Es ist fast so, als sei dem angesehenen Journalisten Stephan Lamby in den letzten Zügen plötzlich aufgefallen, wie langweilig sein Film Lüge und Wahrheit in der Politik bisher geworden ist, und als wolle er nun doch noch schnell eine Erkenntnis herauspressen, stellt er seinen Gesprächspartnern am Ende des 45-minütigen Dokumentarfilms endlich die doch nächstliegende aller Fragen: "Haben Sie eigentlich selbst einmal die Unwahrheit gesagt?" Und für einen Moment sieht man die Furcht in den Augen von Brigitte Zypries und Wolfgang Gerhardt, von Heiner Geißler und Sahra Wagenknecht. "Nicht, dass ich wüsste", sagt die ehemalige Justizministerin und lächelt schelmisch und unsicher. Der Zuschauer hofft nun auf einen Faktencheck, auf einen Nachweis vielleicht, dass Zypries sich doch mal um die Wahrheit gedrückt hat, um ihre Behauptungen mit der politischen Realität abzugleichen. Aber dann ist die Doku einfach vorbei. Der Fernseher aus und alle Fragen offen. Es bleibt der Ärger über diesen bequemen Film.

Es ist ja ein großes Thema, Wahrheit und Lüge in der Politik, und Stephan Lamby hat den Ruf, besser als jeder andere Fernsehjournalist das zu können, was in den Programmankündigungen gern als "Blick hinter die Kulissen der Politik" gepriesen wird. Er hat Filme über Merkels Führungsstil gedreht, über Gerhard Schröder, Joschka Fischer, die Finanzkrise, und immer ist er beeindruckend nah an seine Protagonisten gekommen. Mit der Kamera und mit seinen Fragen. Seine Filme sind eigentlich Höhepunkte des öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus.

Das macht noch ärgerlicher, wie oberflächlich dieser Film bleibt. Sein Konzept ist einfach. Fünf teils ehemalige, teils aktuelle Spitzenpolitiker plaudern mit Lamby über die dramatischsten Politikerlügen und schmutzigsten taktischen Finten: Das Ehrenwort von Uwe Barschel und das von Helmut Kohl, die Affären Wulff und zu Guttenberg. Wie die SPD vor der Wahl 2005 erst eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozent ausschloss, um sie dann in der großen Koalition um drei Prozent anzuheben. Auch über Gerhard Schröder, der die Abstimmung über den Afghanistaneinsatz 2001 mit der Vertrauensabstimmung über seine Kanzlerschaft verband. Und so die Frage von Krieg und Frieden zu einer taktischen machte.   

Reden über die Fehler der anderen

Viel könnte man gewinnen aus diesem Stoff, zum Beispiel, indem man mal bei den jeweiligen Parteifreunden nachfragte. Stattdessen dürfen Wagenknecht, Geißler und die anderen vor allem über die Fehler der Gegner reden. Ströbele macht sich noch einmal über Kohl lustig, Zypries über zu Guttenberg. Und alle zusammen betonen sie immer wieder, wie wichtig es doch sei, dem Wähler die Wahrheit zu sagen. Besonders prinzipientreu: Sahra Wagenknecht, die ja bequemerweise noch nie Verantwortung in einer Regierung übernehmen musste und deshalb vergleichsweise ungefährdet bleibt von den Versuchungen der Lüge.

Das wäre die zweite mögliche Ebene dieses Films gewesen: die systemischen Dynamiken zu erklären, die Politiker zu Virtuosen im weiten Graubereich zwischen echter Lüge und reiner Wahrheit machen. Manchmal deutet es sich an, wenn Wolfgang Gerhardt den Wählern vorsichtig vorwirft, doch nur zu gern den Wahlversprechen zu glauben. Oder wenn Zypries versucht, zu erklären, warum sie Schröders Vertrauensabstimmung über den Afghanistankrieg irgendwie unschön fand, aber doch nötig. Sie sagt an dieser Stelle einen beinahe unglaublichen Satz, achselzuckend, über die Kriegsentscheidung und das hässliche machtpolitische Gerangel: "Ich weiß nicht, ob Soldaten das überhaupt verfolgt hatten oder ob die ganz andere Sorgen hatten." Da bricht es aus dem sonst so rücksichtsvollen Lamby empört hervor: "Na, aber hallo!"        

Solche Stellen sind in Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort leider die Ausnahme. Dafür steht Wagenknecht in einer Szene mit wehendem Haar auf einer Bundestagsterrasse. Und als es um den Afghanistankrieg geht, tauchen auch die Bilder vom einstürzenden World Trade Center auf. 89 Prozent der Deutschen halten Politiker für wenig oder gar nicht glaubwürdig, heißt es in dem Film. Warum, das kann Stephan Lamby leider auch nicht erklären.

"Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Lüge und Wahrheit in der Politik" am 12. August um 22.45 Uhr in der ARD