Abbas trägt Vollbart und klatscht sich gerne auf den dicken Bauch. Er und der schmale Jamal mit dem Zöpfchen auf dem Kopf und dem coolen Migrantionshintergrundjargon hocken gemütlich in ihrem blinkenden, vollgekramten Elektroladen in Berlin-Neukölln. Ab und zu kommen die Kinder vorbei und manchmal auch ein Kunde. Daniel zum Beispiel. Abbas dreht ihm einen riesigen Röhrenfernseher für 50 Euro an: "Ey, du bist mir sympathisch. Kriegst zwölf Monate Garantie." Natürlich ohne Quittung.

Abbas und Jamal müssen ja nicht gleich Terroristen oder Ehrenmörder sein – aber dass der billige Riesenkasten nicht funktioniert, als Daniel ihn endlich in seine Wohnung geschleppt hat, ist irgendwie klar, oder? Ist es dann doch nicht, denn nicht der Fernseher, sondern Daniels Kabel ist kaputt. Im Film Ummah – Unter Freunden von Cüneyt Kaya sind die arabischstämmigen Muslime die Guten.

Der Filmemacher Kaya ist selbst im Wedding als Deutschtürke aufgewachsen und es gelingt ihm in seinem Film, den Zuschauer hinter die Ladentheke der Jamals und Abbas' zu ziehen, die wir irgendwie schon zu kennen glauben. Kida Khodr Ramadan in der Rolle des Abbas und Burak Yiğit als Jamal geben uns das Gefühl, diesen fremden und doch vertrauten Nachbarn richtig nahe zu kommen. Sie mobilisieren zunächst unsere Vorurteile, nur damit wir sie später so richtig gerne haben dürfen. Wir schauen in ihr Wohnzimmer mit Wasserpfeife und plüschiger Riesencouchgarnitur, gehen mit auf eine alkoholfreie Hochzeit und zum Koranunterricht mit dem jungen, vorsichtigen Lehrer. Wir sind auch dabei, als sture Berliner Polizisten, einfach mal auf Verdacht, Abbas und dessen Freund Hasan mitnehmen.

Denn viel mehr als eine lustige Menschen-mit-Migrationshintergrund-Komödie ist Ummah ein brutaler, politisch aufgeladener Krimi. Daniel (Frederick Lau) ist nicht nur der wortkarge, neue Nachbar in Neukölln, sondern ein traumatisierter verdeckter Ermittler vom Verfassungsschutz, der gerade zwei mutmaßliche Rechtsradikale erschossen hat, selbst verwundet wurde und sich nun eine Auszeit nimmt. Er trägt ein Neonazi-Tattoo auf dem Rücken und gehörte einst selbst zur Welt der Bösen.

Nun will Daniel gut werden, will "etwas richtig machen". "Wie geht das?", fragt er das Aufnahmegerät in seiner  vermüllten, nur halb renovierten Neuköllner Wohnung. Abbas zeigt es ihm, indem er Daniel beibringt, was echte Freundschaft ist – schließlich war auch er mal auf der schiefen Bahn.

Zwischentöne werden in die Nebenfiguren verbannt

Gut und Böse werden in Ummah klar identifiziert. Zu klar. Daniels Boss vom Verfassungsschutz ist skrupellos und korrupt, die Polizisten sind stumpf und voller Vorurteile. Zwar gibt es unter den Neuköllner Migranten den unbelehrbaren Drogenhändler und einen alten Herrn aus der Gemeinde, der die Ungläubigen mit Misstrauen beäugt. Abbas hingegen ist durch und durch gut. Zwischentöne treten hier lediglich als Nebenfiguren auf, kaum in den Protagonisten selbst.

Das gilt auch für die schöne Afghanin Dina, die einzige Frauenfigur. Ummah, die Gemeinschaft der Muslime, bleibt den Männern vorbehalten, und Dina wirkt, als hätte der Regisseur sie nur um des hübschen Verliebtsein willens erfunden. Der Konflikt, der durch sie in die Handlung hineingetragen wird, verliert sich ungelöst: Dina hält das Kopftuch für Unterdrückung. Daniel, der sich zu ihr hingezogen fühlt, will davon nichts hören, denn die Solidarität mit seinen neuen Freunden, deren Frauen Kopftuch tragen, geht ihm vor. Daniels Entwicklung ist selbst ein Männerklischee. Aus dem einsamen Wolf, der versucht, alleine mit seinem Trauma fertig zu werden, wird ein Held, der sich für seine Freunde opfert.

Schade. Denn so eindrücklich etliche Szenen in Ummah gelungen sind, etwas brüchigere Charaktere hätten den Film interessanter gemacht.