitim, aber das hat mit Emanzipation doch nichts zu tun. Mal abgesehen davon, dass sie nicht nur überzeichnet, sondern weit über das hinausgeht, "was jede Frau erlebt" (Ihr Zitat), wird die Beschreibung weiblicher Sexualität in der Öffentlichkeit längst stärker akzeptiert als die männliche.

    2 Leserempfehlungen
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    "wird die Beschreibung weiblicher Sexualität in der Öffentlichkeit längst stärker akzeptiert als die männliche."
    Ich denke weniger an Sexualität im engeren Sinne, vielleicht eher Körperlichkeit. Diesbezüglich finde ich schon, dass Frauen unter höherem Perfektionsdruck stehen. Ich denke da z.B. an schweißbefleckte Kleidung und Flatulenzen...

  5. Der Film ist eine bloße Aneinanderreihung von ekelerregenden Szenen. Hier werden Fäkalien in allen Farben gezeigt und zelebriert. Von auf Tischen ejakulierenden Männern über mit Tampon Blut beschmierten Gesichtern bis zu angetrocknetem Sperma das von der Haut gekratzt wird. Der Film ist einfach nur Reißerisch und schwimmt auf der selben primitiven Welle wie die Jack-Ass Filme. Absolut primitiv. Hier wird versucht mit der Überschreitung von jeglichen Geschmacksgrenzen, beim Publikum ekel hervorzurufen und daraus Profit zu schlagen. Den Film muss man sich wirklich nicht antun, am besten auch nicht weiter drüber reden und dadurch noch bekannt machen.

    4 Leserempfehlungen
  6. de Sade, Georges Bataille, Henry Miller, Anaïs Nin, William S. Burroughs - wenn Sie es aktueller wollen Jelinek, Houellebecq, Bret Easton Ellis, Sarah Kane - alles "Schlagworte" oder eben übliche Verdächtige, um spontan nur einige zu nennen.

    Gegen so manche Texte derer wirkt Roches Roman wie ein Ausflug ins Schullandheim - ich spreche hier bewusst nicht von literarischen Qualitäten. Charlotte Roche hat durchaus viele Talente - das Schreiben gehört meiner Meinung nach allerdings nicht zu ihren großen Stärken. Ist ja auch egal.

    Ich jedenfalls bin froh darüber, dass (obszöne) Literatur - gut oder auch nicht - heute nicht mehr auf dem Index landet. Über den vielfach postulierten Werteverfall kann ich bestenfalls nur schmunzeln, deckt es sich doch ganz wunderbar mit dem Loriot-Zitat: "Früher war mehr Lametta!"

    Und um jetzt noch eine kleine Brücke zur Verfilmung zu schlagen: als die Bilder laufen lernten, war so mit das Erste was begeistert auf Zelluloid gebannt wurde, die ein oder andere anstößig rhythmische Bewegung zweier Menschen.

    Mit Dekadenz hat das wohl weniger zu tun, mit allzu menschlicher Natur vermutlich schon.

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "EInspruch!"
  7. ...wie leicht man doch noch immer mit gewissen trivialen Aspekten unserer Körperlichkeit die Menschen spalten kann in frenetische Begeisterung und Abscheu.

    Einige Produkte der Evolution mögen aus mehr oder weniger guten Gründen unästhetisch erscheinen - aber da wir alle in unserer Körperlichkeit regelmäßig damit konfrontiert sind, verblüffen mich solch heftige Reaktionen in der einen wie anderen Richtung doch immer wieder, wenn jene simplen der Alltagserfahrung entspringenden Tatsachen künstlerisch dargestellt werden.
    Wir wollen ein homo sapiens sein, aber wenn wir mit unserem animalischen Erbe konfrontiert werden, gehen die Emotionen regelmäßig in die Extreme. Die Ursache dafür ist wohl auch ein solches Erbe.

    Offenbar verhält es tatsächlich so, wie der Autor Stanislaw Lem schrieb: Die Erfahrung, dass wir "inter faeces et urinam nascimur", dass wir zwischen Kot und Urin geboren werden, bringt unsere Psyche in ein Dilemma. Das Bedeutendste und Schönste im Leben, nämlich selbst Leben spenden zu können, findet genau dort statt, wo unser Körper sich der "Schadstoffe" seines Stoffwechsels entledigt. Jenes Ergebnis evolutionärer Ökonomie, Geschlechts- und Auscheidungsorgane zu kombinieren, verursacht ein emotionales Dilemma, dass ein soziales Tabu erzeugt. Bei Konfrontation damit schlagen die Reaktionen dann oft ins Extrem um, entweder in eine Überhöhung oder in totale Ablehnung.

    (...)

    6 Leserempfehlungen
  8. 8. Forts.

    Das Gefühl des Ekels ist uns angeboren als Schutzmechanismus - wovor wir uns ekeln und wie stark jedoch weitgehend ein Ergebnis des Lernens.
    In anderen Kulturen gelten proteinreiche, saftige Maden als Delikatesse und werden lebendig verspeist - den meisten von uns hier in Europa verursacht schon die Vorstellung Brechreiz.

    Eine künstlerische Auseinandersetzung mit unserem Körper und dem Ekel ist also durchaus nachvollziehbar, stellt sie uns doch die "Gretchenfrage": Wie hältst du es mit unserem animalischen Erbe? Welches Verhältnis hast du zu deinem Körper?
    Ob wir die künstlerische Auseinandersetzung damit gelungen finden, ist widerum selbst eine Frage des Geschmacks.

    MfG, Ijon Tichy

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  • Quelle dpa, sre
  • Schlagworte Charlotte Roche | Film | Bahnhof | Emanzipation | Erzählung | Filmfestival
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