Allein die ungewöhnliche Perspektive: Wie man 90 Minuten hinweggleitet über dieses kolossale Gebirge – das sei nicht einfach eine "Vogel-Perspektive", sondern eine "Perspektive des besseren Wanderers" oder sogar ein "Gott-Modus", sagt der Doku-Forscher Nachreiner. Das sei nicht einfach nur ästhetisch und somit schön anzusehen, sondern es wecke die Sehnsucht nach der Natur, nach etwas Ursprünglichem – gerade heutzutage, in einer Zeit voller Medien und einer Zivilisation voller Technik.

Ästhetik und Natur-Sehnsucht: Das sind zwei Gründe, warum Naturdokumentationen beliebt sind. Doku-Forscher Nachreiner nennt weitere: "Anschlussfähigkeit" zum Beispiel. "Natur und Tiere sind universale Themen. Da braucht man nur wenig Vorwissen, kaum einen Kontext", erklärt Nachreiner.  

Und dann ist da noch etwas, was Dokumentationen an sich zum Erfolg verhilft und gerade bei den "von oben"-Filmen wirkt: die Technik. Zeitlupen, Superzooms, weltraumfähige Kameras: Immer aufs Neue versprechen sie, jetzt noch realistischere Bilder zu zeigen, sagt der Medienwissenschaftler Nachreiner. Die Alpen wurde mit der Cineflex gedreht – wie schon Die Nordsee von oben. Diese Kamera wurde von Geheimdiensten entwickelt. Sie wird an die Unterseite eines Hubschraubers montiert und kann dann zum Beispiel auf einen fliegenden Vogel bis auf die Federspitze scharf heranzoomen – während der Pilot des Hubschraubers den Vogel  mit bloßem Auge kaum entdecken kann. 

Insofern hat Die Alpen – Unsere Berge von oben also alles, was den Naturfilm – oder Erlebnisfilm – erfolgreich machen sollte. 

Asphaltbänder statt Roter Faden

Etwas fehlt jedoch: ein Leitgedanke. In den anderthalb Stunden springt man zwischen den Jahreszeiten hin und her. Man hetzt kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen. Und auch die einzelnen Themen wie die Erdgeschichte oder die Folgen der globalen Erwärmung kommen mal hier, mal dort vor. Man habe lange diskutiert, erzählt Bardehle, der als Produzent den Dreh organisiert hat und als Regisseur mit dem Kameramann Klaus Stuhl im Hubschrauber saß. Eine Reiseroute durch die Alpen wäre Bardehle zufolge nicht durchzuhalten gewesen. Und eine Jahreszeiten-Chronologie funktioniere zwar im Fernsehen super, aber nicht im Kino. Der Rohschnitt habe ein halbes Jahr gedauert, weil man viel ausprobiert, viele Passagen hin- und hergeschoben habe. "Irgendwann haben wir entschieden: Es gibt keinen roten Faden. Keine dogmatischen Vorgaben."

Und so wird die Geschichte, wie zwei Kontinentalplatten aufeinanderprallen und sich zu einem Gebirge falten, nicht am Stück erzählt, sondern irgendwie immer mal wieder angesprochen. Das mag verwirren und unnötig Konzentration verlangen. Man kann sich aber auch einfach zurücklehnen und den Rundflug genießen. Ein Kinoticket, null Urlaubstage: So preiswert kommt man sonst nicht in die Alpen.