WahlkampfStefan Raab ist der Richtige für das TV-Duell

Alle regen sich darüber auf, dass Stefan Raab das TV-Duell moderieren darf. Wieso eigentlich? Vielleicht braucht es einen Narren, um den lahmenden Wahlkampf zu beleben. von Matthias Kalle

Vielleicht ist das ja doch der spannendste Bundestagswahlkampf aller Zeiten – und es kriegt nur keiner mit: Die Rockkapelle Die Toten Hosen will nicht, dass ihre Mitgrölschunkelnummer Tage wie diese auf Wahlveranstaltungen gespielt wird – zuletzt geschah das offenbar häufiger auf Veranstaltungen der CDU und der SPD. Wusste man ja vorher auch noch nicht. Einerseits ist es sehr verständlich, dass die Toten Hosen so was nicht wollen, andererseits ist mir keine Beschwerde der Musikanten bekannt über die Verwendung des Liedes durch bierselige Fans im Fußballstadion.

Warum dürfen die – und Angie-Fans nicht? Oder liegt der Unterschied in der ziemlich undemokratischen Forderung, dass man sich an Tagen wie diesen Unendlichkeit wünschen würde – wie es ja der Text beschreibt. Ein vierjährige Amtszeit und Unendlichkeit sind schwer in Einklang zu bringen, möglicherweise wollten die Toten Hosen auch nur darauf hinweisen.

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Wenn sich im Moment Journalisten, die sich womöglich zu Hause als "politische Beobachter" feiern lassen, etwas wünschen, dann das dieser Stefan Raab doch bittebitte am kommenden Sonntag nicht das Fernsehduell zwischen Merkel und Steinbrück mitmoderieren möge. Das sei ja alles so schlimm! Das findet sogar Franz Josef Wagner schlimm – und der findet es nicht mal schlimm, dass er jeden Tag in Bild schreiben darf und dafür auch noch Geld bekommt. Soll also was heißen.

Raab hat das Medium Fernsehen verstanden

Raab, so der Vorwurf, sei ein "Unterhalter", er sei "für Witze" zuständig – und er habe schließlich die Schwimmerin Franziska van Almsick in einem Interview gefragt, ob sie schon mal "ins Becken gepinkelt" habe. Das ist zum einen über 15 Jahre her – zum anderen keine so dämliche Frage, wie gerade alle tun. Wer aber tatsächlich glaubt, Raabs Fragen an Merkel oder Steinbrück würden am Sonntag in eine ähnliche Richtung gehen, dem muss man leider jegliche Medienkompetenz absprechen.

Stefan Raab bewies in den vergangenen Jahren vor allem eines: dass er ein absoluter Profi ist, jemand, der das Medium Fernsehen verstanden hat und deshalb auch in der Lage ist, dessen Inhalte behutsam zu revolutionieren. Seine Samstagabendshow Schlag den Raab lässt zum Beispiel Wetten, dass...? regelmäßig wie Bauerntheater aussehen (nebenbei zeigt Raab in dieser Show regelmäßig, dass er über Allgemeinbildung verfügt und das Tagesgeschehen verfolgt); Raab beschäftigte sich seit Mitte der 90er Jahre so intensiv mit dem Eurovision Song Contest, das er ihn schließlich dank Lena Meyer-Landrut gewann. Die Show, die er dann verantwortet, war ein Meisterwerk der Unterhaltung: Würdelos? Geschmacklos? Dumm? Nö.

Seit einigen Jahren verantwortet Raab zudem die TV Total Bundestagswahl, und wer sich diese Sendungen anschaut, wird Blödeleien, Ignoranz, Politikverdrossenheit oder Unkenntnis nur schwer finden. Und nach mehreren Ausgaben seiner Polittalkshow Absolute Mehrheit kommt auch dieses Format so langsam in die Gänge. Warum also sollte Stefan Raab nicht geeignet sein, das Fernsehduell zwischen Merkel und Steinbrück mitzumoderieren?

Es braucht einen Narren

Die anderen drei gelten als geeigneter. So so. Maybrit Illner moderierte in diesem Jahr die große Gala zum ZDF-Jubiläum, das war kein journalistisches Glanzstück, musste es auch nicht sein – und an die Reisesendung azur, erinnert sich wahrscheinlich nur Illner selbst; Anne Will kam von der Sportschau, Peter Kloeppel kommt von RTL – wo genau ist eigentlich das Problem?

Und dann ist da ja noch Jon Stewart. Der Mann ist Komiker. Hatte Shows bei Comedy Central, bei MTV. Übernahm dann 1999 The Daily Show, die heute in den USA völlig zu Recht als eine der wichtigsten politischen Sendungen gilt. Stewart war 2004 in einer CNN-Sendung zu Gast, Politik-Talkshow, etabliert, seriös. Stewart warf den  Moderatoren vor, sie seien für die Polarisierung der politischen Diskussion und die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft mitverantwortlich. Er sagte: "Die Sendung schadet Amerika. Dies ist, was ich euch sagen wollte: Hört auf. Ihr tragt Verantwortung gegenüber dem öffentlichen Diskurs, und ihr versagt jämmerlich." Niemand hat gelacht. Die Sendung wurde wenig später eingestellt. Manchmal braucht es einen Narren, um Schwung in eine Sache zu bringen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Stefan Raab weiß, was man jungen (und auch älteren) Fernsehbegeisterten anbietet, damit es nicht so abgedroschen wirkt. Man muss ihn deshalb ja nicht lieben, aber er hat das Fernsehen belebt.
    Gleiches könnte in der Politik passieren, ein Stück weit. Da haben wir es bitter nötig. Ich finde es diesen Versuch wert. Ich freu mich auf den Abend!

    2 Leserempfehlungen
  2. Eher bracht man hier mal einen der Tacheles sagt und anspricht.
    Der aber Neutral bleiben sollte auf Fragen und Einstellungen.

    Ob Raab dafür richtig ist, schwer einzuschätzen, zumindest ist Politik worüber man nicht lachen sollte sondern es ernst nehmen.

    Und man sollte direkt und hart ansprechen was das Volk denken uns sagen sowie fragen würde.

    Ich brauch keine Moderatoren die sich durch Antworten Schlingen oder noch wenige Politiker die sich mit Antworten der Verantwortung oder alles verdrehen nach ihren eigenen Wünschen oder Denken, aber was mit der Realität der Politik und Auswirkung nix zu tun hat.

    Ehrlichkeit ist das was hier in Lande am meisten fehlt.
    Ich brauche keine Politiker die ihre Wähler anlügt oder Moderatoren die sich nicht trauen direkte und tatsächliche Fragen zu stellen.

    Und auch Statistiken von xyz. kann man verzichten,
    wenn es gegenüber den tatsächlichen Ablauf der Gesellschaft
    ganz anderes aussieht.

    Vielleicht sollten Politiker mal mehr Meinungen holen von Bürgern und sie fragen. Statt nur paar 1000 und das als repäsentive für alle sehen.

    Vielleicht sollte den Politikern mal ein Umdenken das man mit den Volk regieren sollte statt dagegen.

    2 Leserempfehlungen
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    Was wir brauchen ist keinen "Narren" sondern einen guten Journalisten, der knallharte Fragen stellen kann und die Kandidaten ins Sohwitzen bringt. So was ist hier leider eine Seltenheit geworden. UNd wenn wir schon einen "Narren" brauchen dann bitte einen subversiven Narren und keinen Massenbespassungsschenkelklopfer wie Raab, der sein Geld damit verdient, Menschen in den Dreck zu ziehen und dann noch hinterherzutreten.

    Raab als Moderator ist das Sinnbild der Entpolitisierung und Trivialisierung der Bevölkerung in diesem Land. Politik muss nicht unterhalten. Sie muss nicht gut verdaulich daherkommen. Sie muss sich auch nicht dem dumpfen Massengeschmack anbiedern.

    UNd Leuten die Raab nicht anstelle eines vernünftigen Journalisten sehen wollen, die "Medienkompetenz" abzusprechen, halte ich gelinde gesagt für sehr gewagt. Wer mir einen Raab vorsetzt der will mich intellektuell beleidigen. Der will sich mir anbiedern. Ich denke dieses Land hat genug ernste Probleme zu bewältigen, ich finde das unterhaltend genug.

  3. Überhaupt sind diese Zirkusveranstaltungen unwürdig. Wenn eine Wahl durch so einen inszenierten Schwachsinn entschieden werden kann, was sagt das dann über die Regierungsform Demokratie aus?

    19 Leserempfehlungen
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    Für die Inszenierung dieser Demokratiesimulation ist ein Entertainer wie Raab genau der richtige; Hauptsache das Wahl-Spektakel ist groß, bunt, laut.
    Die Inszenierung muss stimmen, die Wahrung des Scheins durch aufgeblasene Rituale, der Rest um die traurige Realität ist egal.

    Denn, wie die Vergangenheit gezeigt hat, ist der Charakter von "freien Wahlen" ein vorwiegend formeller, ist es ja mehr oder weniger egal, wer regiert, die Tendenz politischen Gestalten und Verwalten ist immer systemkonfom und das heißt markt- und machtkonform.
    Die Parteien scheidet vorrangig noch der Grad der Frechheit wie sie dies dann tatsächlich umsetzen.
    Siehe auch: Gesellschaft des Spektakels
    http://de.wikipedia.org/w...

    Sind dann die interessierten Zuseher, die Moderatoren und die beiden Hauptpersonen unwürdig?

    Dieses öffentliche Interview entscheidet sicher keine Wahl. Aber es bietet die Möglichkeit, die Darlegung der Standpunkte und deren Rechtfertigung der jeweiligen Person im direkten Vergleich zu verfolgen. Das hilft unter Umständen bei der eigenen Meinungsfindung bzw. -festigung. Und zwar für viele Menschen.

    Was wiederum auch einen Aldi-Effekt mit sich bringt (Champagner für alle) und vielleicht den ein oder anderen Menschen etwas näher an das Thema Politik führt. Auch deshalb ist (der immer noch häufig unterschätzte) Stefan Raab eine gute Wahl für diese Sendung.

    Oder waren Sie noch nie bei Aldi einkaufen, nur weil es vielleicht unwürdig sein könnte?

    • Kalef
    • 31. August 2013 17:52 Uhr

    ich bin nun wirklich weit entfernt davon, diese Kanzlerduelle verteidigen zu wollen, aber Ihr Post impliziert, in einer Demokratie sei per se erst mal nichts inszeniert. Schon mal ne Sitzung des Bundestags verfolgt?

  4. Im Grunde zwingt der Mob doch die Politiker zur Lüge!

    Ernste Reden, lange Verhandlungen und die Entscheidungen aus denen sollen doch nicht "witzig" sein!
    Ich höre überall; "Die Politik ist zu ernst, es wird nicht gelacht.", "Es gibt keine Transparenz"(Was gleichzusetzen mit, "Ich bin der Informationsflut nicht gewachsen!!!" ist.

    Da Politiker auch nur Menschen sind, versuchen sie eben als Konsequenz auf die Reaktionen alles hinter verschlossenen Zimmern zu machen, oder es einfach auszusitzen(Siehe Merkels "Wahlkampf").

    Es gibt Dinge, die sind nicht witzig und sie sollen es auch nicht sein!
    Wieso kapieren dies aber viele nicht?

    Aber ach.. was schreib ich hier eigentlich. Man kann es auch einfach so schreiben; Die Leute sind zu bequem!

    Dank des Internets kann man sich doch alles in einfachster Sprache, ob vertont oder als Filmchen besorgen..

    Eine Leserempfehlung
  5. Im Übrigen das sich schon vielen aufgefallen ist.
    Sollten die Politiker mal es wieder Lernen zuzuhören und Kollegen ausreden lassen. Wenn ich mir die Show diese Woche von Maybritt Illner angeschaut habe, die das auch gut macht.

    Ist mir immer wieder aufgefallen diese Leute wohlen einfach nicht zuhören die wollen auch nur ihre Meinung durchsetzen, die arbeiten nicht miteinander sondern gegeneinander.

    Ist ja nicht so das diese in Parlament so sich zeigt, es zeigt sich ja auch in jeder
    Politik Runde so.

    Politiker sollten mal ganz genau darüber Nachdenken.
    Für wen sie Arbeiten für was sie Arbeiten, von wen sie den Lohn bekommen,
    wer ihnen das Finanziert, und wie man sich Untereinander benimmt oder Unterhält.

    Ich brauch auch hier keine Politiker die den Wahrheiten oder Kritik mit dazwischenreden oder nicht zuhören.

    Politik sollte man ernst nehmen, vorallen gegenüber den Volk.

    Wer nur auf Lobbyisten oder Meinungsmacher hört oder dessen Interessen durchsetzt, gehört nicht in die Politik.

    Vielleicht sollten Politiker mal einen Grundethik ihrer Politischen form neu gestallten.

  6. für den niveaulosen Medienhype rund um die angebliche Wahl.

    Udo Lindenberg sollte Kanzler werden, Profalla endlich den Syrienkonflikt beenden und der Rest bei Jauch wer wird Millionär spielen.

    Geht's noch dümmer?!

    Nice WE

    10 Leserempfehlungen
    • Carlton
    • 31. August 2013 10:39 Uhr

    Volker Pispers lieber...

    26 Leserempfehlungen
  7. Schramm und Pispers.

    Aber mit denen wollen diese Kandidaten in keinem Gebäude sein, geschweige denn vor der Kamera. Da werden sie nämlich gnadenlos zerlegt.

    30 Leserempfehlungen

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte Stefan Raab | Wahlkampf | Bundestagswahlkampf | TV-Duell
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