Viele Fernsehsendungen finden in den sozialen Medien ein heiteres Echo. Und oft ist das, was sich auf dem sogenannten Second Screen abbildet, viel unterhaltsamer als das, was auf der Mattscheibe flimmert. Die Twittritik auf ZEIT ONLINE erklärt, was die Zuschauer wirklich beschäftigt und beginnt mit dem ersten Tatort nach der Sommerpause.

Laue Sonntagabende, Biergarten, Picknick am See. Wunderbar war das. Acht Wochen Ferien. Doch jetzt hat er uns wieder, der Tatort. Er holt uns in die Schweiz und wird ein Familiendrama ausbreiten, samt dubiosen Freikirchlertums. Die Twittergemeinde des Bistums St. Gallen freut sich schon.

Nach der Sommerpause beginnt also der Fernsehherbst. Trüb und klamm, die Farben ermattet wie auf den Wahlplakaten der CDU. Gekauert auf die restwarmen Couchgarnituren harren wir der Dinge, die uns erwarten.  

Klingklangtatortgeklimper. Ein totes Mädchen im Wald. Ein Sägewerk. Ein betender Stiefvater, der von höheren Mächten beherrscht zu sein scheint. Filmkunstverdacht. Twin Peaks in Luzern?

Nein, dann doch eher Caspar David Friedrich. Die Kirchtürme verwölken, der Herbstwald nebelt, und zwischen altem Laub liegen viele Steine herum.

Der Tatort ist wohl die Große Koalition der deutschen Fernsehzuschauer: maximale Behaglichkeit bei lautestmöglichem Lästerbeiklang. Blöd für die Grünen, dass sie sich auch am Sonntagabend als Spielverderber positioniert haben. Im #TatortWatch dokumentieren Rechts- & InnenpolitikerInnen der Partei Ermittlungsfehler und sonstige Schweinereien. 

Kurzer Schreck: Sind die Grünen noch in der Sommerpause?

"BürgerInnenrechtsverletzungen live" zu suchen ist bei diesem Tatort leider besonders undankbar. Wir sind nämlich in der Schweiz. Und es geht nicht um  Steuer-CDs oder Rassismus, sondern um freikirchliche Extremisten. Wo, Herrgottnochmal, bleiben die Ermittlungsfehler?

Auch das noch. Die Gegenbewegung #WatchTatort überholt die Grünen. Ihr Slogan: Der Tatort darf das! Zum Glück für die Grünen brechen die Schweizer Ermittler in die Wohnung eines Verdächtigen ein.

Ein kurzer Verdacht kursiert in der Twitter-Gemeinde: Spielt der Tatort: Geburtstagskind vielleicht gar nicht in der Schweiz?  Zumindest ist in der ARD-Version alles Schwyzerdütsche fortsynchronisiert.  

Die These erhärtet sich. Im Kanton Luzern ist bundesdeutsche Wirklichkeit eingezogen. 

Unglaublich! Sogar seinen Dienstwagen hat Flückiger dem Kollegen Borowski aus dem Kieler Tatort abgekauft und umgespritzt.

Was viele von uns noch nicht wussten: Am Vierwaldstätter See gibt's nicht nur Motorboote, sondern auch Trailerparks. Außerdem ein besetztes Haus. Und einen illegalen Klub. Zum Glück mit Feuerlöscher.

Die Synchronisation ist auf jeden Fall trending topic beim #tatort. Zum Glück spricht jemand mal ein Machtwort und verhindert eine erneute deutsch-schweizerische Eiszeit.

Eine Frage darf noch erlaubt sein: Ist Reto Flückiger – der Mann, der beinahe Sex mit Klara Blum vom Bodensee hatte – wirklich der langweiligste aller Tatort-Ermittler?

Ach, die Landschaften! Nach acht Wochen blauen Himmels endlich wieder düsteres Wolkenziehenimzeitraffer. Ohne das kommt kein Tatort an den Sendeverantwortlichen vorbei. 

Immerhin haben sie sich bei der Farbregie diesmal wirklich Mühe gegeben. Nach dem Chronochrome-Festival gibt's einen Showdown im kalten Blau der Blutresterkennungslampe.

Das Schwarzlicht beweist: Der Sektenvater hat seine vom rechten Weg abgekommene Stieftochter erschlagen. Also doch Twin Peaks.

Zusammenfassend kann man sagen: Der Tatort: Geburtstagskind hat uns nichts geschenkt. Das ist konsequent. Nach acht Wochen Ferien muss man schließlich spüren, dass der Alltag wieder begonnen hat.

Die Glaubensgemeinde hat jedenfalls viel zu besprechen.