Dokumentarfilm von Kitty GreenDer Mann hinter Femen

Die Australierin Kitty Green sieht ihre Dokumentation als Beichte der Femen-Frauen – und gleichzeitig als Neustart für deren Kampf. Der Patriarch sei überwunden. von Jan Schulz-Ojala

Hat Kitty Green, 28 Jahre alt und feministische Regisseurin aus Melbourne, mit einem einzigen Dokumentarfilm die gesamte Femen-Bewegung ruiniert? Manche sehen das jetzt so, seit Ukraina Ne Bordel (Die Ukraine ist kein Bordell) am Mittwoch beim Filmfestival in Venedig Premiere hatte. Schließlich kommen darin nicht nur die bekannten Aktivistinnen zu Wort, die mit nacktem Oberkörper medienwirksam in Kiew, Paris, Rom, Davos, Stockholm, Tunis und anderswo gegen das Patriarchat demonstrierten, sondern auch ein Mann: Viktor Swjatski. Und der nennt sich vor der Kamera ganz ungeniert "Patriarch" – Die taffen Femen-Frauen unter der Knute eines männlichen Masterminds? 

Tatsächlich hat ein inzwischen 38-jähriger Ukrainer nach diesem Film Femen mitgegründet – und jahrelang mit harter Hand aus dem Hintergrund regiert, ein Lehr- und Zuchtmeister, erst bewundert, bald gefürchtet. Und so mutig seine Amazonentruppe sich stets in die Schlacht wirft, ob gegen Berlusconi, die Bonzen der Weltwirtschaft oder gegen Frauenunterdrücker im Islam, so verächtlich spricht Swjatski über sie: "Diese Mädchen sind schwach, unterwürfig, rückgratlos, unpünktlich", sagt er streng in Kitty Greens Kamera. Klar, dass da jemand wie er kommen musste, um sie zu schlagkräftigen politischen Aktivistinnen zu formen.

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Viktor Swjastki geht in dem Interview sogar noch weiter. Wollte er durch Femen auch an Frauen kommen? "Vielleicht, ja. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagen würde: definitiv nicht." Derlei offenherzige Chef-Bekenntnisse sind ein harter Schlag für das ohnehin schillernde Image der Frauen, die sich ausziehen, um gegen sexuelle Ausbeutung zu protestieren. Geradezu schockiert zeigten sich die Unterstützerinnen der 2012 neu gegründeten Zentrale Femen France. "Die hatten nie von Viktor gehört", sagt Kitty Green beim Interview auf einer Lido-Terrasse mit Meerblick. "Aber dann haben wir ihnen die ukrainischen Macho-Strukturen erklärt, und sie waren wieder auf unserer Seite."

Tatsächlich liegen die Dinge kompliziert: Der Doku-Schock ist frisch, die Verhältnisse aber, die ihn begründet haben, sind laut Kitty Green entschieden überwunden. Ihren Film hat sie im Sommer letzten Jahres abgedreht, und bald trennten sich die Femen-Frauen – sieben von ihnen sind nun mit der Regisseurin nach Venedig gereist – von Swjastki. "Femen entwickelt sich weiter", sagt sie. "Viktor sind sie endlich los, und das ist der erste Schritt zu einer echten feministischen Organisation."

Green begriff die Rolle des Mannes erst nach einer Weile

Ihren Film will sie als "Beichte" der Gruppe verstanden wissen, die dem Neustart voranging. Wobei sie selber dieses Ziel auch erst im Lauf des Drehs fokussierte. Vor drei Jahren reiste sie in die Heimat ihrer ukrainischen Großmutter, lernte die Sprache, fand Kontakt zu Femen und wurde zur Video-Dokumentaristin, die jeden öffentlichen Auftritt der Gruppe online stellte. Fortan gehörte sie zur "Familie": Sie wohnte 14 Monate mit sechs Femen-Frauen zusammen in einer Zweizimmerwohnung in einem Kiewer Plattenbau-Vorort. Nach einer Weile begriff sie, dass ein gewisser Viktor die Gruppe anleitete, erst bekam sie seine autoritären Telefonanrufe mit, dann begann sie, ihn heimlich zu filmen. In einer Szene etwa poltert er – in seiner, wie sie sagt, "üblichen schweinischen Ausdrucksweise" – über eine misslungene Aktion.

Seinen Solo-Auftritt im Film hat Kitty Green vor allem als ihre eigene Mutprobe in Erinnerung. Das Interview mit ihm kam nach dem eigentlichen Drehschluss zustande, sie wollte Swjastki Gelegenheit zur Stellungnahme geben. "Du bist verrückt, du machst die Bewegung kaputt", habe er getobt. Und gefordert, den Film nur freizugeben, wenn alle Frauen darin sein Outing als Chef gutheißen. Kitty Green: "Es war ein Kampf fast mit jeder." Aber dann habe sie die Frauen überzeugt, diese Vergangenheit offenzulegen und damit auch hinter sich lassen zu können. Auch das zeigt der Film: Swjatskis coole Selbstironie über das "patriarchalische Paradox", das er verkörpert, spiegelt sich im vorsichtigen Spott, mit dem die Frauen ihre eigene Rolle sehen.

Nun, da das Macho-Monster besiegt scheint, nimmt Kitty Green den unheimlichen Hintergrund-Guru sogar in Schutz, wenn auch nur in einem Punkt: "Es ging ihm nicht um Sex. Viktor hält sich eher für einen russischen Revolutionär, der Marx, Engels und August Bebel liest und seine Armee formt." Andererseits ist sie auch selber spürbar erleichtert, diesen Schatten los zu sein. Swjastki kenne den Film nicht, sagt sie, und zeigen werde sie ihn ihm erst recht nicht. Denn dafür müsste sie zurück in die Ukraine, wo sie den selbsternannten Patriarchen Viktor Swjastki in sicherer Entfernung weiß – nicht nur, weil sie längst wieder in Australien lebt. "Er kann nicht raus, er hat keinen Pass."

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Leserkommentare
  1. 1. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
    • msknow
    • 05. September 2013 20:18 Uhr

    Egal für wie rational und vernunftbegabt wir uns halten. Der Grund, warum Männer sich für Frauenthemen interessieren und bei Berichten über Femen-Aktivitäten gepostet haben, sind nackte Brüste.
    Das ist doch grundsätzlich mal ein Gedanke wert, dass T....n immer noch das schlagkräftigste Argument von Frauen sind, Männer für die Gleichberechtigung zu interessieren. Dass sich ein Mann dafür Frauen bedient, ist eigentlich nur natürlich, denn wenn er seinen Schniedel gezeigt hätte, würde da wahrscheinlich nicht einmal ein Regionalblatt drauf halten.
    Hier sind riesige Schlangen vor Läden, wenn dass neue iPhone raus kommt. Ein wahnsinniger Druck auf unsere Jugend, dass richtige Kleid zu tragen. Die Hirnwäsche ist doch hier in vollem Gang... ...und da wollen wir uns darüber aufregen, was bei Femen passiert. Zumal das Ding für die Presse (auch Zeit online) ganz dick nach hinten losgeht. Denn ihr seid da hinterher gelaufen wie der Rüde hinter der läufigen Hündin.

  2. der die Frauen trainiert, bis sie ihn selbst feuern. Das ist nicht überraschend, das ist die selbstverständliche Abschlussprüfung. Die uralte Story der Aufopferung.

    Meines Erachtens sagt das über Femen so gut wie nichts aus. Eine überflüssige Enthüllung.

    Die alte Predigt der Erfüllung durch das Dienen und die neue Predigt der individuellen Freiheit - beides erfasst die Antriebe der Menschen auf viel zu grobe Weise.

  3. wenn ein Mann das in die Hand nimmt. Klingt vertraut. Oder gehen bei uns Frauen für Ganztagsschulen und gleiche Löhne auf die Straße?

    Eine Leserempfehlung
  4. Der Patriarch ist also überwunden. Endlich, das ist der Anfang vom Ende von "Femen".

    Man sieht auch hier wieder:

    Nichts ist, wie es scheint.

    Eine feministische Aktionsgruppe, bei der im Hintergrund ein Mann die Strippen zog und die "Puppen tanzen" liess.

    Die Moral von der Geschichte:

    Leute, lasst Euch nicht blenden von Fahnen, Sprüchen, Slogans. Hinter dem "feministischten" Auswuchs können Männer stecken, hinter den Fahnen mit dem tiefsten Rot das Kapital.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dokumentarfilm | Regisseur | Ukraine
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