Film "Voll und ganz und mittendrin"Der fremde Vater

Nach einem Monat im Koma kehrt ein Mann zurück zur Familie. Ein feinfühliger und überraschend heiterer Spielfilm zeigt den Verlust eines Menschen, der gar nicht fort ist. von 

Vanetia (Maxine Peak) und Ted (Will Forte) springen gemeinsam ins Meer.

Vanetia (Maxine Peak) und Ted (Will Forte) springen gemeinsam ins Meer.   |  © Senator Film Verleih

Bevor ein Wort gesprochen, bevor überhaupt ein Mensch ins Bild getreten ist, steht dort ein sonnengelber Volvo Kombi. Das Modell: längst überholt. Die hintere Stoßstange hängt schief von der Karosserie herab. Dieses schrullige Automobil wird noch häufiger zu sehen sein, wie es durch die Straßen einer irischen Kleinstadt fährt. Es scheint dann wie die beiläufige Empfehlung, das Leben doch nicht allzu schwer zu nehmen.

In Steph Greens erstem abendfüllenden Spielfilm Voll und ganz und mittendrin ist manches wie dieser alte Volvo: gutmütig und eigensinnig, aber nie unangenehm prätentiös oder auf den plumpen Effekt aus. Run and Jump lautet der Originaltitel und er würde wohl weniger Menschen vom Gang ins Kino abhalten, als es die deutsche Übersetzung vermutlich tut. Sie legt den Verdacht einer seichten Romantic Comedy nahe – dabei ist das Thema ein ernstes und der Film begegnet ihm erfreulich feinfühlig.

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Familienmutter Vanetia (Maxine Peake) steigt zu Beginn ins Auto, um ihren Mann aus dem Krankenhaus abzuholen. Ein Schlaganfall und mehrere Wochen im Koma haben Conors (Edward MacLiam) Persönlichkeit nachhaltig verändert, das wird schnell deutlich. Beim Abendessen mit der Familie wirkt er wie ein zusätzliches Kind, nicht wie der Vater. Er verschüttet Salz, als er den Streuer mit einem Kochlöffel über den Tisch schieben will, statt ihn seiner Mutter einfach hinüberzureichen. Gespräche sind kaum möglich, Conor wirkt im Umgang mit Menschen so unbeholfen wie in seinen Bewegungen. Die Blicke der Kinder verraten Ratlosigkeit: Wie sollen sie umgehen mit diesem Mann?

Der gelernte Schreiner entflieht fortan in die Werkstatt, dort ist er in seinem Element und findet die Sicherheit, die ihm im Alltag verloren ging. Er schleift und hobelt Stunde um Stunde und zieht damit den Unmut seines Vaters auf sich. "Ein Schlaganfall ist keine Ausrede dafür, die Bedürfnisse der Familie zu ignorieren", hält der ihm mit wütender Ungeduld vor. Doch Conor ist mit solcherlei Vorwürfen nicht beizukommen, seine kindlich staunenden Augen und seine Ausraster zeugen von den täglichen Überforderungen. Er schnitzt sich gar eine langstielige Gabel, um Menschen und Tiere nicht unmittelbar berühren zu müssen. Voll und ganz und mittendrin verklärt nichts.

Doch trotz seiner deprimierenden Ausgangslage ist der Film überraschend heiter im Ton. Die zum Großteil mit der Handkamera gedrehten Bilder sind vielfach in natürliches Sonnenlicht getaucht, dazu unterlegen Dream Pop und zarter, unaufdringlicher Folk den Film. Ein Unglück ist geschehen, doch der Fokus liegt auf dem Versuch des gelingenden Weiterlebens, mehr auf der Familie als auf Conor selbst.

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    • Schlagworte Film | Familie | Schlaganfall
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