Vielleicht ist das ja doch der spannendste Bundestagswahlkampf aller Zeiten – und es kriegt nur keiner mit: Die Rockkapelle Die Toten Hosen will nicht, dass ihre Mitgrölschunkelnummer Tage wie diese auf Wahlveranstaltungen gespielt wird – zuletzt geschah das offenbar häufiger auf Veranstaltungen der CDU und der SPD. Wusste man ja vorher auch noch nicht. Einerseits ist es sehr verständlich, dass die Toten Hosen so was nicht wollen, andererseits ist mir keine Beschwerde der Musikanten bekannt über die Verwendung des Liedes durch bierselige Fans im Fußballstadion.

Warum dürfen die – und Angie-Fans nicht? Oder liegt der Unterschied in der ziemlich undemokratischen Forderung, dass man sich an Tagen wie diesen Unendlichkeit wünschen würde – wie es ja der Text beschreibt. Ein vierjährige Amtszeit und Unendlichkeit sind schwer in Einklang zu bringen, möglicherweise wollten die Toten Hosen auch nur darauf hinweisen.

Wenn sich im Moment Journalisten, die sich womöglich zu Hause als "politische Beobachter" feiern lassen, etwas wünschen, dann das dieser Stefan Raab doch bittebitte am kommenden Sonntag nicht das Fernsehduell zwischen Merkel und Steinbrück mitmoderieren möge. Das sei ja alles so schlimm! Das findet sogar Franz Josef Wagner schlimm – und der findet es nicht mal schlimm, dass er jeden Tag in Bild schreiben darf und dafür auch noch Geld bekommt. Soll also was heißen.

Raab hat das Medium Fernsehen verstanden

Raab, so der Vorwurf, sei ein "Unterhalter", er sei "für Witze" zuständig – und er habe schließlich die Schwimmerin Franziska van Almsick in einem Interview gefragt, ob sie schon mal "ins Becken gepinkelt" habe. Das ist zum einen über 15 Jahre her – zum anderen keine so dämliche Frage, wie gerade alle tun. Wer aber tatsächlich glaubt, Raabs Fragen an Merkel oder Steinbrück würden am Sonntag in eine ähnliche Richtung gehen, dem muss man leider jegliche Medienkompetenz absprechen.

Stefan Raab bewies in den vergangenen Jahren vor allem eines: dass er ein absoluter Profi ist, jemand, der das Medium Fernsehen verstanden hat und deshalb auch in der Lage ist, dessen Inhalte behutsam zu revolutionieren. Seine Samstagabendshow Schlag den Raab lässt zum Beispiel Wetten, dass...? regelmäßig wie Bauerntheater aussehen (nebenbei zeigt Raab in dieser Show regelmäßig, dass er über Allgemeinbildung verfügt und das Tagesgeschehen verfolgt); Raab beschäftigte sich seit Mitte der 90er Jahre so intensiv mit dem Eurovision Song Contest, das er ihn schließlich dank Lena Meyer-Landrut gewann. Die Show, die er dann verantwortet, war ein Meisterwerk der Unterhaltung: Würdelos? Geschmacklos? Dumm? Nö.

Seit einigen Jahren verantwortet Raab zudem die TV Total Bundestagswahl, und wer sich diese Sendungen anschaut, wird Blödeleien, Ignoranz, Politikverdrossenheit oder Unkenntnis nur schwer finden. Und nach mehreren Ausgaben seiner Polittalkshow Absolute Mehrheit kommt auch dieses Format so langsam in die Gänge. Warum also sollte Stefan Raab nicht geeignet sein, das Fernsehduell zwischen Merkel und Steinbrück mitzumoderieren?

Es braucht einen Narren

Die anderen drei gelten als geeigneter. So so. Maybrit Illner moderierte in diesem Jahr die große Gala zum ZDF-Jubiläum, das war kein journalistisches Glanzstück, musste es auch nicht sein – und an die Reisesendung azur, erinnert sich wahrscheinlich nur Illner selbst; Anne Will kam von der Sportschau, Peter Kloeppel kommt von RTL – wo genau ist eigentlich das Problem?

Und dann ist da ja noch Jon Stewart. Der Mann ist Komiker. Hatte Shows bei Comedy Central, bei MTV. Übernahm dann 1999 The Daily Show, die heute in den USA völlig zu Recht als eine der wichtigsten politischen Sendungen gilt. Stewart war 2004 in einer CNN-Sendung zu Gast, Politik-Talkshow, etabliert, seriös. Stewart warf den  Moderatoren vor, sie seien für die Polarisierung der politischen Diskussion und die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft mitverantwortlich. Er sagte: "Die Sendung schadet Amerika. Dies ist, was ich euch sagen wollte: Hört auf. Ihr tragt Verantwortung gegenüber dem öffentlichen Diskurs, und ihr versagt jämmerlich." Niemand hat gelacht. Die Sendung wurde wenig später eingestellt. Manchmal braucht es einen Narren, um Schwung in eine Sache zu bringen.

Erschienen im Tagesspiegel