Die Halbzeitbilanz des 66. Internationalen Filmfestivals von Locarno fällt gut aus. Der Wettbewerb überzeugt mit Qualität. Die abendlichen Freiluftaufführungen von Filmen außerhalb der Konkurrenz für rund 8.000 Zuschauer auf der Piazza Grande locken selbst bei Regen ein großes Publikum an.

Starken Beifall gab es für den deutschen Wettbewerbsbeitrag Feuchtgebiete. Der Film wurde nach der Aufführung von mehr als 3.500 Zuschauern bejubelt. Beim anschließenden Publikumsgespräch gab es Zustimmung. Die Adaption des bei seinem Erscheinen 2008 als Skandal gehandelten Romans von Charlotte Roche gilt als Anwärter auf den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden.

Bei der international besetzten Pressekonferenz zum Film gab es auch einige Stimmen, die Roman und Film pauschal als "ekelhaft" klassifizierten. Roche, die zur Aufführung des Films nach Locarno kam, sagte: "Vor Jahrzehnten haben Frauen öffentlich ihre Büstenhalter verbrannt, um die Emanzipation voranzutreiben. Das muss man leider immer mal wiederholen."

Neben Feuchtgebiete werden auch dem französischen Wettbewerbsbeitrag Gare du Nord gute Chancen auf den Goldenen Leoparden eingeräumt. Regisseurin Claire Simon taucht mit dem Film in das alltägliche Geschehen auf dem berühmten Pariser Bahnhof ein. Die von einem melancholischen Grundton getragene Erzählung enthüllt episodenhaft Sorgen, Hoffnungen und Träume von Menschen aus allen sozialen Schichten. 

Am Donnerstag wird Mr. Morgan's Last Love gezeigt, ein Film der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck, der außerhalb des Wettbewerbs läuft. Darin spielt Michael Caine einen Witwer, der in späten Jahren ein neues Glück findet. Am Freitag wird Werner Herzog auf der Piazza mit einem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Das Filmfestival endet am Samstagabend mit der Preisverleihung.