Naturdokumentationen sind langweilig? Weit gefehlt. Das belegt die Filmförderanstalt anhand der Statistik aller verkauften Kinokarten: Naturfilme machten zwar nur drei Prozent der 550 Dokumentationen aus, die in den Jahren 2010 und 2011 in deutschen Kinos liefen, – aber die Naturfilme vereinten 27 Prozent aller Doku-Zuschauer auf sich. Dabei zählten noch nicht einmal Tier-Porträts und Reisetagebücher mit zu diesem Subgenre der Dokumentation.

Mathematisch gesehen ist dieser Erfolg klar. Hierzulande hatte eine Dokumentation im Durchschnitt viereinhalbtausend Kino-Zuschauer – während Unsere Ozeane Anfang 2010 fast 600.000 Menschen in die Kinos lockte, und Die Nordsee von oben im Sommer 2011 beinahe 200.000 Menschen sahen. Das bedeutet Platz eins und drei auf der Doku-Topliste im Doppel-Jahrgang 2010/2011. Dazwischen tanzte die Dokumentation Pina über die deutsche Choreographin Pina Bausch.  

Aber soziologisch gesehen verwundert dieser Erfolg doch. Auf den ersten Blick. Naturfilm: Das klingt irgendwie nach Webcam im Wald, nach diesen Zugfahrten, die einen nächtelang durch die Republik rattern, ohne dass man den Weg von der Couch ins Bett schafft.

"Für mich sind das moderne Entdeckungsfilme", sagt hingegen der Filmemacher Peter Bardehle. "Wenn man es schafft, fern von Tourismuswerbung und Kitsch und auch frei von politischen Botschaften solche Filme zu erarbeiten, dann zieht das nicht nur Arthouse-Zuschauer an, sondern auch andere." Peter Bardehle hat das schon geschafft, zum Beispiel mit Die Nordsee von oben, jenem Naturfilm-Hit vor zwei Jahren. Und die Chancen stehen gut, dass Bardehle es nun wieder schafft: mit der Dokumentation Die Alpen – Unsere Berge von oben.

90 Minuten fliegt der Zuschauer in, durch, über die Alpen. Man sieht einen Kirchturm mit einem Stausee. Riesige Matten, die im Sommer auf karge Skipisten des Stubaier Gletschers gelegt werden. Bungee-Springer, die sich von dem gigantischen Verzasca-Staudamm im Tessin hinabstürzen wie James Bond in Golden Eye. Milchkannen, die mit einer Mini-Seilbahn transportiert werden. Und andere kleine Momente in diesem großen Gebirge, die einem beim Skifahren und Wandern verborgen bleiben.

"'Wir zeigen dir Dinge, die du kennst, aber so noch nicht gesehen hast. Das wird ein Spektakel': Das versprechen Naturdokumentationen", sagt Thomas Nachreiner von der Universität Erlangen. Der Medienwissenschaftler lehrt unter anderem deutsche Filmgeschichte und Geschichte des Dokumentarfilms. 

Der Film Die Alpen – Unser Berge von oben löst dieses Versprechen durchaus ein.

90 Minuten aus der "Perspektive des besseren Wanderers"

Allein die ungewöhnliche Perspektive: Wie man 90 Minuten hinweggleitet über dieses kolossale Gebirge – das sei nicht einfach eine "Vogel-Perspektive", sondern eine "Perspektive des besseren Wanderers" oder sogar ein "Gott-Modus", sagt der Doku-Forscher Nachreiner. Das sei nicht einfach nur ästhetisch und somit schön anzusehen, sondern es wecke die Sehnsucht nach der Natur, nach etwas Ursprünglichem – gerade heutzutage, in einer Zeit voller Medien und einer Zivilisation voller Technik.

Ästhetik und Natur-Sehnsucht: Das sind zwei Gründe, warum Naturdokumentationen beliebt sind. Doku-Forscher Nachreiner nennt weitere: "Anschlussfähigkeit" zum Beispiel. "Natur und Tiere sind universale Themen. Da braucht man nur wenig Vorwissen, kaum einen Kontext", erklärt Nachreiner.  

Und dann ist da noch etwas, was Dokumentationen an sich zum Erfolg verhilft und gerade bei den "von oben"-Filmen wirkt: die Technik. Zeitlupen, Superzooms, weltraumfähige Kameras: Immer aufs Neue versprechen sie, jetzt noch realistischere Bilder zu zeigen, sagt der Medienwissenschaftler Nachreiner. Die Alpen wurde mit der Cineflex gedreht – wie schon Die Nordsee von oben. Diese Kamera wurde von Geheimdiensten entwickelt. Sie wird an die Unterseite eines Hubschraubers montiert und kann dann zum Beispiel auf einen fliegenden Vogel bis auf die Federspitze scharf heranzoomen – während der Pilot des Hubschraubers den Vogel  mit bloßem Auge kaum entdecken kann. 

Insofern hat Die Alpen – Unsere Berge von oben also alles, was den Naturfilm – oder Erlebnisfilm – erfolgreich machen sollte. 

Asphaltbänder statt Roter Faden

Etwas fehlt jedoch: ein Leitgedanke. In den anderthalb Stunden springt man zwischen den Jahreszeiten hin und her. Man hetzt kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen. Und auch die einzelnen Themen wie die Erdgeschichte oder die Folgen der globalen Erwärmung kommen mal hier, mal dort vor. Man habe lange diskutiert, erzählt Bardehle, der als Produzent den Dreh organisiert hat und als Regisseur mit dem Kameramann Klaus Stuhl im Hubschrauber saß. Eine Reiseroute durch die Alpen wäre Bardehle zufolge nicht durchzuhalten gewesen. Und eine Jahreszeiten-Chronologie funktioniere zwar im Fernsehen super, aber nicht im Kino. Der Rohschnitt habe ein halbes Jahr gedauert, weil man viel ausprobiert, viele Passagen hin- und hergeschoben habe. "Irgendwann haben wir entschieden: Es gibt keinen roten Faden. Keine dogmatischen Vorgaben."

Und so wird die Geschichte, wie zwei Kontinentalplatten aufeinanderprallen und sich zu einem Gebirge falten, nicht am Stück erzählt, sondern irgendwie immer mal wieder angesprochen. Das mag verwirren und unnötig Konzentration verlangen. Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen und den Rundflug genießen. Ein Kinoticket, null Urlaubstage: So preiswert kommt man sonst nicht in die Alpen.